Alexander Schimmelbusch: "Hochdeutschland"; Montage: rbb
Klett Kotta
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Roman - Alexander Schimmelbusch: "Hochdeutschland"

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Derzeit sind kritische Insider-Berichte aus turbo-kapitalistischen Luxus-Milieus literarisch in Mode, vorzugsweise geschrieben von ehemaligen Investment-Bankern oder Ex-Geschäftsleuten, die über persönliche Erfahrungen in diesen Milieus verfügen. Der ehemalige Businessman, der unter dem Pseudonym Arthur Isarin schreibt, erzählt über den Arbeits- und Lebensstil russischer Oligarchen, die er während der Jelzin-Ära kennenlernte. Und Alexander Schimmelbusch widmet sich der Beschreibung des Milieus von Frankfurter Investment-Bankern, denn er war selbst mal einer.

Schimmelbusch, Jahrgang 1975, hat einige Jahre in London als Investment-Banker gearbeitet, ehe er auf Journalist und Autor umsattelte. Er hat bisher vier Romane geschrieben. Sein jüngster, vierter, Roman "Hochdeutschland" kommt zeitgeistig top-aktuell daher, als eine Mischung aus Realsatire, politischem Pamphlet und spekulativer "Was-wäre-wenn"-Dystopie. Der Autor selbst nennt seinen Roman eine "kontrafaktische Erzählung".

Ein alternativer Verlauf der deutschen Geschichte

Tatsächlich nimmt Schimmelbusch das deutsche Wahljahr 2017 zum Ausgangspunkt, um einen alternativen Verlauf der deutschen Geschichte zu entwerfen, nämlich den Wahlsieg eines türkisch-stämmigen, ehemaligen Grünen-Politikers namens Ali Osman, der mit seiner neu gegründeten Partei "Deutschland AG" und einem radikal-populistischen Wahlprogramm im September 2017 die Kanzlerschaft gewinnt.

Osmans Ideengeber und Graue Eminenz ist die Zentralfigur des Romans: Victor, ein Investment-Banker und steinreicher Teilhaber einer Frankfurter Privatbank, der seiner finanziellen Erfolge überdrüssig ist und nun in der Politik ein kurzweiligeres und unterhaltsameres Spielfeld sucht – wenn er nicht gerade als Hobby-Autor an einem Roman über "einen U-Boot-Kommandanten und eine seelisch erloschene Prostituierte" werkelt.

Satirisches Zerrbild des Milieus der Frankfurter Finanzindustrie

Die ersten 100 Seiten des Romans bieten ein satirisches Zerrbild des Milieus der Frankfurter Finanzindustrie, gesehen aus der blasierten Perspektive Victors, eines Schnösels, zwanghaften Snobs und empathielosen Hedonisten, der sich mit 39 Jahren bereits "im Rentenalter für Investment-Banker" befindet und mit dem Ausstieg liebäugelt, nachdem er sein Vermögen nicht zuletzt durch die Ausbeutung der jungen Investment-Banker gemacht hat, die er wie "Häftlinge im Straflager" rund um die Uhr schuften lässt.

Im Ton der Überheblichkeit

Mit boshaftem Vergnügen führt Schimmelbusch den Lebensstil und die Ansichten Victors vor, der gegen ein Gefühl latenter Sinnlosigkeit seines abgrundseichten Lebens mit Zynismus, Hybris und gehässigem Witz anlästert. Der stilistische Markenkern des Romans ist sein Ton der Überheblichkeit.

Der Autor läuft zur Hochform auf, wenn es gilt, seinem Helden giftige Sottisen über alles und jeden in den Mund zu legen. Im Schutz seines Reichtums zieht Victor in seiner gläsernen Luxusvilla im Taunus mit Blick auf die Frankfurter Banken-Skyline über eine konsumbesessene und markenfixierte Gesellschaft her, über die er sich kraft seiner eigenen angeblichen "Unabhängigkeit von Statusmarkern" erhaben dünkt. Die Verabsolutierung des Geschmacksurteils ist Victors Richtschnur. Seine Lust ist das arrogante Kategorisieren und verächtliche Abkanzeln anderer aufgrund ihrer inferioren Konsumgewohnheiten – bei gleichzeitiger Betonung der eigenen Überlegenheit kraft verfeinerten Luxus-Konsums.

