Maxim Leo & Jochen Gutsch: "Es ist nur eine Phase, Hase"; Montage: rbb
Ullstein
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Bestseller - Maxim Leo & Jochen Gutsch: "Es ist nur eine Phase, Hase"

Bewertung:

Dieses "Trostbuch für Alterspubertierende" eignet sich prima zur Sommer-Lektüre, wenn das Gehirn ab 36 Grad im Schatten einfach keine feste Nahrung mehr akzeptiert.

Ob es die Alterspubertät wirklich gibt? Bitte sehr: Gott selbst hat sie gewollt! Gleich eingangs des Buches trifft der ewige Alte, gerade 763 Milliarden Jahre alt und einen himmlischen Joint im Mundwinkel, den Ich-Erzähler, gerade um die 50. Der Arme hat seine Brillen verloren und bei der erniedrigenden Suche nach ihnen auch seinen Lebensmut.

Tja, und da erzählt ihm Gott, er habe damals die Alterspubertät erfunden, um den Menschen zwischen 40 und 60 eine "entspannte, reife, hormonell gedämpfte Zeit zu verschaffen". Aber diese blöde Menschen! Suchen "plötzlich nach dem bekloppten Lebenssinn, machen Yoga, arbeiten bis zum Burnout, spritzen sich Botox in den Arsch, rennen über den Jakobsweg".

Was Gott ziemlich blöd, aber auch ziemlich lustig findet. Und deshalb gibt er dem Ich-Erzähler den Auftrag, das Buch über Alterspubertät zu schreiben, dessen Rezension Sie soeben lesen.

Der alternde Körper

Es ist nichts so, dass Maxim Leo und Jochen Gutsch den mentalen und sozialen Aspekten der Alterspubertät keine Aufmerksamkeit schenken würden. Die absurde Sequenz 50ster Geburtstage, die plötzlich auftretende männliche Weinerlichkeit, der heillose Sport-Wahn, die ästhetisch desillusionierende neue Vorliebe für bequeme Outdoor-Kleidung, die Hitzewallungen der Ehefrau, ihre Lust auf den neuen Dampfgarer „Steam 8000 Multiboost Kitchenmaster“, dessen Anschaffung die Totalrenovierung der Wohnung nach sich zieht, weil so ein ultramodernes Multiboost-Ding die ganze Umgebung zur Sperrmüll herabwürdigt, natürlich die Abgründe der Wellness-Oasen samt den Fallstricken auf dem Massage-Tisch: ist alles dabei, wird alles bespöttelt.

Aber die Leidenschaft der Autoren gilt dem alternden Körper. Diese anregende, peinliche und unstillbare Altersgeilheit, die hier von Franziska, der jungen Lehrerin der Tochter ausgelöst wird; die Lust, wenigstens einen Abend lang so um die Häuser zu ziehen und es krachen zu lassen wie früher, verbunden mit dem Schlafdrang, der alle zu früh überkommt; die Mühen, weiterhin reizlosen ehelichen Sex auszuüben: Bei diesen Themen sind die Autoren auf der Höhe. Der zweite Teil des Buches ist schließlich ein veritables Lexikon der Problem-Zonen des Alterspubertiers. Die Lemmata lassen keine Illusionen zu: "Prostata" (hier firmierend als "Taliban des Unterbauchs"), "Kopfhaar", "Fett", "Gehirn", "Herbst in der Hose", "Tagebuch eines Trinkers".

Maximale Übertreibung & Pennälerhumor

Der Rezensent hat immer wieder aufgelacht. Womit empirisch bewiesen wäre: Völlig unwitzig ist das Werk schon mal nicht. Allerdings bemühen die Autoren stets die gleiche Masche: maximale Übertreibung und maximale Drastik, angereichert mit zotigem Pennälerhumor.

Proben gefällig? Vom neuen Rennrad heißt es: "Es hat ungefähr 2000 Gänge und ist leicht wie ein Schälchen Erdbeeren." Witzig? In Maßen – bestenfalls. Einsicht beim Urologen: "Männer, deren Zeigefinger dicker ist als eine handelsübliche Cervelatwurst, sind möglicherweise für diesen Beruf nicht geeignet." Witzig? "Titanic"-Autoren würden sagen: Ja, echte Kerle müssen manchmal so was raushauen. Und dann die seltsame Sache mit dem Weinen. Der Ich-Erzähler mutiert zum "Tränengourmet. Ein Mann in den mittleren Jahren, der schneller weint als sein Schatten." Puh! Geht gar nicht!

Abgedroschene Metapher am falschen Platz! Obwohl.... Ist das nicht einfach albern? Und ist Albernheit nicht eine besonders komplizierte Spielart von Humor, die nie Applaus von allen kriegen wird? Urteil zur Güte: Die Jungs können schon irgendwie flott schreiben, und das Ergebnis ist viel zu unbedeutend, um sich nur eine Sekunde über blöde Scherze zu ärgern (das Buch kostet trotz festen Einbands übrigens nur 12 Euro, das sind nach der berühmten Umrechnungstabelle gerade mal drei große Bier in der Kneipe – und Bier ist hier der richtige Maßstab).

Die Selbstauszeichnung als "Trostbuch" ist natürlich triefende Ironie. Die Autoren vermeiden um alles in der Welt jeden Tiefgang, der den üblen Eindruck erwecken könnte, dass sie insgeheim doch von existenziellen Problemen rund um die Lebensmitte handeln. Ohne Leid indessen kein Trost.

Andererseits: Vielleicht gibt es ja doch noch Alterspubertierende, die nicht wissen, dass die schräge Perspektive vieles gerade rückt, jedenfalls für einen erleichternden Moment. Sie mag dieses Buch tatsächlich trösten.

Summa summarum: "Es ist nur eine Phase, Hase" eignet sich prima zur Sommer-Lektüre, wenn das Gehirn ab 36 Grad im Schatten einfach keine feste Nahrung mehr akzeptiert.

Arno Orzessek, kulturradio

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