Dave Eggers: "Der Mönch von Mokka"; Montage: rbb
Kiepenheuer & Witsch
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Erzählung - Dave Eggers: "Der Mönch von Mokka"

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Mit "Ein Hologramm für den König" war er für den "National Book Award" nominiert, sein Roman "Der Circle" führte uns in die Abgründe des digitalen Überwachungsstaates: Dave Eggers, 1970 geboren, ist einer der bekanntesten und vielleicht bedeutendsten zeitgenössischen Autoren.

Die Geschichte, die Dave Eggers hier erzählt, führt uns vom mittelalterlichen Gestern direkt ins digitale Heute. "Der Mönch von Mokka" war der Legende nach Prediger einer islamischen Sufi-Gemeinschaft. Vor vielen Jahrhunderten hat es ihn auf einer Pilgerreise vom Jemen nach Äthiopien verschlagen. Von dort hat er nicht nur eine schöne Frau mit nach Hause in den Jemen gebracht, sondern auch die Kaffeepflanze, die es bis dahin nur in Äthiopien gab.

"Der Mönch von Mokka" gilt als Vater des jemenitischen Kaffees, doch der einstmals in aller Welt geschätzte jemenitische Kaffee verlor im Laufe der Jahrhunderte immer mehr an Bedeutung. Anbau und Ernte wurden immer schlechter, Ertrag und Erlös immer geringer, anstelle des Kaffees bauten jemenitische Bauern lieber Khat an, an deren Blättern man sich kauend berauscht und die zur Volksdroge im Jemen wurde.

Als der mit seinen Eltern vom Jemen in die USA ausgewanderte Mokhtar Alkhanshali von dieser Legende hört, ist er elektrisiert: Er ist Mitte 20, hat bisher nichts auf die Reihe bekommen, hangelt sich von einem Job zum anderen. Doch dann macht ihn eine amerikanische Freundin auf die alte Legende und die verschüttete Tradition des jemenitischen Kaffees aufmerksam.

Mokhtar beschließt, zum modernen "Mönch von Mokka" zu werden und den Kaffeeanbau im Jemen unter fairen Bedingungen zu reanimieren: nachhaltig zu wirtschaften, hervorragende Qualität zu liefern und den jemenitischen Kaffee – trotz aller Widerstände in dem von Huthi-Rebellen und saudischen Bombenangriffen verwüsteten Land – in der Welt zu neuem Glanz zu verhelfen.

Dass wir heute in Spitzenrestaurants und noblen Bars eine Tasse "Port of Mokha" für schlappe 16 Euro genießen dürfen, ist vor allem Mokhtar Alkhanshali, dem modernen Mönch von Mokka, zu verdanken.

Es ist ein Buch, das sich zwischen allen Genres bewegt, etwas eigenes sein will, vielleicht eine Art dokumentarische Erzählung. In einem mehrseitigen Prolog besteht Dave Eggers ausdrücklich darauf, dass es kein Roman sein soll, sondern eine Darstellung von Ereignissen, wie sie ihm von Mokhtar Alkhanshali berichtet wurden. Eggers erzählt in diesem Prolog auch, dass er den "Mönch von Mokka" drei Jahre lang immer wieder ausführlich interviewt hat, mit ihm rund um den Globus und auch in den vom Bürgerkrieg zerstörten Jemen gereist ist, sich von ihm in die Milliarden Dollar schwere Welt des Kaffees hat einführen lassen.

Eggers hat alles, was der Mönch ihm erzählt hat über Kaffeeanbau und -vermarktung, über die politische Situation im Jemen und die Schwierigkeit, sich als jemenitischer Amerikaner zwischen den Kulturen zu bewegen, mit authentischen Dokumenten abgeglichen und gibt nun in seinem Buch alles so wieder, wie es ihm Mokhtar über sein abenteuerliches Leben und über seinen Erfolg als ein Migrant berichtet hat.

