Andreas Leusink: "Gundermann. Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse."; Montage: rbb
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Biografie - Andreas Leusink (Hg.) "Gundermann: Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse…"

Bewertung:

Der Künstler und der Baggerfahrer Gerhard Gundermann war ein hoch spannendes und auch widersprüchliches Gesamtwerk von Mensch, dem der Film und vor allem auch dieses Buch nachspüren.

Gerhard Gundermann starb vor 20 Jahren mit gerade mal 43 Jahren und war zu diesem Zeitpunkt 1998 ein sehr erfolgreicher Sänger und Texter mit seiner Band Seilschaft und ein nach vielen Berufsjahren arbeitslos gewordener Baggerführer aus dem Lausitzer Braunkohletagebau.

Damals machte er gerade eine Umschulung als Tischler und spielte parallel dazu viele Konzerte mit seiner Band oder auch Solo. Das letzte eine Woche vor seinem Tod, der völlig überraschend kam. Das ganz knapp und man wird ahnen, dass der Künstler und der Baggerfahrer Gerhard Gundermann ein hoch spannendes und auch widersprüchliches Gesamtwerk von Mensch waren, dem der Film und vor allem auch dieses Buch nachspüren.

Neue Schwerpunkte

Das Buch ist keine Begleitspur zum Film, eher ein Lesebuch, das um diese Biografie mäandert, ein Lesebuch, das das Leben von Gundermann weder vollständig noch chronologisch abarbeitet, sondern einzelne Aspekte herausgreift.

Das konnte sich der Herausgeber Andreas Leusink auch guten Gewissens leisten, da es zu Gundermann schon andere Veröffentlichungen gibt. Die musste man nicht doppeln, sondern konnte auf der Basis von Briefen und Dokumenten, und auch Interviews besondere, auch neue Schwerpunkte setzen.

Das hat das Buch z.B. für mich, die ich Gundermann seit vielen Jahren kannte und sein künstlerisches Tun auch begleitet habe, dennoch mit Spannung und Interesse lesen lassen.

Politischer Idealist

Eben weil es zu einzelnen Aspekten wie z. B. der traumatischen Beziehung zu seinem Vater, die er in mehreren Liedern thematisiert hat, einige Hintergründe gibt. Auch gibt es eine Reihe von Dokumenten, die Gundermann zeigen als eine besondere Art von politischem Idealisten, der das System der DDR verändern wollte, in dem er die sozialistischen Ideen wörtlich nahm und bei sich im Tagebau realisieren wollte – und damit furchtbar Schiffbruch erlitt.

Buch & Film

Natürlich öffnet das Buch aber auch den Blick auf den Film von Andreas Dresen und das funktioniert ganz ausgezeichnet und bietet gerade deshalb viele spannende Seiten zum Lesen und auch zum Anschauen. Z.B. ist der Kameramann des Films, Andreas Höfer, jemand, der Gundermann vor etwa 30 Jahren fotografisch begleitet hat. Einige dieser Fotos sind zu sehen, parallel zu Szenenfotos aus dem Film.

Also der echte Gundermann im Tagebau in den 80er Jahren und das Filmteam mit dem Hauptdarsteller Alexander Scheer im Drehort Tagebau. Überhaupt Alexander Scheer, der ja lange Jahre an der Volksbühne war und sich für diesen Film so unglaublich in der Gestik und Mimik an Gundermann heran bewegt hat – das ist schon von den Fotos her fast unglaublich.

Und im Gespräch im Buch beschreibt er, der 14 Jahre alt war, als Gundermann seine große Zeit hatte, wie ihn das Drehbuch gefesselt hat und er sich hineinkniete in die Figur, das er am Filmset z.B. wie Gundermann es immer tat, einen  Emaillebecher benutzt hat. Und im Interview, quasi Gundermann gleich, aufrechnet, wie viele Plastebecher er allein bei so und so viel Drehtagen und zwei Kaffee täglich sonst verbraucht hätte und das er eben nicht so ein elender Ressourcenverschwender sein wollte. Das könnte ein O-Ton von Gundermann gewesen sein.

Das Buch jedenfalls hat meine Spannung, auch meine Erwartung ordentlich erhöht, das muss ich so sagen. Zu einem Teil liegt das auch an Andreas Dresen selbst, der im Gespräch im Buch ausführlich über sein langes Ringen um dieses Projekt berichtet, die diversen Widerstände, die es gab. Es wird in diesem Interview sehr klar, wie viel ihm und warum an diesem Thema lag und liegt.

Er wird auch deutlicher, als ich es von ihm früher gehört habe bezogen auf Filme mit DDR-Thematik. Sein Gespräch im Buch ist überschrieben mit: Wir wollen die Deutungshoheit über unsere Biografien zurück! Und es ist eines der lesenswertesten in diesem sehr lesenswerten Buch!

Danuta Görnandt, kulturradio

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