Thommie Bayer: Das innere Ausland; Montage: rbb
Piper
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Roman - Thommie Bayer: "Das innere Ausland"

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Der Verlag wirbt für "Das innere Ausland" mit den Worten: "Kann man ein verlorenes Leben nachholen?" Man denkt unwillkürlich: Ist das nicht eine etwas zu große Frage für ein Buch von knapp 180 Seiten?

Doch große Fragen bedingen nicht immer umfängliche Antworten. Manchem kommt vielleicht Handkes "Versuch über den geglückten Tag" in den Sinn – ein schmales, aber tiefes Buch. Viele Menschen stellen ihre Sinnfragen ohnehin weniger elitären Orakeln und finden Antworten zum Beispiel in Popsongs – was dem früheren Liederdichter Bayer ja vielleicht ganz gut gefällt. Die Grundkonstellation des Buches ist freilich schlicht, und man glaubt, sie schon hundert Mal gelesen oder in Filmen gesehen haben: älterer Mann trifft jüngere Frau.

Ein Leben im Halbschlaf

Andreas Vollmann, ein Mann von vierundsechzig Jahren, bewohnt seit einigen Jahren zusammen mit seiner Schwester Nina ein Haus in Südfrankreich. Dann erliegt die Schwester einem Krebsleiden, das sie bis zum Schluss verheimlicht hat, und Andreas Vollmann trauert nicht nur um sie, er trauert auch um sich selbst: Weil er feststellen muss, dass es außer der Schwester keinen Menschen gibt, mit dem ihn etwas Tieferes verbindet. Sein ganzes Leben erscheint ihm nun, als habe er es "im Halbschlaf verbracht".

Da steht plötzlich, wie es in Unterhaltungsromanen der Fall zu sein pflegt, eine Frau vor seiner Landhaustür: Malin, die Bankangestellte aus Deutschland, hat eben erst erfahren, dass sie Ninas Tochter ist. Ihre vermeintlichen Eltern haben sie einst – in einer etwas schrägen Vorgeschichte – der leiblichen Mutter geraubt. Auch sie sieht sich also mit einem Verlust konfrontiert, einem doppelten: dem der unbekannten Mutter und dem der Zieheltern, die nun auf einmal in einem höchst fragwürdigen Licht erscheinen. Kurzum, es treffen zwei Menschen in einer Umbruchsphase aufeinander. Was nun passiert, ist nicht schwer zu erraten: Malin und Andreas kommen einander näher.

Gegen den Strich gebürstet

Allerdings nicht auf erotische Weise. Das Buch spielt anfangs ein wenig mit einer möglichen sinnlichen Attraktion zwischen Onkel und Nichte herum, verwirft sie dann aber rasch. Zwischen den beiden Verwandten, die sich eben zum ersten Mal begegneten, entwickelt sich im Eiltempo eine Beziehung der freundlichen, auch zärtlichen Gesten. Letztlich erweckt Malin in Andreas ein ganz platonisches Glücksgefühl der Zugehörigkeit zu einem anderen Menschen.

Der Roman ist also nicht so vorhersehbar, wie man befürchten könnte. Thommie Bayer hat seine Figuren gerade genug gegen den Strich gebürstet, dass sie Eigenleben gewinnen. Malin taugt mit ihren ungefähr vierzig Lebensjahren und ihrer ironischen, lebenspraktischen Natur kaum als Projektionsfläche für Altherrenträume. Und Andreas ist kein säftelnder alter Künstler oder Literaturprofessor, der sich à la Philip Roth in eine blutjunge Muse verliebt und auf diese Weise noch einmal virilen und kreativen Schwung gewinnt. Er hat vier Jahrzehnte lang als "Eisenbahner" gearbeitet, lange Zeit war er Schlafwagenschaffner in Transeuropa-Zügen.

Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh

Hier kommt auch "das innere Ausland" ins Spiel, von dem der Titel spricht. Andreas hat seine innere Fremdheit in eine äußere übertragen. Von sich selbst sagt er: "Ob in Deutschland oder sonst wo, ich gehöre nicht dazu. Ich war immer woanders, in einer Art innerem Ausland". So hat Thommie Bayer das schon Ende der Siebzigerjahre in seinem bekanntesten Lied beschrieben:

"Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh
und sucht die Freiheit irgendwo."

Ähnlich lapidar und witzig ist das Buch in seinen besten Momenten auch. Bloß 175 Seiten länger.

Leider entwickelt sich die Beziehung der Hauptfiguren kaum: Die beiden werden rasch miteinander vertraut, schmieden Pläne für ein künftiges nachbarschaftliches Leben, erfreuen sich an Gartenarbeit, südlicher Küche, provenzalischer Architektur. Die Handlung würde so gemächlich auf der Stelle treten wie der frühverrentete Eisenbahner, wäre da nicht die in Rückblenden aufgerollte Vorgeschichte von Andreas und Nina, der verstorbenen Schwester.

Stille Tage in Südfrankreich

Thommie Bayer schildert Szenen aus dem Westdeutschland der Fünfziger-, Sechzigerjahre. Durch den frühen, tragischen Tod der Eltern entwickelten die Geschwister ein symbiotisches Verhältnis zueinander. Später leben sie ganz unterschiedliche Lebensentwürfe, und doch bleibt die Verbindung zwischen ihnen unauflöslich eng. Es geht um Schuld und Unschuld, um tragische und tragikomische Verwicklungen – dieser Erzählstrang ist oft interessanter als die geruhsame Gegenwartshandlung.

Alles in allem könnte man vielleicht sagen: Thommie Bayer steckt sich keine zu hohen Ziele, und die erreicht er dann auch. Es geht in diesem Buch nicht um tiefe Sinnfragen, es geht um glaubwürdige Charaktere, ein unaufgeregtes Erzählen, behutsames Spielen mit Erwartungen. Wer sich an einem dieser heißen Sommertage nach Südfrankreich locken lassen will, der ist mit Thommie Bayers Buch gut bedient.

Steffen Jacobs, kulturradio

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