António Lobo Antunes: Vom Wesen der Götter; Montage: rbb
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Roman - António Lobo Antunes: "Vom Wesen der Götter"

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Es ist nicht der erste Roman von António Lobo Antunes, der in Cascais, dem schönen Städtchen bei Lissabon, spielt.

Hier residieren die Reichen in prachtvollen Villen mit Meerblick. Und hier empfängt im ersten Teil von Lobo Antunes' "Vom Wesen der Götter" eine alte Senhora Tag für Tag die Verkäuferin einer Buchhandlung, die Stapel dicker teurer Bücher bringt – Bücher, die niemand lesen wird. Denn die alte Dame braucht Fátima lediglich als unbeteiligte und stumme Zuhörerin, der sie vom vergangenen Glanz des Hauses, von ihrer Ehe, ihrer Einsamkeit und ihrem furchtbaren gottähnlichen Vater erzählen kann.

Fátima ist die erste der Erzählfiguren dieses Romans. Sie lauscht, springt währenddessen immer wieder in ihre eigenen Erinnerungen und Gedanken und kehrt zurück in die Geschichte der Alten, assoziativ, jäh und oft mitten im Satz.

Dieses Verfahren, Bewusstseinsströme zu einem mehrfach gebrochenen Hörensagen zu verflechten, hat Lobo Antunes über die Jahrzehnte in der langen Reihe seiner Romane zu einer Art disharmonischen polyphonen Gesangs entwickelt und perfektioniert. Und er behält es auch hier in den anderen Teilen des Buches bei.

Figur der Zeit

Nach und nach wird so der gottähnliche Senhor Doutor, der alle Menschen um sich herum mit gleicher amoralischer Willkür behandelt, von verschiedenen Seiten gezeigt: als skrupelloser Aufsteiger, gehörnter Ehemann, Machtmensch und angstvolles Kind. Aus der Sicht seines Dieners, seiner Sekretärin und Geliebten, seines Geschäftspartners – und auch, im dritten Teil, im Strom seiner eigenen Gedanken.

Dabei wird Senhor Doutor, ein guter Freund des Diktators Salazar, nach und nach zu einer emblematischen Figur der bleiernen Jahrzehnte Portugals, die nach 35 Jahren 1974 mit der Nelkenrevolution endeten.

Auch über diesen Umsturz hat Lobo Antunes Romane geschrieben: Er ist nun einmal der portugiesische Erzähler – oder eher: Dichter – der Zeitgeschichte. Denn an die Grenzen erzählerischer Prosa hält er sich schon lange nicht mehr.

Meisterhaft

Kein anderer europäischer Romancier unserer Zeit versteht es so meisterhaft, große Gesellschaftspanoramen aus den parallel fließenden Gedanken verschiedener Personen zu malen. Es ist, als habe die Erkenntnis der Neurophysiologie, dass unser Bewusstsein aus sozialen Beziehungen ähnlichen Vernetzungen besteht, hier ihren adäquaten Ausdruck gefunden.

Vermutlich hat es mit Lobo Antunes’ Beruf zu tun – er ist Psychiater –, dass er menschliche Innenwelten in derart überzeugender Weise auf die ganz große Leinwand projizieren kann.

Katharina Döbler, kulturradio

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