Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste; Montage: rbb
Suhrkamp
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Erzählungen - Judith Schalansky: "Verzeichnis einiger Verluste"

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Ein schönes und kluges Buch übers Suchen und Finden, in dem man sich verlieren und über das man staunen kann.

Im Vorwort zitiert die Autorin einen Heidelberger Zoologen: "Es scheint zu den rational kaum fassbaren Eigenschaften des westlichen Menschen zu gehören, dass er Verlorenes höher bewertet als noch Bestehendes, anders ist die merkwürdige Faszination nicht zu erklären, die seither vom Beutelwolf ausgeht." Dessen letztes bekanntes Exemplar starb 1936 im Zoo von Hobart auf Tasmanien.

Von ihm ist in diesem außergewöhnlichen Geschichtenband nicht die Rede, wohl aber vom ebenso ausgestorbenen Kaspischen Tiger, der 1959 ausgerottet wurde. Judith Schalansky entwirft in dem ihm gewidmeten Kapitel genau und einfühlsam ein blutrünstiges Szenario im alten Rom: Ein Tiger und ein Löwe werden in der Arena aufeinander gehetzt.

Ein traditionsreiches Ritual – Kaiser Claudius wohnt ihm bei, das Publikum ist fasziniert und johlt angesichts des Todeskampfes zweier wilder Bestien, die kurz vorm Ende in eine Art Liebestaumel geraten. Und doch ist dieser grausame Circus nur das Vorprogramm für die Kämpfe der Gladiatoren.

Dem Gedächtnis gewidmet

"Vielfältig sind die Strategien, Vergangenes festzuhalten und dem Vergessen Einhalt zu gebieten." Die zwölf Kapitel dieses Buchs sind dem Gedächtnis gewidmet: Da bietet eine untergegangene Insel ebenso Anlass zum Erzählen wie "Ruinenrobert", der die französische Revolution zufällig überlebt, der antike Gebäude so lebensecht zeichnet, wie sie nie aussahen.

Der verschollene erste Film von Friedrich Wilhelm Murnau führt zum traurigen Monolog der alternden Greta Garbo, die verloren und einsam durch Manhattan streift. Der abgerissene Pa­last der Republik gibt den Hintergrund ab für eine Ehebetrugsgeschichte, die eindrucksvoll DDR-Bilder und -Stimmungen lebendig werden lässt.

Sapphos verschollene Liebeslieder nehmen uns mit in eine bis in unsere Tage reichende weibliche Literatur- und Liebesgeschichte, und ein Tessiner Eremit und Sammler, der eine – von seinen Erben vernichtete – "Enzyklopädie im Walde" errichtet hatte, sinniert über die richtige Frau und sexuelle Praktiken.

Kraft der Erinnerung

Die Textformen dieses besonders schön hergestellten Bandes sind so verschieden wie die verschol­lenen Bilder, Gegenstände oder Menschen: autobiografisches steht da neben histori­schem, eine fast impressionistisch angedeutete Seelen-Erzählung neben einfühlsamer Rollen­prosa. Zwölfmal beschwört die Autorin auf überraschende und überzeugende Weise die literari­sche Kraft der Erinnerung.

"Am Leben zu sein bedeutet Verluste zu erfahren." Die Literatur, dieses Buch kann über die existentielle Traurigkeit angesichts dieser Einsicht hinweg helfen.

Manuela Reichart, kulturradio

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