Kent Haruf: "Unsere Seelen bei Nacht" | "Lied der Weite"; Montage: rbb
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Roman - Kent Haruf: "Unsere Seelen bei Nacht" | "Lied der Weite"

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Kent Haruf erzählt von Menschen, ihrem Leid und ihren Hoffnungen, das berührt den Leser zutiefst, und doch erzählt Haruf ohne jedes Pathos und ohne jeden falschen kitschigen Zungenschlag. Er macht aus dem kleinen Leben ganz normaler Leute ganz große Literatur.

Die Welt der Literatur folgt ihren eigenen, oft undurchsichtigen Gesetzen: Als Kent Haruf im Jahre 2014 verstarb, hatte er zwar einige Romane und Erzählbände veröffentlicht und auch einige kleine Preise eingeheimst, aber einer größeren literarischen Öffentlichkeit war der US-amerikanischen Autor vollkommen unbekannt.

Erst mit seinem posthum veröffentlichten Roman "Our Souls at Night", der in den USA zu einem gefeierten Bestseller wurde, ändert sich das schlagartig, werden seine Romane wieder neu aufgelegt und neu übersetzt. Im Diogenes Verlag sind jetzt "Unsere Seelen bei Nacht" und das "Lied der Weite" erschienen, und für den Herbst hat der Zürcher Verlag den Roman "Abendrot" angekündigt.

Große Literatur ohne jedes Pathos

Die Launen des Literaturmarktes und der Wankelmut des Zeitgeistes sind oft unergründlich, aber ich glaube, die längst überfällige Entdeckung und Würdigung des Autors liegt - das ist paradox - darin begründet, dass jetzt genau das als tiefgründig und lebensnah gepriesen wird, was man vorher eher als provinziell und spießig belächelt hat. Es scheint ein großes Bedürfnis nach Geschichten zu bestehen, die fern ab der Kunst- und Kulturmetropolen angesiedelt sind, in denen von Menschen erzählt wird, deren Gedanken nicht nur um sich selbst kreisen, von Menschen, die in Würde alt und grau werden, Menschen, die immer aus ihrer Kleinstadt weg wollten und dann doch ihr Leben lang bleiben, heiraten, Kinder bekommen und irgendwann sterben.

Und Kent Haruf kennt das alles ganz genau: Er ist in Colorado geboren und dort auch gestorben, hat zeitlebens im Mittleren Westens gelebt, lange als Lehrer gearbeitet und dann begonnen, im Mikrokosmos des Provinziellen nach dem Großen Ganzen zu suchen, nach dem Wesen der Dinge, dem Sinn des Lebens zu fahnden und Geschichten aufzuschreiben, die immer in einer fiktiven Kleinstadt namens Holt spielen: Hier leben sie alle, die Menschen, die wegwollen nach Denver, der schillernden Großstadt hinterm Horizont, und die dann doch bleiben oder, falls sie einmal Reißaus nehmen, schnell wieder nach Holt zurückkommen. Kent Haruf erzählt von diesen Menschen, ihrem Leid und ihren Hoffnungen, das berührt den Leser zutiefst, und doch erzählt Haruf ohne jedes Pathos und ohne jeden falschen kitschigen Zungenschlag. Er macht aus dem kleinen Leben ganz normaler Leute ganz große Literatur.

"Unsere Seelen bei Nacht"

In "Unsere Seelen bei Nacht" geht es um Addie Moore und Louis Waters, beide sind um die 70 und verwitwet, sie wohnen in der selben Straße, sie sind einsam und allein und sehnen sich nach Nähe, denn auch in der Kleinstadt Holt, wo jeder jeden kennt, bleiben doch alle für sich und kämpfen sich allein durch den langweiligen Alltag.

Dann klingelt eines Abends Addie bei Louis und fragt ihn, ob er nicht Lust hätte, nachts zu ihr zu kommen, einfach nur neben ihr zu liegen und zu reden, gemeinsam die Einsamkeit der Nächte zu besiegen. Es geht nicht um Sex, sondern um Nähe und Geborgenheit. Von nun an geht Louis jeden Abend zu Addie, und die beiden erzählen sich ihr Leben, sie kommen sich näher, verlieben sich sogar ein bisschen ineinander, aber das späte Glück hat natürlich seinen Preis: Die missgünstigen Leute in der Kleinstadt beginnen zu tratschen, beäugen das Treiben der beiden rüstigen Rentner argwöhnisch.

Das wäre nicht so schlimm, die bigotten Spießer sind Addie und Louis völlig egal. Doch dann erscheint Addies erwachsener Sohn auf der Bildfläche, ein verklemmter, verbohrter, eifersüchtiger Nichtsnutz, der in Denver beruflich und privat nichts hinbekommt, sich jetzt aber in Holt als moralisches Gewissen aufspielt, seiner Mutter erotische Gelüste unterstellt und ihr die Pistole auf die Brust setzt: Wenn sie die Beziehung zu Louis nicht sofort beendet, darf sie ihre Enkelkinder nie wieder sehen.

Das kann und wird kein gutes Ende nehmen, aber immerhin findet Haruf für die verbotene Liebe ein Arrangement, mit dem die beiden zwar nicht wirklich glücklich sein können, aber doch irgendwie weiterleben können. 

"Lied der Weite"

Das "Lied der Weite" spielt in derselben Kleinstadt, aber es ist eine völlig andere Personen- und Problem-Konstellation: Der Roman ist literarisch komplexer und stilistisch subtiler. Der Autor wirft einen Blick auf das Leben und den Alltag einer Handvoll von Menschen, deren Schicksale sich zufällig treffen und überlappen, und vielleicht auch bald wieder trennen.

Da ist Tom, ein Lehrer, dessen Frau von der Ehe frustriert ist, sich nach Denver absetzt und ihn mit den beiden kleinen Söhne allein in Holt zurück lässt. Tom fängt eine Beziehung zu einer Kollegin an, Maggie, die sich wiederum rührend um die17-jährige Victoria kümmert: Das Mädchen ist schwanger, ihre erzürnte Mutter hat sie vor die Tür gesetzt, ihr Lover hat sich - natürlich - nach Denver verflüchtigt.

Da hat Maggie die ungewöhnliche Idee, Victoria bei zwei Farmern in der Weite der Prärie unterzubringen, zwei seltsamen Kauzen, alten Junggesellen, die zwar wissen wie man mit Rindern umgeht und Kälber auf die Welt bringt, aber die keine Ahnung haben, wie man ein schwangeres, junges Mädchen behandeln und umsorgen könnte. Was sich zwischen den beiden maulfaulen Junggesellen und dem verschreckten Mädchen auf der Farm abspielt, wie sich da zwei völlig fremde Welten begegnen, gehört zu dem Schönsten und Bewegendsten, was ich seit langem lesen durfte. 

Im Kleinen das Große

Kent Haruf, und das ist seine große literarische Kunst, nimmt uns - mit lakonischer sprachlicher Präzision und ohne jeden intellektuellen Schnickschnack - mit in eine öde Landschaft und traurige Kleinstadt, in die wir eigentlich nie wollten, aber aus der wir dann bald gar nicht mehr wieder weg wollen. Im Kleinen zeigt er uns das Große, im Flüchtigen das Bleibende, im Alltäglichen das Erhabene: Das Leben ist hart, die Menschen oft schlecht, die Zukunft ungewiss, doch es lohnt sich, sagt uns Kent Haruf immer wieder in seinen "Holt"-Romanen aufs Neue, weiter zu machen und den Traum von einem besseren, anderen Leben nicht aufzugeben. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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