James Baldwin: "Beale Street Blues"; Montage: rbb
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Zum Wiederlesen empfohlen - James Baldwin: "Beale Street Blues"

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Das Buch ist wie ein guter Blues-Song: Es vermischen sich Tragik und Schönheit, Leid und Poesie, die Hoffnung auf Veränderung machen und die das Leben, trotz allem, lebenswert erscheinen lassen.

Seit Raoul Peck 2016 den Dokumentarfilm "I Am Not Your Negro" in die Kinos brachte, ist James Baldwin wieder in aller Munde. Eine zeitlang schien es, als sei der 1987 verstorbene Autor ein wenig in Vergessenheit geraten. Doch die fortwährende Diskriminierung der Schwarzen und politische Bewegungen wie "Black Lives Matters" in den USA zeigen, dass Baldwins Stimme heute noch immer aktuell und vielleicht wichtiger ist denn je. Auch hierzulande werden seine Romane wieder gelesen und diskutiert. Jetzt ist Baldwins "Beale Street Blues", sein vorletzter und erstmals 1974 erschienener Roman, von Miriam Mandelkow neu ins Deutsche übersetzt worden.

Die Beale Street

Der Titel des Romans, "Beale Street Blues" spielt auf einen alten Jazz-Standard von 1916 an, der das Leben der Schwarzen in Memphis/Tennessee besingt. Doch die Beale Street ist überall und in jeder Stadt, in der Schwarze in Ghettos leben, in Armut und Verzweiflung und ohne Perspektive, aus dem sozialen Elend aufzusteigen; die Beale Street ist überall, wo Drogen und Gewalt das Leben bestimmen, wo offener Rassismus herrscht, Diskrimierung, Ausbeutung, wo man sein Leid und seine Hoffnungen mit typisch schwarzer Musik, mit Blues-Liedern, Jazz-Rhythmen und Soul-Songs besingt; die Beale Street ist eine Metapher und ein kulturelles Erbe eines Rassenhasses, der heute genauso herrscht wie vor 50 oder 100 Jahren.

In einer kurzen Vormerkung der deutschen Ausgabe hat Baldwin 1974 geschrieben: "Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street, ist im Schwarzenviertel irgendeiner amerikanischen Stadt geboren, ob in Jackson, Mississippi, oder in Harlem in New York: Alle 'Nigger' stammen aus der Beale Street. Die Beale Street ist unser Erbe. Dieser Roman handelt von der Unmöglichkeit und von der Möglichkeit, von der absoluten Notwendigkeit, diesem Erbe Ausdruck zu geben."

Ein musikalischer Roman

Der Roman bringt all die Themen, die wir aus Blues-Songs kennen, zur Sprache: die Trauer über die ärmlichen Verhältnisse, aus denen man sich kaum je befreien kann, die Einsamkeit und die Suche nach ein bisschen Glück und Zufriedenheit, das permanente Abgleiten in Alkohol und Drogen, das Hinfallen und Wiederaufstehen, weil irgendwo da draußen vielleicht doch noch ein Stück Freiheit oder der Partner fürs Leben wartet.

Der Roman hat - wie jeder gute Song - soziale, politische, psychologische Leitmotive, die immer wieder durchbuchstabiert und variiert werden. Der Roman ist manchmal wie ein melancholischer Blues, manchmal wie eine wilde Free-Jazz-Improvisation, manchmal erotisch aufgeladen wie ein Soul-Klassiker.

Die Romanfiguren hören ständig schwarze Musik, B.B.King und Otis Redding, Marvin Gay und Aretha Franklin, Eartha Kitt und Louis Armstrong. Die Sprache des Romans ist hoch musikalisch, mal voller Pathos und großer Gefühle, mal versetzt mit dem burschikosen und obszönen Alltags-Slang der Schwarzen in Harlem, die Sprache ist so naiv und ungeschliffen, so zärtlich und so rau wie es sich eben anhört, wenn ein 19-jähriges Mädchen den Blues hat und ihre Geschichte erzählt.

Tish & Fonny

Sie heißt Clementine Rivers, wird von allen aber nur Tish genannt, die junge schwarze Frau arbeitet in einem Kaufhaus, an einem Parfümstand, und dient als Feigenblatt und Aushängeschild für die vermeintliche Progressivität der weißen Inhaber. Aber sie ist nicht dumm und weiß natürlich genau, woher sie kommt und wohin sie gehört, schon wenn sie mit der U-Bahn von Harlem aus zur Arbeit fährt, erinnert sie das an die Sklavenschiffe, mit denen einst ihre Vorfahren von Afrika nach Amerika kamen.