Bald wird klar, dass der Autor durch die enervierend penetrante Aufzählung exquisiter Edelprodukte die Konsumsucht seines Helden nach Statusmarkern genauso verspottet, wie dieser seinerseits die Konsumgier der Marken-Junkies minderer Preisklasse verhöhnt.

An der Grenze der Sinnlosigkeit

In den 100 Seiten, die sich Schimmelbusch für die Exposition seines Romans gönnt, wird die Amoral und "postideologische Leere" des Helden vielfach variiert. Victor hat sich erfolgreich zur reinen "Benutzeroberfläche" veräußerlicht. Er sieht in der "Irrelevanz von Moral" und in der "Abwesenheit irgendeiner Überzeugung einen strategischen Vorteil", denn "Überzeugung ist eine strategische Limitation". Gleichzeitig ahnt er, dass ihn die Freiheit von jedem Zwang und jeder Gewissheit an die Grenze der Sinnlosigkeit gebracht hat.

Von der Gesellschaftssatire zum weltanschaulichen Manifest

Der Roman nimmt erst Fahrt auf, als Victor beim zufälligen Besuch eines Media-Markts ein Schock-Erlebnis hat. Er trifft dort auf "bunte, laute Fabelwesen" – nämlich die gewöhnliche Bevölkerungsmehrheit – und stellt fest: "All diese Menschen, obwohl sie dieselbe Luft wie er atmeten, existierten auf einer völlig anderen Wahrnehmungsebene." Er vermutet bei den Leuten eine "kollektive Angststörung", und das Erlebnis bringt ihn – psychologisch wenig glaubwürdig – auf die Idee, dass "ein radikales Projekt vonnöten (sei), um das deutsche Volk zu einen".

Hier wechselt Schimmelbusch abrupt das Roman-Genre und den Prosastil. Der Roman kippt von der Gesellschaftssatire zum weltanschaulichen Manifest, von der vergnüglichen und scharfkantigen Bosheit zur drögen politischen Thesenhaftigkeit. Beflügelt von zwei Flaschen Richebourg für je 2.400 Euro hämmert Victor binnen 30 Minuten ein politisches Pamphlet zur radikalen Vermögensumverteilung in Deutschland in die Tasten seines Laptops.

Sein Manifest liest sich wie ein krudes Sammelsurium abgedroschener rechter und linker Leitartikelformeln. Gleichwohl macht Victors Jugendfreund Ali Osman das dürftige Pamphlet zum Parteiprogramm seiner neuen populistischen Bewegung "Deutschland AG" und gewinnt damit die Wahlen, die Kanzlerschaft und die Macht zum Radikalumbau der Gesellschaft.

Pointillistisches Oberflächen-Gefunkel

Spätestens jetzt zeigt sich, dass Alexander Schimmelbusch ein politischer Flachdenker von eingeschränkter Originalität und Sprachkraft ist. Auch ist er eigentlich kein Erzähler. Er ist ein inspirierter, mitunter glänzender Polemiker mit einem Talent für pointillistisches Oberflächen-Gefunkel. Doch für die gedankliche Durchdringung und Darstellung des neuen Populismus als globales Phänomen, für die Entfaltung eines alternativen Gesellschaftsentwurfs, für plastische Figurenzeichnung und glaubwürdige Dialoge reicht sein narratives Vermögen leider nicht aus.

Allein schon seine hanebüchenen Dialoge verraten seine erzählerische Schwäche. Der Autor lässt Victors Tochter, ein sechsjähriges Schulkind, im Kacka-Modus einer analfixierten zurückgebliebenen Dreijährigen reden und legt dem angehenden Bundeskanzler Osman die Stummel-Syntax eines debilen Pseudo-Rappers in den Mund.

Die zweite Hälfte: Ein Ärgernis

All dies macht die zweite Hälfte des Romans zum peinlichen Ärgernis, auch wenn manche Kritiker in "Hochdeutschland" ein furioses Kunstwerk und den politischen Roman der Stunde zu erblicken glauben und zum Vergleich alle schnöseligen Dystopien zwischen Bret Easton Ellis und Michel Houellebecq herbeizitieren. Man sollte sich als Leser das zynische Vergnügen der ersten 100 Seiten gönnen und den Roman danach weglegen.

Sigrid Löffler, kulturradio

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