Håkan Strand: Silent Moments; Montage: rbb
Kehrer Verlag
Bild: Kehrer Verlag

Bildband - Håkan Strand: "Silent Moments"

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Zur Einstimmung auf die mit Regen und Dunkelheit, Nebel, Schnee und Eis einhergehenden Monate und um zu zeigen, dass auch diese Jahreszeiten reizvoll sein können, eignet sich ein Fotoband des schwedischen Fotokünstlers Håkan Strand. Er versammelt Bilder, die ausnahmslos in Herbst und Winter gemacht wurden.

Håkan Strand "entschleunigt" sich selbst und die Objekte seiner künstlerischen Begierde vollkommen, reduziert seine fotografische Sicht auf die Welt auf das Wesentliche. Er sucht das Einfache, Klare, Schöne: klare Linien, einfache Formen, die geheimnisvolle Schönheit der einfachen Dinge, eines kahlen, sich im Wind biegenden Baumes, eines aus dem Nebel auftauchenden Schiffes, einer ins dunkle Nichts verschwindenden, von Schneematsch bedeckten Straße.

Die Fotos von Håkan Strand sind ein bewusster Kontrast zum lauten, grellen Zeitgeist. Sie rebellieren gegen das Gewimmel der Menschen in der Großstadt, gegen die Versuchung, schnell mal sein Handy zu zücken, zu posieren, Klick zu machen, die Schnappschüsse in die Welt hinaus zu posten und zu glauben, man habe Bilder gemacht, die irgendeine künstlerische Bedeutung haben.

Für Håkan Strand ist das alles nur billiger Tand, ohne Wert und Bestand: Er inszeniert nichts und nimmt die Dinge und die Natur, wie sie sind. Er nimmt sich Zeit, beobachtet still und beharrlich und empfindet Menschen dabei eher als störend: Nur auf einem der 54 im Fotoband gezeigten Bilder ist überhaupt ein Mensch zu sehen. Ein Mann, nur schemenhaft zu erkennen, der durch dicken Nebel über eine Brücke geht.

Momente der Stille

Der Arbeitsweise des Künstlers und der Präsentationsform seiner Bilder haftet etwas Altmeisterliches und Rätselhaftes an. Sie unterscheidet sich von (fast) allem, was man aus der zeitgenössischen Fotografie zu kennen glaubt. Das zeigt sich daran, dass Håkan Strand immer in Schwarz-Weiß fotografiert, Bilder aus Licht und Schatten komponiert, die Bilder wie gefrorene Momente der Stille erscheinen.

Auf eine seltsame und unerklärliche Weise wirken die Fotos elegant, lässig und zeitlos, zugleich aber auch schwermütig, melancholisch und bodenständig. Die Fotos verzichten auf alles Digitale, sie sind immer mit einer analogen Kamera gemacht, unter schwierigsten Lichtverhältnissen. Strand arbeitet immer in der Dämmerung, bei schlechtem Wetter, der Himmel ist immer grau und wolkenverhangen, feuchter Nebel verhindert die Sicht oder weiße Schneeflächen blenden das Auge, Regen spiegelt sich auf dem Asphalt.

Die Fotos konzentrieren sich immer auf nur ein einziges Motiv, einen Baum, eine Brücke, ein Haus, ein Schiff, einen Felsen. Alles, was dieses Motiv umgibt, besteht nur aus Licht und Schatten. Die Fotos sind auf dickes, weiches Papier gedruckt, immer 20 mal 20 Zentimeter groß, der Einband des Buches ist aus eleganter grauer Leinwand, darauf kein Titel, kein Name, nur ein Foto. Oder genauer: eines von drei Fotos, die der Künstler dem Käufer zur Auswahl stellt.

Auf dem Cover meines Buches ist ein Baumes zu sehen, der sich ganz allein auf einer blenden weißen Schneefläche gegen Kälte und Festigkeit behauptet, im Hintergrund das dunkelgraue Meer und der hellgraue Himmel: Ein Bild, das von der Erhabenheit der Natur, von Einsamkeit und endloser Weite erzählt.

Auf einem der beiden anderen zur Auswahl stehenden Cover-Bilder erkennt man vier Steine, die in einem Meer aus Wasser und Nebel verschwinden und vielleicht einmal Teil eines Stegs oder einer Brücke waren und jetzt wie archaische Überreste einer anderen Zeit erscheinen.

Das dritte mögliche Cover-Foto zeigt einen dunklen Weg, einen Steinhaufen, der wie mit dem Lineal gezogen in ein graues Meer hineinführt und dann eine scharfe Kurve nach rechts hinaus aus dem Bild macht. Das Wasser ist vollkommen ruhig, keine Welle, kein Hauch von Leben. Es ist, als würde die Zeit stillstehen und die Natur den Atem anhalten.

Håkan Strand hat an vielen Orten fotografiert, in Schweden und Finnland, Belgien, Österreich, England, den USA. Besonders faszinierend sind die Fotos, die er in Island gemacht hat: ein bizarrer Felsen, der aus dem Meer herausragt und aussieht wie ein riesiges altes, Wasser schlürfendes Tier. Oder das Bild eines gigantischen Wasserfalls: Die Fluten, die sich von einer dunkelgrauen Steinkante in den Abgrund hinunterstürzen, erscheinen wie ein einziger heller samtweicher Lichtstrahl.

Perfekte Symbiose

Die Bilder des Buches erzählen seltsame Geschichten und entwickeln beim Betrachten einen musikalischen Sound, den man zu hören glaubt: Mich zog es beim Betrachten der Fotos magisch zu meinen alten Jazzplatten, vor allem zu "Kind of Blue", diesen Jazz-Klassiker. Miles Davis wispert elegant mit der Trompete, John Coltrane säuselt lässig auf dem Tenor-Saxofon. Bass, Schlagzeug und Piano weben improvisierte Notenteppiche, die in eine andere Welt schweben, in der die Kunst das Wesen der Dinge und die Geheimnisse des Lebens berührt.

Cooler Jazz und coole Bilder: für mich die perfekte Symbiose aus Musik und Fotografie.

Frank Dietschreit, kulturradio

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