Helene Hegemann: Bungalow; Montage: rbb
Hanser Berlin
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Roman - Helene Hegemann: "Bungalow"

Bewertung:

"Axolotl Roadkill" – so hieß der Debütroman von Helene Hegemann, der von den Kritikern als Sensation gefeiert wurde und später für viel Aufregung gesorgt hat. Jetzt ist Helene Hegemanns neues Buch da.

Ob im Roman, im Film oder auf dem Theater: Helene Hegemann erzählt ein ums andere Mal "Coming-of-Age"-Stories und begleitet Jugendliche auf ihrem schwierigen Weg ins Erwachsenenalter. Auch „Bungalow“ ist wieder so eine Geschichte, auch wenn diesmal die Ich-Erzählerin, die hier auf ihre Kindheit und Jugend zurückblickt, vielleicht noch etwas jünger, noch etwas cooler, noch etwas asozialer, obszöner ist als sonst – und sich mit sehr viel Alkohol, Tabletten und krauser Fantasie eine andere und bessere Wirklichkeit erträumt.

Charlie ist elf und lebt mit ihrer Mutter in einem Hochhaus, einem scheußlichen Plattenbau in irgendeiner Großstadt, deren Name nie genannt wird. In einem von Drogen und Gewalt beherrschten Viertel, das nicht näher bezeichnet wird. Die Geschichte könnte also überall und nirgends spielen.

Die Mutter ist schizophren, ertrinkt in Selbstmitleid und säuft sich um den Verstand, der Vater schreibt ab und zu eine Postkarte und schaut Weihnachten mal für eine halbe Stunde vorbei. Charlie ist völlig auf sich gestellt, sie trinkt zu viel Alkohol, ist eine schlechte Schülerin, sie klaut und lügt, sie hätte gern ersten Sex, treibt sich nachts draußen rum oder schaut sich Pornos an.

Oft hängt Charlie mit einem gleichaltrigen Mitschüler ab. Der ist aber viel zu schlau und belesen und macht sie in ihrem Hochhaus-Plattenbau-Bildungsnotstands-Milieu nur noch mehr zur Außenseiterin.

Etwas Unerwartetes geschieht

Charlie schaut von ihrem Balkon aus auf ein Areal aus schicken Bungalows, das zum Weltkulturerbe gehört. Dort wohnen die Schönen und Reichen, die Spießer und alle, die es geschafft haben. Der Kapitalismus zeigt sein ungeschminktes Gesicht, zwei Welten prallen direkt und hart aufeinander: hier die Plattenbau-Hochhäuser mit den Verlierern, dort die Bungalows mit den Gewinnern, zu denen Charlie, das spürt sie instinktiv, nie gehören wird.

Aber dann, kurz nach ihrem zwölften Geburtstag, geschieht etwas Unerwartetes: In einen der Bungalows zieht ein geheimnisvolles, junges, unkonventionelles Ehepaar ein. Sie heißen Maria und Georg, er scheint ein Luftikus und Lebenskünstler zu sein, sie eine selbstbewusste, eigenwillige Schauspielerin. Beide machen die Nacht zum Tag, feiern wilde Feste, streiten und lieben sich so offen und laut, dass man sie dabei hören und beobachten kann.

Charlie entwickelt eine obsessive Leidenschaft für die beiden, belauscht sie, schaut ihnen beim Sex zu, dringt in ihre Intimsphäre ein, verfolgt sie, fantasiert sich ein gemeinsames Leben mit den beiden herbei, projiziert all ihre Wünsche und Sehnsüchte von einem aufregenden, abenteuerlichen Leben auf Maria und Georg, die so vollkommen anders sind als alles, was sie bisher kannte.

Diese Obsession nimmt wahnhafte Züge an, sie ist für Charlie zugleich befreiend, aber auch gefährlich. Denn sie droht sich in ihren Hoffnungen und Erlebnissen komplett zu verlieren und auf der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit waghalsig jonglierend ins Nichts abzustürzen.

Zunächst bemerken sie das Mädchen gar nicht, dann geht es ihnen mit ihrer ständigen Präsenz auf die Nerven, schließlich aber lassen sie Charlie in ihr Haus und in ihr Leben, benutzen sie sogar einmal, als ihnen der Stoff ausgeht, als Drogenkurier. Aber ob diese Annäherung, Vereinnahmung und Symbiose in der Realität oder nur in der Fantasie des Mädchens stattfindet, muss jeder Leser selbst entscheiden.

Und genau darin – dass vieles im Ungefähren, Vagen und Rätselhaften bleibt – liegt der eigentlich Reiz des Romans, der mit seinen holzschnittartigen Figuren, seiner klischeehaften Milieuzeichnung und seiner geschmacklosen und oft ins Obszöne gehenden Sprache einem ziemlich auf die Nerven gehen kann.

Schon die Eröffnungsszene, von der aus dann der Roman entfaltet und rückwärts erzählt wird, kann einem Rätsel aufgeben: Da hat eine etwas älter gewordene Charlie, sie ist vielleicht inzwischen 17, heftigen und gewalttätigen Sex mit Georg. Sie wird dabei beobachtet von einer sich gelangweilt auf dem Sofa lümmelnden Maria.

Der Roman, der dann zurück blendet und Charlie auf ihrem Weg durch die Pubertät begleitet, wird nie wieder an diesen Punkt kommen, sodass wir nicht mit Gewissheit sagen können, ob es wirklich je zu dieser gefährlichen und rätselhaften Dreierbeziehung gekommen ist.

Verwirrendes Bedrohungsszenario

Über dem ganzen Roman liegt eine seltsame Wolke der absoluten, aber nicht greifbaren Bedrohung: Die gesellschaftliche Atmosphäre scheint vollkommen vergiftet, das soziale Klima zerrüttet, eine Welle von unerklärlichen Selbstmorden erschüttert das Land. Ständig ist von Terrorattacken die Rede, von gigantischen Naturkatastrophen, von Wirbelstürmen, die ganze Städte in Schutt und Asche gelegt haben.

Manchmal hat man als Leser das undefinierbare Gefühl, ein verheerender Krieg steht kurz bevor oder ist vielleicht schon ausgebrochen, etwas Apokalyptisches liegt in der Luft. Das alles taucht nur in Nebensätzen und Nebenbemerkungen auf, gedankliche Blitzlichter, die kurz aufleuchten und dann im Dunkeln verschwinden.

Dieses verwirrende Bedrohungsszenario gibt dem ansonsten literarisch eher dürftigen Roman eine geheimnisvolle politische Dimension, und jeder Leser muss für sich entscheiden, ob er den Roman nur als eine neue, grelle "Coming-of-Age"-Story lesen will – oder als einen zutiefst verstörenden Abgesang auf unsere in den Abgrund schlitternde Gesellschaft.

Frank Dietschreit, kulturradio

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