Als Migrant, der den verschüttet geglaubten amerikanischen Traum zu neuem Leben erweckt hat und heute von sich behaupten kann, den vielleicht besten und teuersten und unter fairsten Bedingungen produzierten Kaffee der Welt anbieten zu können. Im Prolog erzählt uns Eggers in Grundzügen schon (fast) die ganze Geschichte, auf den folgenden 370 Seiten geht er dann in jedes noch so kleine Detail.

Eggers spaziert erzählend durch das Leben von Mokhtar, berichtet, wie er im Armenviertel von San Francisco aufwuchs, wie er immer in Gefahr war, ins Kleinkriminelle abzugleiten, wie er mit Schule und Studium seine Probleme hatte, alles Mögliche anfing und wieder hinwarf, sich planlos durchs Leben hangelte, aber sich immer schon für andere Migranten, denen es noch schlechter ging, einsetzte.

Eggers präsentiert uns Mokhtar als sympathisch-liebenswürdigen Chaoten, als witzigen Entertainer und alltagsklugen Macher, der immer auf dem Sprung ist, das ganz Neue und Utopische zu wagen, der sich von politischen Widerständen und religiösen Vorurteilen nicht abschrecken lässt.

Die Idee, zum ersten international zertifizierten arabisch-stämmigen Experten für Kaffee zu werden, den Kaffeeanbau im Jemen wieder zum Leben zu erwecken und den Kaffeebauern mit fairen Preisen ein besseres Leben zu ermöglichen, lässt ihn nicht los: Er reist in den Jemen, besucht die verödeten Kaffeeplantagen, redet mit Engelszungen auf die Bauern ein, ihre Produktion umzustellen. Er sucht kapitalkräftige Sponsoren, zuverlässige Mitarbeiter und sichere Vertriebswege, um seine Kaffeebohnen aus dem Kriegsland Jemen hinaus in die Welt zu verschiffen

Mokhtar gerät immer wieder zwischen die Fronten, wird von Huthi-Rebellen und Regime-treuen Soldaten kontrolliert und malträtiert. Doch mit Glück und Charme gelingt es ihm, seinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen und schließlich von seinem Apartment in San Francisco aus sehen zu können, wie das erste Schiff mit seinen Kaffee-Containern in Amerika ankommt. Und der Nacherzähler Dave Eggers ist immer dabei.

Das klingt nach einer spannenden und anrührenden Geschichte. Trotzdem kann sie nicht so recht überzeugen. Das liegt zunächst am Prolog, in dem Eggers der ganzen Story, bevor sie richtig begonnen hat, bereits den Stöpsel zieht. Wenn man als Leser schon im Voraus weiß, das alles gut ausgehen wird und Mokhtar seinen Traum verwirklicht hat, hält sich die Spannung und die Rührung über einzelne Details in Grenzen. Auch die Erzählhaltung - dass Eggers immer wie ein teilnehmender Beobachter neben seinem Mönch steht und uns berichtet, was Mokhtar gerade denkt und macht - liest sich holprig und holzig.

In seinem Roman "Weit gegangen" hat Eggers schon einmal von einem Migranten berichtet, Valentino, der sich vom Sudan bis in die USA durchgeschlagen hat. Valentino erzählt in der Ich-Form, und wir als Leser sind mittendrin im Geschehen und hängen an Valentinos Lippen, sind gespannt, was ihm widerfährt und wie er sein Schicksal meistern kann.

Jetzt aber hält Eggers die Distanz eines Dokumentaristen zu seinem Helden des amerikanischen Traums, und man wird den Eindruck nicht los, Mokhtars Schicksal und Erfolg dient dem Autor nur dazu, uns – in der Tradition von Brechts epischer Erzählweise – Erkenntnisse einzuträufeln, kulturell zu belehren und politische Botschaften zu erteilen über eine Welt, die zwar in Chaos, Krieg und Kulturkämpfe versinkt, aber doch von jedem einzelnen gerettet werden könnte, wenn er denn stark genug ist, seinen Traum von einer besseren und gerechteren Welt in Angriff zu nehmen.

Das mag schön und gut und wünschenswert sein, ist in diesem Falle aber sehr nahe am literarischen Kitsch.

Frank Dietschreit, kulturradio

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