Hansen Mittagsstunde
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Roman - Dörte Hansen: "Mittagsstunde"

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Rückkehr ins nordfriesische Dorf: Mit einem gleichzeitig lakonischen wie poetischen Buch über das Verschwinden taucht Dörte Hansen wieder auf den Bestsellerlisten auf

Eindeutig wieder Dörte Hansen: Der lakonische Ton, das norddeutsche Land, knorrige, urige Dorfbewohner, kluge, ironische Milieustudien von Städtern und Landbewohnern. Im "Alten Land", Dörte Hansens Bestseller von 2015, stand ein altes Haus auf dem Land im Zentrum, dessen Bewohnerinnen auf unterschiedliche Art Geflüchtete waren - die eine aus den Masuren, die andere aus der Bionade Bohème Hamburg Ottensens. Jetzt hat Hansen mit "Mittagsstunde" nachgelegt - und das oft gefürchtete zweite Buch ist mindestens genauso gut gelungen wie das erste. Es wird noch norddeutscher, viele Dialoge sind in diesem Buch sogar auf Plattdeutsch ausgeschrieben.

Die Flur bereinigen, als wäre sie verdreckt

Dieses Mal geht es um das Dorf Brinkebüll in Nordfriesland. Ein fiktives Dorf, das es so aber durchaus geben könnte. Die Hauptfigur heißt Ingwer Feddersen, ein Mann von 47 Jahren, Archäologe in Kiel, der ein Sabbatical an der Uni einreicht und zurückkehrt nach Brinkebüll, wo er aufgewachsen ist. Unter anderem, um seine Großeltern zu pflegen, die ihn aufgezogen haben. Denn seine Mutter Marret war dazu nicht in der Lage.

Ein zweiter Handlungsstrang führt uns zurück in die 60er Jahre, als Marret heranwuchs. Ein Mädchen, das von den Dorfbewohnern "vedreiht" genannt wird, sie spricht mit Fledermäusen, prophezeit den Weltuntergang, schnitzt Muster in Kartoffeln, statt sie zu schälen. Als eines Tages drei Landvermesser für wenige Tage ins Dorf kommen, lässt sich die Siebzehnjährige mit einem von ihnen ein und wird schwanger. Ihr Sohn ist eben jener Ingwer, der auf der Gegenwartsebene zurückkehrt.

Hansen erzählt in "Mittagsstunde" vom Verschwinden: Poetisch und treffend schreibt sie vom Altern, von Demenz und verfallenden Körpern. Und vor allem porträtiert sie eine Dorfwelt, die sich verändert hat, die sich auflöst, der Moderne zum Opfer fällt. Die Flurbereinigung in den 60er Jahren markiert den großen Wendepunkt. "Die Flur bereinigen, als wäre sie verdreckt", heißt es in "Mittagsstunde", "als wäre sie ein Fehler oder eine Schuld!" Die Landschaft wird vermessen, Hügel werden weggehobelt, Bäche begradigt, die Sandwege asphaltiert. Brinkebüll steht damit exemplarisch für das Vergehen von traditionellen dörflichen Strukturen. Ingwer Feddersen ist dabei eine Figur der Ambivalenz: Auf der einen Seite ist er buchstäblich ein Kind des Fortschritts, einer, der sich weggewünscht hat und weggegangen ist. Auf der anderen Seite ist er emotional fest verwachsen mit der Landschaft seiner Kindheit und kehrt zurück.

Plattdeutsch, nicht sentimental

Glücklicherweise tappt Dörte Hansen nicht in die Sentimentalitätsfalle. Die Sehnsucht nach dörflicher Idylle wurde schon in "Altes Land" ironisch gebrochen. Hier genauso: Das alte Dorfleben geht zwar unter, aber es wird nicht verklärt, im Gegenteil: Das Dorf wird auch geschildert als ein Ort der sozialen Kontrolle. Ein Dorf, das alles weiß, aber wegsieht, wenn zum Beispiel Kinder von ihren Vätern verprügelt werden. Zudem schützt der Ton vor jedem drohenden Kitsch: Dörte Hansen schreibt leicht und unprätentiös, aber nicht banal. Sie ist promovierte Soziolinguistin, ihre Spezialität sind kleine Sprachen. Mit Platt ist sie aufgewachsen. Und Platt ist keine Sprache der Romantik, Platt ist direkt und lakonisch, norddeutsch derb und schnoddrig. Wie die Figuren, die die Sprache sprechen.

"Mittagsstunde" ist ein liebevolles, aber nicht verklärendes Porträt Nordfrieslands und seinen Bewohnern, über den Einbruch der Moderne, über alternde Eltern und die Landschaften der Kindheit. Mit diesem besonderen Dörte-Hansen-Ton, von dem man nach diesem zweiten Buch jetzt durchaus sprechen kann und in dem sie hoffentlich noch weitere Romane schreiben wird.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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