Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden; Montage:rbb
Suhrkamp
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Zum Wiederlesen empfohlen - Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden

Erstmals sind sie 1952 erschienen: Wolfgang Hildesheimers 'Lieblose Legenden'. Damit begann der Grafiker und Bühnenbildner seinen Weg als Autor von Erzählungen, Romanen, Theaterstücken und Hörspielen – es war die große Zeit des Hörspiels.

Die elitäre Gruppe 47 nahm ihn auf, wie so viele andere bezaubert von Hildesheimers maliziösem Blick auf eine absurde Welt.

Viele der Legenden haben, elegant und bitterböse, den Kulturbetrieb im Blick. Zum Beispiel, wenn der Erzähler für eine Denkmalseinweihung eine Laudatio auf einen gewissen Bartschedel halten soll, von dem er noch nie gehört hat. Der Mann stoppelt sich irgendetwas über einen höchst marginalen Forscher zusammen alle loben seine Rede. Fast durch Zufall erfährt er, dass es zwei Bartschedel gab und er den falschen erwischt hat. Man kann sich gut vorstellen, wie diese rundum einsatzbare Lobrede geklungen haben muss. Die Ernsthaftigkeit, mit der Hildesheimer dergleichen schildert, lässt alles so vertraut wie komplett verrückt erscheinen: Man möchte sofort von diesem Autor etwas mit Drittmitteleinwerbung und Genderforschung lesen.

In einer anderen Erzählung verhindert der Held die schlimmsten Auswüchse kulturellen Schaffens: Er bringt Turnvater Jahn vom Dramenschreiben ab und weist ihm den Weg zum Sport; Aurore Dupin rät er zu dem Namen George Sand und Männerkleidern und kann Chopin gerade noch davon abhalten, seinerseits Frauenkleider anzulegen.

Meine Lieblingsgeschichte allerdings ist die von dem Mann, der schon als Kind mit einem Zauberkasten umzugehen lernt und am Ende ausführlicher Studien Menschen in Tiere verwandeln kann. Was er hin und wieder tut, allerdings eher im Affekt. Schließlich stürzt er sich aus dem Fenster - und wird zur Nachtigall. Die nachts nicht etwa singt, sondern, wie die Menschen sagen: schlägt.

Der erweiterte Band von 1962 versammelt sehr unterschiedliche 'Legenden', die über mehr als zehn Jahre hinweg entstanden – bezeichnenderweise meist in der kurzen Zeitspanne, die Hildesheimer, Jahrgang 1916, Sohn jüdischer Emigranten, in Deutschland lebte. Er war seit 1933 in Israel und England aufgewachsen und ausgebildet worden und kam als Übersetzer in den Nürnberger Prozessen zurück. Lange hielt er es nicht aus: 1957 zog er in die Schweiz.

Es ist oft vermutet worden, dass die Perspektive eines - teilweise - Fremden ihn das Absurde im ganz normalen Leben sehen ließ.

Katharina Döbler, kulturradio

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