Bernd W. Seiler: Fontanes Sommerfrischen; Montage: rbb
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Sachbuch - Bernd W. Seiler: "Fontanes Sommerfrischen"

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Theodor Fontane war einer, der es im Sommer in Berlin einfach nicht aushielt. Das hatte zu seiner Zeit nicht unbedingt nur etwas mit der Hitze zu tun, sondern auch mit den hygienischen Zuständen.

Und das meist anhand von präparierten Wespen, die sich als – so nennt man das – genadelte Präparate in der Hautflüglersammlung des Berliner Naturkundemuseums Museums befinden. Trotzdem ist das Buch nicht ohne praktischen Nutzen, z.B. im Kapitel mit der Überschrift: "Schmerz. Von Stacheln und Giften."

Dort erfährt man u.a. von den Selbstversuchen eines US-amerikanischen Bienenforschers, der sich absichtlich von Bienen hat stechen lassen, an 25 verschiedenen Körperstellen und das dreimal innerhalb von fünf Wochen. Natürlich ging es um den Erkenntnisgewinn, also um eine Reihenfolge der Schmerzempfindungen, zwar seiner persönlichen, aber sie sind doch auch übertragbar. Am wenigsten schmerzhaft ist demnach ein Stich am Schädel und an der Spitze der Mittelzehe, am schmerzhaftesten an der Unterlippe und im Nasenloch.

Theodor Fontane wohnte in der Nähe des Landwehrkanals, der führte noch Abwässer und es stank – bis in seine Wohnung in der Potsdamer Straße – und folglich verließ er die Stadt meist für zwei, drei Monate. Er fuhr mehrfach an die Nord- und Ostsee, in den Harz, ins Riesengebirge, in Kurorte wie Karlsbad oder Bad Kissingen oder eben auch ins städtische Umland. Das wichtigste war die Luftveränderung.

Dabei muss man aber noch dazu sagen, dass Fontanes Reisetätigkeit genau genommen auf dreierlei Art erfolgte: Er machte Bildungsreisen – das vor allem als junger Mann, dann als Vater von vier Kindern kaum noch. Zweitens unternahm er Arbeitsreisen – da fallen einem sofort die Wanderungen durch die Mark Brandenburg ein, aber auch andere nach Dänemark, Böhmen oder Nordfrankreich, wo er für seine Kriegsbücher recherchierte. Zeitlich am ausgedehntesten waren aber tatsächlich ab ungefähr 1872  die Reisen in die Sommerfrischen. Da war er sechs, acht Wochen oder auch länger aus Berlin weg – und das übrigens meistens allein.

Unannehmlichkeiten des Reisens

Er hat im Laufe der Jahrzehnte immer mal versucht, seine Frau von der guten Luft in den Sommerfrischen zu überzeugen – mit wenig Erfolg. Emilie Fontane wusste, was sich ihr Mann für ein riesiges Arbeitspensum auf jede Reise mitnahm. Er schrieb und entwarf im Urlaub genauso intensiv wie zu Hause und stand folglich für Unternehmungen tagsüber gar nicht zur Verfügung. Da sparte sie lieber das Geld und sich selbst die Unannehmlichkeiten des Reisens und blieb in Berlin. Oder fuhr mit den Kindern oft wochenlang zu ihrer Freundin auf das Treutlersche Gut Neuhof bei Liegnitz, heute in Polen.

Fontane war das am Ende ganz recht, denn so konnte er seinen Arbeitsrhythmus einhalten. Und schließlich profitieren wir heute noch davon, denn in den langen Trennungszeiten der Eheleute wurden viele Hundert Briefe geschrieben, über das was man aus der Sommerfrische so alles berichten konnte. Am Ende ist das die Basis dieses wunderbaren Buches von Bernd W. Seiler.

In seinen Berichten von den Reisen ließ er kaum etwas aus. Das beginnt oft mit den Umständen des Reisens im Zug. Er schreibt zum Beispiel, dass er sich im Zug nach Stettin absichtlich in ein Coupé für Nichtraucher gesetzt hatte, aber die ganze Zeit einem "penetranten Fischgeruch" ausgesetzt war, weil jemand aus Berlin Zander mitgenommen hatte, der unter der Sitzbank vor sich hin roch. Er beobachtet Land und Leute, berichtet über die Beschwerden des Publikums in den Badeorten, vergleicht die Quartierskosten und schildert sehr schön, was der aufkommende Fremdenverkehr alles so mit sich bringt.

Das Ganze ist im Buch mit sehr vielen historischen Postkarten, zeitgenössischen Abbildungen usw. versehen. Fontane schreibt wie immer sehr anschaulich und manchmal auch ironisch. So kann man wunderbar eintauchen in diese Art des Reisens und Erlebens. Nebenher, und das gehört ja auch zu unserer Wesensart, kann man vergleichen, was schon so ähnlich und was noch ziemlich anders war als heute.

Wenn Fontane sich nicht als Theaterkritiker an Berlin gebunden gefühlt hätte, wäre er wohl komplett ins Riesengebirge gezogen – natürlich der guten Luft wegen!

Danuta Görnandt, kulturradio

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