Maggie Nelson: Bluets; Montage: rbb
Hanser Berlin
Bild: Hanser Berlin

Biografie - Maggie Nelson: "Bluets"

Bewertung:

Maggie Nelson sagt von sich, dass sie als Autorin nicht besonders erfindungsreich ist. Sie schreibt, um zu verarbeiten, was ihr begegnet. Maggie Nelson ist Amerikanerin, und gerade ist auf Deutsch ein Buch erschienen, das in den USA schon vor zehn Jahren veröffentlicht wurde: "Bluets".

Blau ist die Lieblingsfarbe der Autorin. Sie sieht sie immer und überall. Sie sieht das festgetretene Stanniolpapier auf der Straße, eine Feder, eine Glasscherbe. Sie hört gleich, wenn in einem Lied blau vorkommt. "Famous Blue Raincoat" von Leonhard Cohen zum Beispiel. Eine Überempfindlichkeit.

Der blaue Prinz

In "Bluets" geht es aber auch um eine Liebesgeschichte. Der geliebte Mann bringt ihr ein kleines Tütchen mit marineblauem Farbpulver mit, sie nennt ihn ihren blauen Prinzen. Bis er sich in eine andere Frau verliebt. Ihr Trennungsschmerz ist erdrückend, sie leidet wie ein Tier. Im Deutschen heißt "blau sein" betrunken sein, "getting blue" im Englischen heißt trübsinnig, in ihrem Fall mehr als das. Das einzige, das ihr in der Verzweiflung Halt gibt, ist die Beschäftigung mit der Farbe Blau. Sie recherchiert und sucht und erkundet, erstmal nur, um die Zeit irgendwie auszufüllen und von einem Tag zum anderen zu kommen.

Vermissen und Verlangen

Eine traurige Geschichte, die ich aber trotzdem gerne gelesen habe, weil Maggie Nelson sehr persönlich und radikal erzählt, sowohl von dem heftigen Vermissen und körperlichen Verlangen, aber auch vom eigenen Selbstbetrug. Sie liebt den verlorenen Mann mit Haut und Haaren, muss sich dabei eingestehen, dass sie jemanden liebt, der sie belogen und betrogen hat.

Außerdem ist äußerst anregend, was Maggie Nelson gesammelt hat. Zum Beispiel die Geschichte vom Seidenlauben-Vogel. Das Männchen stattet sein Nest mit allerlei blauen Fundstücken aus, Federn, Flaschendeckeln, blauen Beeren. Und wenn das blaue Liebesnest fertig ist, vollführt es am Eingang Werbetänze für möglichst viele vorbeifliegende Weibchen.

Oder das Blau des Malers Yves Klein, der sich seine Farbmischung hat patentieren lassen. Maggie Nelson ist versessen darauf, seine Bilder zu sehen. Als sie endlich nach England gereist ist und vor den Bildern steht, da sind sie ihr viel zu intensiv. Das Blau sticht ihr in die Augen. Aber ihre Entdeckungsreise geht immer weiter. Durch Goethes Farbenlehre und die philosophischen Betrachtungen von Ludwig Wittgenstein, durch Gedichte und Popsongs.

Anregung zum Googeln

Maggie Nelson forscht nicht systematisch, sondern geht nur von ihrem persönlichen Erleben aus. Das wirkt ansteckend. Sie provoziert niemals das Gefühl "Oh, kenn ich nicht, Bildungslücke, unangenehm", sondern eher: "Ach, interessant, ich google gleich mal, wie dieses Bild von Joan Mitchell aussieht oder wie dieses Lied von Billie Holiday klingt."

Bluets – blue notes

Bluets sind blaue Blumen mit kleinen vierblättrigen Blüten, auf Deutsch Porzellansternchen. Vielleicht ist bluets hier aber auch ein Kunstwort aus blue und notes, aus blau und Notizen, blaue Notizen. "Bluets" besteht aus lauter kleinen Abschnitten, insgesamt 240. Man kann sie in einem Rutsch in zwei Stunden lesen, vielleicht, um zu wissen, wie Maggie Nelson aus dem Liebeskummer-Loch heraus kommt. Das Buch ist aber auch eine prima Bettlektüre – zwei, drei Abschnitte vor dem Einschlafen und am nächsten Tag mühelos wieder einsteigen.

Wer richtig Zeit und Muße hat, lässt sich verführen, dem schillernden Angebot von Maggie Nelson zu folgen.

Claudia Ingenhoven, kulturradio

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