Juli Zeh: Neujahr © Luchterhand
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Roman - Juli Zeh: "Neujahr"

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Der bewegte, überforderte Mann: Warum Juli Zehs neues Buch nur zur Hälfte ein moderner Gesellschaftsroman ist

Es ist der erste Januar, ein Mann namens Henning sitzt auf dem Fahrrad, er macht mit seiner Familie Urlaub auf Lanzarote und ist schon morgens los, um auf den Atalaya-Vulkan zu radeln. Er hat gute Vorsätze, will mehr Sport machen, netter sein zu seiner Frau, mehr lachen. Ein Mann, der sich abmüht. Buchstäblich während der Radtour - er hat kein Wasser dabei, die Sonne brennt. Und auch generell im Leben. In Einschüben wird seine Situation beschrieben: Ein moderner Familienvater, der eigentlich alles richtig macht, der sich Arbeit und Kinder mit seiner Frau aufteilt, er macht sogar etwas mehr Familienarbeit, weil sie besser verdient als er.

Eine interessante literarische Figur: der moderne Mann, der engagierte Familienvater, der Papa, der für seine Kinder da ist, trotzdem arbeitet, einer, der sich kümmert. Aber dennoch ist er nicht zufrieden.

Sein Leben gleich einer Flucht

Sehr klug führt Juli Zeh das Dilemma moderner Eltern vor. Eltern, die emanzipiert sind, gleichberechtigt, die sich Gedanken gemacht haben. Leider kommt aber kein Glück dabei raus, sondern eine ständige Anspannung. Seine Frau Teresa hat u.a. mit eigenen Idealvorstellungen zu tun, fährt stundenlang über die Insel Lanzarote, um irgendwo einen Weihnachtsbaum aufzutreiben. Da ist Verbissenheit. Überforderung. Das Unwohlsein manifestiert sich bei Henning mittlerweile körperlich: Panikattacken, Burnout, Zittern. Seit einigen Jahren hat er damit zu kämpfen, liegt nachts wach, tigert durchs Haus, hat Schweißausbrüche. Die Ärzte finden nichts, die Frau ist inzwischen eher genervt davon.

Die Gesellschaftsanalytikerin Juli Zeh schreibt Sätze wie "Sie wissen längst, dass Arbeit nicht mehr der Feind der Freizeit ist, sondern eine Verteidigungsstrategie gegen den Dauerzugriff der Kinder. Vom Urlaub werden sie sich in ihren Jobs erholen" oder  "Sein Leben gleicht einer Flucht, er kann nichts zu Ende bringen, hat für nichts richtig Zeit". Es sind Sätze, die "Neujahr" zu einer treffenden Analyse der Gegenwart machen, zu einem Generationenporträt. Die Generation, die alles richtig macht und dennoch nicht zufriedener ist.

Warten auf die Eltern

Doch leider kommt dann – im Buch – der Gipfel, der einen dramaturgischen Bruch markiert. Henning erreicht mit dem Fahrrad die Bergspitze, und ab hier beginnt der zweite Teil des Buches. Er rastet in einem Künstleratelier, eine deutsche Künstlerin, die dort lebt, gibt ihm zu trinken und zu essen. Und dann setzen auf einmal frühkindliche Erinnerungen bei ihm ein. Es gab eine traumatische Erfahrung in seiner frühen Kindheit, hier auf Lanzarote, etwas, das lange verdrängt war und jetzt mit großer Macht wieder an die Oberfläche kommt. Als kleines Kind war Henning zwei Tage ohne Eltern in einem Ferienhaus, hat in dieser Zeit vollkommen überfordert auf seine kleine, erst zweijährige Schwester aufgepasst.

Diese Erinnerung wird aus der Kinderperspektive beschrieben, der Durst, der Hunger, die kleine Schwester, der er keine Windel anlegen kann, das Warten auf die Eltern. Diese Rückblende hat inhaltlich enorme Wucht, man liest mit Atemlosigkeit das Grauen der vernachlässigten Kinder. Doch die Erzählperspektive holpert. Zum einen liegt in der kindlichen Wahrnehmung eine große Poesie, doch dann stehen da wieder Sätze wie "sein Mund fühlte sich an wie Schmirgelpapier", die ein Fünfjähriger wohl kaum sagen würde.

Einer, der alles richtig machen will

Viel ärgerlicher aber ist, dass das frühkindliche Trauma im zweiten Teil des Buches die Relevanz des ersten Teils in Nachhinein schmälert. Die Panikattacken dieses Familienvaters, so erfahren wir beim Lesen, haben ihre Ursache in einer verdrängten Erfahrung als kleiner Junge. Dabei hatte man im ersten Teil immer schon empathisch genickt und es absolut plausibel gefunden, dass einer, der alles richtig machen will, der mehrere Rollen auf einmal ausfüllen will, der ein moderner Mann ist, an Grenzen stößt. Als ob die Gegenwart mit ihren Anforderungen nicht ausreichen würde für einen Burn Out.

So zerfällt "Neujahr" in zwei Teile, die einander nicht zwingend benötigen und sich gegenseitig eher schmälern als befeuern. Man hätte auch zwei - sehr gute - Bücher daraus machen können.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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