Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt © Reclam
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Sachbuch - Thomas Bauer: "Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt"

Bewertung:

Dieses Büchlein bietet schlagkräftige, wenn auch nicht immer treffende Munition im nötigen Kampf gegen Fundamentalismus.

Gegen Populisten, Fundamentalisten und den Kapitalismus schreibt der Islam-wissenschaftler Thomas Bauer in einem handlichen Reclam-Bändchen an. Er hält ein eindeutiges Plädoyer für Mehrdeutigkeit und führt mit leichter Hand durch Kultur- und Religionsgeschichte.

Ambiguität & Vereindeutigung

Schon seit einigen Jahren beschäftigt sich Thomas Bauer mit der Vieldeutigkeit von islamischer Lyrik und religiösen Texten. Gerade in der Möglichkeit, mehrere Deutungen nebeneinander bestehen zu lassen, sieht er eine große Errungenschaft. Er nennt das Ambiguität. Fundamentalisten und Populisten machen ihr Geschäft mit eindeutigen Schein-Wahrheiten und Verkürzungen und sind die Feinde der Ambiguität. Dass heute Apfel- und Tomatensorten verschwinden, ist für ihn nur ein Zeichen von vielen für eine umfassende Vereindeutigung.

Musikgeschichtlich vereinfacht

Viele Beispiele aus der Bildenden Kunst und der Musik sollen diese These stützen. Leider gelingt das gerade bei den musikgeschichtlichen Ausführungen nicht. Die Behauptung, dass klassische Komponisten im letzten Jahrhundert immer mehr Regeln verfolgt hätten und sich dem Serialismus ergeben hätten, ist angesichts einer bunten Musikwelt, die viele Einflüsse in sich aufnimmt, nicht vertretbar. Auch die Ausführungen zu einer angeblich monotonen und industriell gefertigten Pop-Musik lassen die wirkliche Vielfalt auf Bühnen und in Clubs außer Acht. Thomas Bauer wird hier selbst zum Vereinfacher.

Starke religionsgeschichtlichen Passagen

Seine Stärken hat das Buch in den religionsgeschichtlichen Passagen. Dass zum Beispiel die katholische Kirche ein Hort der Ambiguität ist, weil sie immer wieder praktisch zwischen reiner Lehre und Leben vermitteln muss, ist eine überraschende Erkenntnis. Auch die Ausführungen zur gleichmacherischen Dynamik des Kapitalismus sind lesenswert. Die Schlusspointe ist, dass auch der verbreitete Wunsch nach Authentizität in die Vereindeutigungs-Falle tappt. Das Büchlein bietet schlagkräftige, wenn auch nicht immer treffende Munition im nötigen Kampf gegen Fundamentalismus.

Dirk Hühner, kulturradio

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