Utz Rachowski: "Die Dinge, die ich vergaß" | "Poesiealbum 339"; Montage: rbb
Bild: Bookspot-Verlag | Märkischer Verlag Wilhelmshorst

Gedichte - Utz Rachowski: "Die Dinge, die ich vergaß" | "Poesiealbum 339"

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Utz Rachowski ist einer der Autoren, die mit ihrem Schreiben eher weniger im Licht der Feuilletons stehen und dennoch gute Literatur produzieren. Rachowski  ist bisher mit poetisch sensiblen Erzählungen hervorgetreten, die sich auch den großen politischen Linien des Weltgeschehens nicht verschlossen. Aber hier sind nun seine gesammelten Gedichte aus fünf Jahrzehnten, zusammengefasst in diesem Band, "Die Dinge, die ich vergaß", und dieses Buch zeigt, wie vielgestaltig die lyrische Arbeit dieses Autors ist. Mit seiner ostdeutschen Biografie ist Utz Rachowski im allerbesten Sinne auch ein Autor mit einer ostdeutschen ethischen Verantwortung im wiedervereinigten Deutschland. Rachowski saß in der DDR für seine Gedichte wegen staatsfeindlicher Hetze im Zuchthaus, er lebte dann - wie viele Ostler - auf der Insel West-Berlin und begriff die Wiedervereinigung schließlich als neue Chance für die Rückkehr in seine sächsisch-vogtländische Heimat wie für sein weiteres Schreiben.

In diesen Gedichten geht es eigentlich um alle Lebensbereiche, es gibt bezaubernde traurige Liebesgedichte über Trennungen, die lebenslange Wunden reißen, die Gefängniszeit in der DDR spielt natürlich eine Rolle, die Verlassenheit und Einsamkeit im Westen, und die unterschiedliche Ausdeutung des Begriffes Repression ermöglicht die Einsicht, dass repressive Gesellschaftszustände unter ganz verschiedenen Vorzeichen wirkmächtig fungieren können.

Die Kapitel in diesem 300 Seiten starken Band verweisen auf Veröffentlichungen aus früheren Jahrzehnten von Rachowski, aus denen die Texte entnommen wurden, aber auch neue Gedichte sind in diesen Sammelband mit eingeflossen, u.a. aus dem Gedichtband "Miss Suki oder Amerika ist nicht weit" von 2013, in denen der Autor über seine Ansprache an ein Hündchen aus Pennsylvania eine abgerissene Verbindung nach Amerika betrauert.

Utz Rachowskis Gedichte  sind gekennzeichnet von einer subtilen Methode der Ansprasche, die das lyrische Ich an den Leser sendet, und zwar in allen Gedichtkategorien, also vom  Liebesgedicht bis zum politischen Gedicht.

In diesen Gedichten gibt es viel Ursprünglichkeit, viel moralischen Ernst, viel Melancholie, allerdings gepaart mit Humor und einer Prise Sarkasmus, wie hier in einem Gedicht aus Rachowskis Zeit in Westberlin, der Text heißt Kreuzberger Abend und geht so:

Frisch aus der Asche
stiegen wir
in die Kellerkneipen.

Mäntel schmiegten sich an uns
wie betrunkene Frauen.

Wir durchpflügten die Wiesenmeere
verlorener Heimat.

Als wir beim Nachhausekommen
auf uns zufielen,
zerbrachen im Spiegel
komische Vögel.

Viel ostdeutsche Dichtung hat in den Jahrzehnten der staatlichen Teilung slawischen, polnischen Sound angenommen, und das ist ein stückweit auch der Seelen-Sound der Gedichte von Utz Rachowski.

Nicht nur sein Name klingt also slawisch, ungebrochene Leidenschaft, humorvolle Melancholie und fließende Trauer sind vielleicht stärker östliche Gefühlsausprägungen, und sie prägen auch die Dichtung von Utz Rachowski, und zum Rachowski-Sound gehört unbedingt noch die frische Direktheit der ansonsten gelassen formulierten Aussagen. Es gibt von Josef Brodsky einen Ausspruch, der sagte, "Ästhetik ist Ethik", und das trifft voll und ganz für Utz Rachowskis Gedichte in diesem Band zu.

"Poesiealbum 339"

Was über Utz Rachowskis Gedichte im dicken Band mitgeteilt wurde, gilt auch für "Poesiealbum 339": Jetzt ist es auch in einem Rachowski-Bändchen der schönen Reihe Poesiealbum nachzulesen, nur weniger umfangreich. Poesiealbum 339 ist also Utz Rachowski zum Kennenlernen. Und das kann man besten Gewissens empfehlen. Ein letztes Rachowski-Gedicht:

Ein Toast auf Robert Walser

MilchMilchbrrrt und Milchbrot
Soll man bei sich tragen
Kommt man die weißen Hügel
Herauf zur Irrenanstalt.

Die Weiber verlassen Gott.
Wir nur die Welt.
Und worüber
nicht zu reden ist.

Salli Sallmann, kulturradio

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