Goran Vojnović: Unter dem Feigenbau © Folio Verlag
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Roman - Goran Vojnović: "Unter dem Feigenbaum"

Bewertung:

In seinen bisher drei Romanen macht der Autor Goran Vojnović immer wieder die finsteren jugoslawischen Urfehden und Blut-Mythen zu seinem Thema. Darum geht es auch in seinem neuesten Werk. Sigrid Löffler hat es gelesen.

Der slowenische Schriftsteller, Lyriker, Drehbuchautor und Filmemacher Goran Vojnović ist Jahrgang 1980 und in der Hauptstadt Ljubljana geboren. Er war ein Kind, als die jugoslawischen Sezessionskriege der 1990er Jahre tobten und ist damit jung genug, um diese als den Konflikt einer anderen Generation zu empfinden, mit dem er nichts mehr zu tun haben möchte und der ihn als weltoffenen jungen Europäer und EU-Bürger eigentlich nichts mehr angeht.

Stammeskonflikte vergiften das Zusammenleben

Dennoch muss er feststellen, dass die archaischen Stammesfeindschaften, die den Vielvölkerstaat Jugoslawien zerstörten und in Teilstaaten zerfallen ließen, bis heute weiterwirken. In seinen bisher drei Romanen macht Vojnović immer wieder die finsteren jugoslawischen Urfehden und Blut-Mythen zu seinem Thema.

Woher kommt dieser ethnische Hass und wie wirkt er sich in den Staatsvölkern und in den einzelnen Familien aus? Welche verschwiegenen und ungesühnten Verbrechen während der Zerfallskriege und welche ungelösten Stammeskonflikte vergiften das Zusammenleben auf dem Balkan bis heute? Diese Fragen bestimmen auch die beiden ins Deutsche übersetzten Romane dieses Autors.

Vier-Generationen-Geschichte

In dem Roman "Vaters Land" (2016) entdeckt ein Sohn, dass sein Vater keineswegs in den Balkankriegen gefallen, sondern ein gesuchter Kriegsverbrecher ist, der sich versteckt hält. Er erkennt, dass für die ältere Generation die Stammeskriege immer noch andauern, dass die Älteren immer noch besessen sind von der Wahnidee ethnischer Stammesreinheit und dass die unbewussten Freund-Feind- Automatismen immer noch zuverlässig einrasten.In seinem neuen Roman "Unter dem Feigenbaum" zieht Vojnović ein großes historisches Panorama auf.

Im Format einer Vier-Generationen-Geschichte, die bis in den Zweiten Weltkrieg zurückgreift, erzählt er von einer Familie in Ljubljana, in der sich die unterschiedlichsten ethnischen Herkünfte mischen. Man versteht sich als slowenische Familie, auch wenn man ursprünglich aus der serbisch-ungarischen Vojvodina stammt und aus Novi Sad zugewandert ist.

Es gibt jüdische und ukrainische Vorfahren und einen angeheirateten bosnischen Schwiegersohn. Das Stammhaus der Familie, vom Großvater Aleksandar eigenhändig neben dem titelgebenden Feigenbaum gebaut, liegt in Nord-Istrien an der slowenisch-kroatischen Grenze, in einem ursprünglich italienischen Dorf, aus dem die ansässige Bevölkerung nach dem Krieg 1945 vertrieben wurde. Als Slowenien sich 1991 zum unabhängigen Staat erklärt, liegt das Haus plötzlich im Ausland: in Kroatien.

Ähnlichkeiten mit dem Autor sind erkennbar

Die längste Zeit sind die ethnischen Mixturen dieser Familie kein reales Problem. Sie sind zwar unterschwellig vorhanden und den Familienmitgliedern auch bewusst, werden aber verschwiegen oder verleugnet und kommen nur gelegentlich zur Sprache, etwa in Form innerfamiliärer Hänseleien zwischen dem slowenischen und dem bosnischen Schwiegersohn. Doch kaum hat sich Slowenien 1991 als Staat selbständig gemacht, wird die Frage der Abstammung plötzlich virulent.

