Wladimir Kaminer: Ausgerechnet Deutschland; Montage: rbb
Goldmann
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Sachbuch - Wladimir Kaminer: "Ausgerechnet Deutschland"

Bewertung:

Wenn sich der Erfolgsschriftsteller Wladimir Kaminer auf etwas gar nicht versteht, dann aufs Bierernste und Verkniffene. Eben das aber prägt den hiesigen Flüchtlings-Diskurs.

Insofern wirft ein Kaminer-Buch über Flüchtlinge die Frage auf: Unterwirft sich der Autor dem üblichen Ton oder fügt er dem Diskurs einen eigenen hinzu? Zweiteres ist der Fall. Kaminer betitelt die Flüchtlinge aus aller möglichen Herren Länder gern generell als "die Syrer", eben weil viele Deutschen anfangs auch Iraner, Afghanistaner und Äthiopier "Syrer" nannten.

Er witzelt über "Syreralismus pur". Er lächelt über junge Flüchtlinge, die das Spümittel Fit für eine günstige Variante von Red Bull halten. Der russisch-stämmige Autor hat ohnehin keine Hemmungen, skurriles und befremdliches Verhalten von Flüchtlingen auch als solches zu beschreiben. Er tut das pointenstark, aber er tut es niemals fies. Alles ist eingebettet in ziemlich viel Verständnis und warme Humanität. Kaum nötig zu sagen: Auch die Deutschen bekommen ihr Fett weg.

Ist das witzig?

Kaminer, der in Berlin in Prenzlauer Berg lebt, hat ein Haus in Brandenburg, und dort machte er seine Beobachtungen, als nach dem Herbst 2015 eine Menge Flüchtlinge in der näheren und ferneren Umgebung untergebracht wurden. Die Google Übersetzungsfunktion wurde praktisch zum wichtigsten Kommunikationshilfsmittel des öffentlichen Lebens, mit dem Nachteil, dass Google in den diversen arabischen Dialekten nur begrenzt firm ist – und solche Dinge zu beschreiben, dass ist Kaminers Hauptleidenschaft.

Anfangs verwunderte ihn, dass sich Flüchtlinge von außen an eine kleine Stadtbibliothek drängten, als würden sie das Gebäude "umarmen". Dann kapierte er: Sie tun es, um mit ihren Smartphones das WLAN benutzen zu können, das so gerade noch durch die Außenwände drang. Ist das witzig? Ja, ist es! Und zwar im typischen Kaminer-Maß. Andere Geschichten hat er im Zuge seiner unaufhörlichen Lese-Reisen erlebt und recherchiert.

Spiegel, Kontrast und Ergänzung

Man spürt "Ausgerechnet Deutschland" an, dass sich Kaminer mit Migration aufgrund eigenen Erlebens auskennt. Sein Deutsch – man hört es im Hörbuch – hat nach wie vor einen starken russischen Akzent. Einmal nennt er sich selbst einen "alten, aber gut erhaltenen Flüchtling" –  ohne deshalb zu behaupten, dass seine Erlebnisse Anfang der Neunzigerjahre eine verbindliche Ähnlichkeit mit heutigen Flüchtlingsschicksalen zu tun hätten.

Aber er erzählt gern von damals, erzählt von sich, von seiner Familie, von seinen Vorfahren. Und das passt als Spiegel, Kontrast und Ergänzung durchaus zu der heutigen Post-"Wir schaffen das"-Epoche.

Ein Beispiel: Einst war Kaminer Komparse in den Babelsberger Filmstudios und saß für gutes Geld tagelang als Russe auf einem Panzer herum. Nun hat er in Babelsberg erlebt, wie eben dort beim Dreh eines amerikanischen Kriegsfilms waschechte Syrer für untauglich befunden wurden, syrische Kriegsopfer zu spielen. Sie erschienen dem Regisseur nicht syrisch genug, er ersetzte sie durch bärtige Albaner. Ist das witzig? Ja, auch das ist witzig. Aber bitter-absurd ist die Geschichte auch. Was Kaminer nicht extra betonen muss.

Wladimir Kaminer zu Gast im kulturradio; Foto: Gregor Baron
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Kaminer scherzt ohne Scheu

"Ausgerechnet Deutschland" ist nach Tonfall, Witz und Machart – kleine, leicht verdauliche Kapitel-Häppchen – zu allererst ein echter Kaminer und zu allerletzt ein politisch-gesellschaftliches Problembuch. Kaminer schert sich nicht um die ominöse politische Korrektheit, er scherzt ohne Scheu über Müßiggang, Unpünktlichkeit und Lernunwilligkeit der Flüchtlinge, er amüsiert sich über ihre Illusionen. Trotzdem dürfte das Buch kaum zur Lieblingslektüre einer Beatrix von Storch oder eines Björn Höcke werden.

Weil Kaminer in Deutschland immer auch ein selbstbewusster russischer Migrant geblieben ist, schreibt er aus einer speziellen Perspektive: Wenn er die Macken von Flüchtlingen aufspießt, hat das nicht den AfD-Sound, es klingt nicht fremdenfeindlich, sondern nach einer lustvoll-zugewandten Studie über Allzumenschliches. Und genau das mag Kaminers entspannender Beitrag zur Debatte sein.

Arno Orzessek, kulturradio

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