Tish ist schwanger und von ihren Freund Alonzo Hunt, genannt: Fonny, er ist 22, ein selbstbewusster Bursche, er will Bildhauer werden und hält sich mit kleinen Jobs über Wasser. Fonny sitzt im Gefängnis, weil ein weißer Polizist ihn auf dem Kieker hat und ihm die Vergewaltigung einer jungen Puerto Ricanerin vorwirft. Das ist natürlich gelogen, aber leider ist das angebliche Opfer inzwischen von New York nach Puerto Rico abgehauen, und die weiße Justiz setzt alles daran, den aufmüpfigen schwarzen Jungen hinter Gitter zu bringen und am liebsten lebendig zu begraben.

Von der Jetzt-Zeit, in der sie Fonny im Gefängnis besucht und sie und ihre Familie alles daran setzen, Fonny aus dem Knast zu holen, blendet Tish immer wieder in die Vergangenheit zurück und erzählt, wie sie und Fonny sich schon als Kinder kennen und lieben lernten, wie sie sich eine Zukunft erträumten, aus dem Slum befreien wollten und ein Atelier in Manhattan mieteten - und wie sie schließlich in diese ausweglose Lage gekommen sind. Während der unschuldige Fonny allmählich im Gefängnis verzweifelt mahlen die Mühlen der weißen Justiz unaufhörlich, und es scheint so sicher wie das Amen in der Kirche, das Fonny das neu geborene Baby, das einzige, was ihn noch am Leben hält, so schnell nicht wird in den Arm nehmen können. 

Spirale aus Unterdrückung und Gewalt

Fiese weiße Polizisten stecken unschuldigen schwarzen Jungen in den Knast: Klingt arg nach Klischee, aber wenn man ein bisschen am sozialen und psychotischen Lack kratzt, sieht das schon ein bisschen anders und viel komplexer aus: Denn bei Baldwin gibt es kein einfachen Antworten auf komplizierte Fragen, es gibt nur ein undurchsichtiges Geflecht aus Rollenzuweisungen und Macht-Hierarchien, die von der Hautfarbe bestimmt werden.

Der weiße Polizist, der Fonny in den Knast bringt, ist ein Widerling, ein Mörder und Vergewaltiger, aber er ist auch selbst nur eine kleine arme Sau, als rothaariger, häßlicher, ungebildeter irisch-stmmiger Amerikaner nur ein Weißer zweiter Klasse, der von seinen Vorgesetzten drangsaliert wird und seinen Frust und seine Wut an die sozial noch unter ihm stehenden Schwarzen weiterreicht. Der weiße Anwalt, den Tish engagiert, um Fonny aus dem Gefängnis zu holen, ist vielleicht kein Ausbund an Moral, aber er hat ein feines Gespür für Ungerechtigkeit, er legt sich mit der weißen Justiz an, setzt sogar seine Karriere aufs Spiel. Fonny wiederum bekommt die Ablehnung seiner eigenen Familie zu spüren, denn Fonny hat eine sehr dunkle Hautfarbe, während seine Mutter und seine Schwestern viel heller sind, was ihnen einen kleinen sozialen Aufstieg ermöglicht, bei dem Fonny nur stört, sie regen deshalb keinen Finger, um Fonny aus dem Knast zu befreien.

Und ganz am Ende der Spirale aus Unterdrückung und Gewalt stehen die Frauen: Sie sind in den Augen weißer und schwarzer Männer nur willige Objekte ihrer sexuellen Begierde, man darf sie anpöbeln, schlagen und vergewaltigen. Es ist oft beim Lesen kaum auszuhalten und doch beschreibt der Roman mit beißender Schärfe nur die Machtstrukturen, die bis heute das Verhältnis von Mann und Frau bestimmen und vergiften.

Doch es ist wie in (fast) jedem guten Blues-Song: Es vermischen sich Tragik und Schönheit, Leid und Poesie, die Hoffnung auf Veränderung machen und die das Leben, trotz allem, lebenswert erscheinen lassen. Auch wenn es pathetisch erscheint: Es gibt diese große Liebe zweier junger Menschen, Tish und Fonny, und es gibt diese große Liebe innerhalb von Tishs Familie, die zusammen durch dick und dünn gehen, die alle ihre Ersparnisse ausgeben und zu kleinen Kriminellen werden, um das für die Freilassung Fonnys benötigte Geld aufzutreiben und - welch schöner Widerspruch - für Gerechtigkeit zu sorgen. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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