"Poesiealbum 334: Immanuel Weissglas"; © Märkischer Verlag Wilhelmshorst Verlag
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Gedichte - "Poesiealbum 334: Immanuel Weißglas"

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In der Reihe "Poesiealbum" erscheinen immer wieder zu Unrecht vergessene oder nicht wahrgenommene Dichter, deren Werk eigentlich Beachtung verdient. Das Prinzip Poesiealbum: für 5,00 Euro kompakte 30 Seiten Gedichte jeweils eines Dichters. Dieses Poesiealbum nun macht es möglich, den ernsten, in sich gekehrten, im Traditionellen die Moderne präsentierenden Dichter Immanuel Weißglas zur Kenntnis zu nehmen.

Immanuel Weißglas lebte von 1920-1979, und er war ein Schulfreund des Dichters Paul Celan. Weißglas gehörte zu der deutsch sprechenden und schreibenden Dichtergruppe aus der Bukowina, hier aus der Stadt Czernowitz, heute an der ukrainisch-rumänischen Grenze gelegen. Zu dieser Dichter-Gruppe zählten neben Paul Celan u. a. auch noch Gregor von Rezzori, Aharon Appelfeld, Rose Ausländer und Selma Meerbaum-Eisinger. Also viele bemerkenswerte deutsch-jüdische Dichterinnen und Dichter.

Der Jude Weißglas überlebte von 1941 bis 1944 die rumänischen Konzentrationslager in der Ukraine. Rumänien war ja mit Hitlerdeutschland verbündet, und diese Jahre prägten dann das Leben und Schreiben von Weißglas, denn diese Last konnte er nie mehr bewältigen. Nach dem Krieg zog Weißglas nach Bukarest und arbeitete dort als Theatermusiker, und Redakteur und übersetzte literarische Werke aus dem Deutschen ins Rumänische und umgekehrt.

Was macht den Charakter seiner Gedichte aus und wofür stehen sie?

Dazu zwei Voraussetzungen: Zum Einen wechselte damals beim Zuzug der sogenannten Ostjuden in die Bukowina und nach Czernowitz deren Sprache vom Jiddischen zum Deutschen. Juden, die dort deutsch sprachen oder eben gerade noch Jiddisch, galten damals als die Deutschen, "die Deitschen". Und zum Anderen war gerade durch Autoren wie Weißglas die deutschsprachige Zone Europas eng an diese osteuropäischen Gegenden angeschlossen.

Warum das wichtig ist: All das war nach dem 2. Weltkrieg zerrissen und zerstört, und die Abgründe, diese Apokalypsen, diese unendliche Trauer darüber spiegeln sich sowohl in den Gedichten von Celan wie auch in denen von Weißglas wieder. Die Gedichte von Immanul Weißglas sind dunkel, ernst, von Tod ist oft die Rede, "Todesblume" heißt es, "Todesschmaus", "Todesreigen". Formal arbeitet Weißglas ganz traditionell mit Reimen, in denen sich nun aber die erschütternden deutsch-jüdischen Erfahrungen brechen. Ein Auszug aus "Das Massengrab": " (…) Ein Toter hält sich an den andern fest / wenn man die Schaufel Erde auf sie presst. Und dies Stück Erde, das sie so erwarben, / war das, was Heimat sonst ist, als sie starben; / für die zusammenlebten in der Not, / gab es nur eine Erde, einen Tod."

Eine klare und mutige Auswahl

Die Gedichte von Immanuel Weisglas üben in ihrem Todesbezug einen dunklen Reiz aus, und die Schriftstellerin Kathrin Schmidt hat hier mit kühner und sicherer Hand die wirksamsten und beeindruckendsten Weißglas-Gedichte zusammengestellt. Weißglas‘ Verfahren ist die Abbildung der ewigen Geschichtswiederholung, Assimilation und Vertreibung der Juden, jeder Vertreibung folgt dann ein neuer Versuch von Integration, der aber erneut scheitert. Weißglas' Gedichte zeigen auch das Bemühen um Sinnfindung und Sinngebung im Todesprozess, und so sind sie gleichzeitig ein Schutz vorm Tod, aber auch eine Versöhnung mit diesem. Das hat Kathrin Schmidt mit ihrer Auswahl  erkannt und klar und mutig umgesetzt.

Was hat es mit dem Gedicht "Er" von Weißglas und der "Todesfuge" von Paul Celan auf sich? Es ging da auch um  Plagiats-Gerüchte … Für die, die es nicht gleich parat haben: Paul Celans Gedicht "Todesfuge" beinhaltet diese berühmte Zeile, "der Tod ist ein Meister aus Deutschland", und Weißglas' Gedicht "Er",  entstanden vor dem Celan-Gedicht, ist dem Celan-Text sehr ähnlich, in ihm heißt es "da der Tod ein deutscher Meister war".

Paul Celan kannte das Gedicht von Weißglas. Und Vorwürfe, die hinter den vielen Parallelen in beiden Gedichten ein Plagiat Celans vermuteten, wies Weißglas aber stets zurück und wandte sich gegen das "schakalartige Schnüffeln (…) mit dem unlauteren Ziel, eine dichterische Erscheinung von hölderlinscher Prägung (gemeint ist Celan) in Frage zu stellen."  Weißglas selbst hatte 1947 sein eigenes Gedicht "Er", im Band enthalten, bescheiden zurückgestellt und es erst 1970 veröffentlicht.

Dieses Poesiealbum macht nun möglich, diesen ernsten, in sich gekehrten, im Traditionellen die Moderne präsentierenden Dichter Immanuel Weißglas zur Kenntnis zu nehmen. Noch ein Gedicht von Weißglas:

Erdepitaph
Ein Mann des Friedes, führt ich ewig Krieg
Mit Krügen Weins und einer Welt voll Toren:
Und unbesiegt, seht her, doch ohne Sieg
Ging ich im Niemandsland des Lieds verloren.

Salli Sallmann, kulturradio

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