Aus scheinbar gutmütigen ethnischen Frotzeleien werden gehässige Streitereien. Ethnische Reinheit steht nun im Zentrum der Identitätspolitik des jungen Staates und gilt als Grundpfeiler der Staatlichkeit. Die falsche Herkunft kann zum lebensgefährlichen Problem werden. Die Frage des Slowenentums eskaliert zum Streitpunkt auch innerhalb der Familie. Ethnische Feindseligkeiten brechen aus, Schwestern zerstreiten sich und Schwäger überwerfen sich, Nationalismen vergiften das Klima, Abstammungskonflikte spalten die Gesellschaft und reißen die Familie entzwei.

Erzählt wird der Roman aus der Perspektive von Großvater Aleksandars Enkelsohn Jadran, einem Schriftsteller Mitte dreißig. Ähnlichkeiten dieses Ich-Erzählers mit dem Autor sind erkennbar, Goran Vojnović verarbeitet in diesem Roman offenkundig Elemente seiner eigenen komplexen Familiengeschichte.

Viel Schweigen, wenig Aufarbeitung

Der Tod des Großvaters ist für Jadran der Auslöser, um Herkunft und Geschichte seines buntscheckigen Clans zu erforschen. Er stellt sich damit auch die Frage nach der eigenen Identität. Was Jadran vor allem umtreibt, sind die irritierenden Leerstellen und Lücken in der Familienhistorie. Drei Familienmitglieder sind zu unterschiedlichen Zeiten abrupt fortgegangen und blieben eine Zeitlang ohne Erklärung verschwunden.

In den 1970er Jahren verschwand Jadrans Großvater für ein Jahr nach Ägypten, ohne Erklärung. Jadrans bosnischer Vater verließ Slowenien nach der Unabhängigkeit, nachdem der junge Staat ihn ausbürgerte. Er ging zurück in seinen Herkunftsort in Bosnien, kämpfte im Bürgerkrieg auf bosnischer Seite und blieb zwanzig Jahre lang verschwunden. Erst beim Begräbnis seines Schwiegervaters Aleksandar taucht er wieder auf, vielleicht auch, um sich mit Slowenien zu versöhnen.

Und auch Jadrans Ehefrau Anja verschwindet eine Zeitlang und lässt Jadran mit einer handfesten Ehekrise und mit den Zweifeln über die Gründe ihres Fortgehens allein. In dieser Familie wird viel geschwiegen und wenig aufgearbeitet und erklärt. Letztlich bleiben viele Beweggründe ihres Handelns rätselhaft.

Eine große Verschwörung zur Sinnstiftung

Die schiere Vielzahl seines Familien-Personals und die Überfülle seines Erzählstoffes machen dem Autor erkennbar zu schaffen. Er ringt mit der Organisation seines ausufernden Materials. Die Kunst des Weglassens ist nicht seine Stärke. Die Aufmerksamkeit des Lesers wird aufs Äußerste gefordert. Zur Orientierung wäre ein Stammbaum hilfreich, fehlt aber leider.

Gleichwohl gibt es farbige Charaktere, prägnante Szenen und anschaulich erzählte Episoden. Jadrans bosnischer Vater in seiner Entwurzelung und seiner Vereinsamung in der bosnischen Hinterwelt ist eine ebenso eindrückliche Gestalt wie der Großvater Aleksandar mit seinen unerfüllten Freiheitsträumen und seinem schuldbewussten Ausharren an der Seite seiner hilflosen dementen Ehefrau. Das großväterliche Haus in Istrien ist das heimliche Zentrum des Romans, das Bild des unermüdlich Früchte tragenden Feigenbaums prägt die Geschichte.

Am Ende hat der Erzähler Jadran das Gefühl, gescheitert zu sein in seinem Bestreben, die unerklärten Lücken in seiner Familiengeschichte zu schließen. Das Romanschreiben ist, so seine Vermutung, eine große Verschwörung zur Sinnstiftung, um dem Chaos eine Ordnung abzutrotzen und den Zufällen und Kontingenzen einen Sinn aufzuzwingen. Mit diesen Zweifeln entlässt der Roman "Unter dem Feigenbaum" den Leser, während Jadran im Feigenbaum immer höher klettert, um die letzte reife Frucht zu pflücken, die sich ihm entzieht.

Sigrid Löffler, kulturradio