Beatrix Langner: "Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken"; Montage: rbb
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Zum Wiederlesen empfohlen - Beatrix Langner: "Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken"

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Dieses Buch ist eine Entdeckung. Bei seinem Erscheinen im vergangenen Jahr hat es viel zu wenig Beachtung gefunden – vielleicht, weil dieses Produkt von gründlicher Recherche, dem Denken eines freien Geistes und einer großen Wut eine recht ungewöhnliche Mischung darstellt.

Die "sieben Irrtümer über Frauen, die denken", die Beatrix Langner hier zurechtrückt, sind uns allen vertraut: Frauen, die denken, sind, erstens, irgendwie männlich. Zweitens göttlich, drittens gefährlich, viertens unsexy, fünftens egoistisch, mithin schlechte Mütter. Sechstens denken sie "anders" und siebtens werden sie die Welt retten.

Es sind also nicht nur das alte Patriarchat und seine Vordenker, das hier ihr Fett abbekommen, sondern auch die romantische weibliche Verklärung und feministische Heilserwartung.

Zwei Jahrtausende europäischer Geistesgeschichte

Man sollte meinen, diese sieben Irrtümer seien in Form einer Streitschrift leicht dingfest zu machen und aus dem heutigen Stand des Wissens leicht zu widerlegen. Aber bei dieser Lektüre merkt man, dass alles viel komplizierter ist: Über zwei Jahrtausende europäischer Geistesgeschichte sind mit diesen Deutungen denkender Weiblichkeit verknüpft.

Und Langner macht sich tatsächlich die Mühe, diesen Zeitraum auf der Suche nach den vergessenen denkenden Frauen zu durchstreifen und die verschiedenen historischen Varianten der Missachtung herauszupräparieren. Gleichzeitig macht sie Denker wie etwa Descartes als "kleinen dicklichen Mann mit fleischiger Nase" in ähnlicher Weise körperlich sichtbar, wie es mit Frauen seit jeher geschieht - und erlöst den Geistesfreund der Königin Christina von Schweden von seinem Ruf als kalte Denkmaschine. Das nur als ein Beispiel.

Gedrängte Fülle

Durch Langners immer wieder überraschend originelle Perspektiven entsteht eine ähnliche Wirkung wie beim Schütteln eines Kaleidoskops: Die Bausteinchen der Geistesgeschichte erscheinen in einem ungewohnten Verhältnis, wenn weibliche Intellektualität sichtbar wird - zwar als prinzipiell missachtetes oder verfemtes Phänomen, aber mit eigenen Traditionslinien und mit einigem Einfluss.

Was man diesem Buch ankreiden kann, ist seine gedrängte Fülle. Der Stoff hätte für mindestens drei Bücher gereicht. Allein eine fiktive Begegnung der Autorin mit Virginia Woolf in Oxford, die nur mal eben so zwischendurch stattfindet, macht Lust auf Ausführlicheres in dieser Richtung, am liebsten würde man einen ganzen Essay in dieser Manier lesen.

Beatrix Langners Essayistik hält sich nämlich nicht an Konventionen und genreübliche Grenzen. Sie sprudelt, sie höhnt, sie imaginiert, sie wütet – und sie klärt auf.

Katharina Döbler, kulturradio

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