Lisa McInerney: Glorreiche Ketzereien © Liebeskind Verlag
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Roman - Lisa McInerney: "Glorreiche Ketzereien"

Bewertung:

Gesellschaftsroman für die Generation Netflix

"Glorreiche Ketzereien" ist das Debüt von Lisa McInerney betitelt, einer jüngeren irischen Autorin des Jahrgangs 1981. Der Roman spielt zur Zeit der jüngsten Rezession, die Irland bekanntlich besonders schwer traf. Soziologische Analyse betreibt die Autorin aber nicht. Eher schon versucht sie sich an einer literarischen Milieustudie. Man könnte ganz altmodisch von einem "Sittenbild" sprechen, in dem die Schicksale mehrerer Hauptfiguren über einen Zeitraum von einigen Jahren verfolgt und miteinander verwoben werden.

Das Interesse der Autorin gilt dabei den abgesunkenen Bereichen der Gesellschaft: Unterschicht und Unterwelt. Es werden Leichen beseitigt, unliebsame Zeugen erschossen, es wird gedealt und ganz allgemein kräftig gethrillert. Schauplatz all dieser Irrungen und Wirrungen ist Cork, immerhin die zweitgrößte Stadt Irlands, aber doch alles andere als ein Moloch. Eine scheinbar idyllische Stadt, über die Lisa McInerney schreibt, sie sehe aus "wie ein in die Senke gelegtes Federbett". Die sanfte Schläfrigkeit erweist sich bei näherem Hinsehen aber als trügerisch.

Ein Mann in statu nascendi

Im Mittelpunkt der Handlung steht Ryan Cusack, halb Ire, halb Italiener, und das älteste von sechs Kindern. Zu Beginn der Erzählung ist er fünfzehn Jahre alt. Sein alleinerziehender Vater säuft und prügelt, und wenn es sein muss, beseitigt er auch Leichen für den örtlichen Unterweltboss. Ryan ist kein Weichei, er weiß, wie man sich zur Wehr setzt, aber er hat auch eine sanfte Seite, geht zärtlich mit seiner Freundin um und besitzt ein außergewöhnliches Talent für Musik. Man schließt diesen Mann in statu nascendi schnell ins Herz, und es ist schmerzlich anzusehen, wie sein Umfeld ihn immer weiter abrutschen lässt, bis er mit Drogen handelt, auffliegt und für längere Zeit im Gefängnis landet.

Das spezifisch Irische findet, wie könnte es anders sein, in Gestalt des Katholizismus in den Roman. Lisa McInerney prägt dafür die schöne Formulierung von der "irischen Dreifaltigkeit: Priester, Nonnen und Nachbarn", die bis in die siebziger Jahre uneingeschränkt geherrscht habe.

Mittels Devotionalie ins Jenseits befördert

Die Folgen dieser unheiligen Allianz sehen wir an einer Frau der älteren Generation, Maureen Phelan, die zu Anfang des Buches sechzig Jahre alt ist. Mit ihr hebt die Handlung an, und zwar gleich mit einem kräftigen Schlag: Maureen hat einen Einbrecher getötet, ausgerechnet mittels einer katholischen Devotionalie. Schuldig ist sie – im katholischen Sinn – schon viel länger: Als junge, unverheiratete Frau wurde sie schwanger. Ihr ganzes Leben geriet damit aus der Bahn. Der Sohn musste bei den Großeltern aufwachsen, sie selbst das Land verlassen. Jahrzehntelang hat sie in London gelebt, ehe der Sohn sie zurückholte.

Sie ist eine zierliche, zähe Frau, diese Maureen, mit schneidendem Witz, gläubig ganz ohne den Segen der Kirche. Und dennoch lässt sie der unbeabsichtigte Totschlag den Beistand eines Priesters suchen – was natürlich nicht funktionieren kann.

Gesellschaftsroman für die Generation Netflix

Ryan und Maureen sind nur zwei Personen aus einem ganzen Kabinett von Haupt- und Nebenfiguren. Gerade für eine Debütautorin dürfte es keine Kleinigkeit sein, ein komplexes Handlungsnetz mit derart vielen Akteuren zu spinnen. Nach einem etwas stotterigen Start gelingt Lisa McInerney dieses Kunststück nicht schlecht. Die Verbindungen zwischen den Figuren muss der Leser nach und nach selbst erschließen, was durchaus Spaß macht. Man interessiert sich für diese Menschen und folgt dem Auf und Ab ihrer Entwicklung gern.

Es scheint, als ob sich die altehrwürdige Form des Gesellschaftsromans auch für die Generation Netflix eignet, die ja gewohnt ist, Geschichten über zahlreiche Episoden hinweg zu verfolgen. Sie ist es wohl auch, die Lisa McInerney als ihr Publikum anvisiert.

Mit der Schrotflinte auf Pointenjagd

Wer sich deshalb einen rasanten Erzählstil erhofft, wird allerdings enttäuscht. Schnoddrig, sarkastisch, abgebrüht, so wünscht sich Lisa McInerney ihren Duktus. Wie ein auf Zeithöhe gebrachter Raymond Chandler. Leider geht das vor allem im ersten Drittel des Buches ziemlich schief, denn die Autorin übertreibt es gewaltig, sie schießt quasi mit der Schrotflinte auf Pointen. Das gibt zwar den einen oder anderen Treffer, aber meist wird das Gegenteil dessen erreicht, was erreicht werden soll: Geschwätzigkeit statt Lakonie, Anbiederung statt Coolness. Alles muss ganz besonders klingen, auf Teufel komm raus. Da ruft nicht einfach jemand nach einer anderen Person, sondern er lässt einen "Namen aus seinem Schlund dringen." Solche Witzeleien machen das Lesen mühsam und verwischen die Konturen der Handlung.

Man muss es leider sagen: Die Übersetzung und ein schläfriges Lektorat erschweren die Lektüre zusätzlich. Der Text wimmelt von wörtlich übersetzten englischen Formulierungen, es gibt Sätze, die schlichtweg unverständlich sind, und der Ton als Ganzes stimmt einfach nicht.

Wer sich mit alldem arrangieren kann, bekommt mit "Glorreiche Ketzereien" aber ein Buch, das das Herz auf dem rechten Fleck hat.

Steffen Jacobs, kulturradio

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