Maxim Biller: "Sechs Koffer" © Kiepenheuer & Witsch
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Roman - Maxim Biller: "Sechs Koffer"

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Jede Familie hat Geheimnisse, die bis in die Gegenwart wirken. Um so ein Geheimnis geht es auch in "Sechs Koffer", dem neuen Roman von Maxim Biller.

Die Sprache ist immer schon da. Anders als in der Bibel, wo bekanntlich alles mit dem Wort beginnt, beziehen sich in Maxim Billers autobiographischem Schelmen- und Familienroman "Sechs Koffer" alle Sätze und jeder Text auf andere Sätze und Texte, die ihnen vorausgegangen sind. Am Anfang erleben wir Billers Vater, der im Mai 1965 in Prag an einer Übersetzung von Jaroslav Hašeks "bravem Soldaten Schweik" ins Russische sitzt. Er ringt um Worte für den "fauligen Geruch" eines Massengrabs – aber so, dass es komisch klingt. Damit ist das Grundmotiv angeschlagen: Die mörderische Geschichte des 20. Jahrhunderts, in der die Familie Biller immer wieder die Länder und die Sprachen wechseln musste, die sie zu Flüchtlingen und zu Überlebenden gemacht hat. Sie führte die Familie von Moskau nach Prag und vorn dort 1970 weiter nach Hamburg. Soweit stimmen die autobiographischen Daten. Und nicht ganz zufällig liest der Ich-Erzähler in seiner Jugend Brechts "Flüchtlingsgespräche" – allerdings ohne ihnen sehr viel abgewinnen zu können.

Böse und sarkastisch ist Biller immer

Biller erzählt voller Witz, Selbstironie, Schadenfreude und Raffinesse. Im Mittelpunkt steht ein Verrat: Der Großvater, jiddisch "Tate" genannt, wurde 1960 in Moskau wegen Devisenschmuggels verhaftet und – so Billers Version – hingerichtet. Jemand musste den Tate verraten haben, könnte man mit Kafka sagen. Onkel Dima vielleicht, der bei einem dilettantischen Fluchtversuch selber für fünf Jahre in Haft geriet und seine Haut retten musste. Oder Onkel Lev, der in die Schweiz emigrierte und mit niemandem in der Familie mehr sprechen will. Oder aber die schöne Natalia, die mit Duma verheiratet war, weil sie den Vater des Erzählers nicht bekam und also mit dem dümmeren Bruder Vorlieb nehmen musste.

Böse und sarkastisch ist Biller immer, seit er mit der Kolumne "Hundert Zeilen Hass" berühmt geworden ist. Seine Bosheit ist aber gebrochen, indem er sie auch auf sich selber wendet. Seinen Figuren gegenüber ist er gerecht und behandelt sie geradezu zärtlich, weil er sie alle zu Wort kommen lässt. Dass die Familie von einem Verrat und einer Schuld zusammengehalten wird, ist ja schon ein Witz an sich in diesem jüdischen, europäischen Kontext. Und dass es um ein Devisenvergehen geht, bedient das wohl älteste antisemitische Klischee vom Juden als Geldwechsler. Immer wieder fließen die Tränen, aber sie werden systematisch weggelacht.

Sechs verschiedene Perspektiven

In sechs Kapiteln – den sechs "Koffern", die nicht nur Ortlosigkeit und Unterwegssein symbolisieren, sondern auch für die Last und all die Geschichten, die sie enthalten, stehen – umkreist Biller das Familiengeheimnis aus sechs verschiedenen Perspektiven. Gelöst wird es nicht – so viel sei verraten. Denn Wahrheit gibt es immer nur als Erzählung, die von Person zu Person ganz anders aussieht. Da wird erfunden, gelogen und zurechtgebogen, dass es eine Freude ist. Der Ich-Erzähler Maxim Biller rückt sich nur in einem Kapitel selbst in den Mittelpunkt. Da ist er fünfzehn Jahre alt und besucht Onkel Dima in Zürich, weil er den ebenfalls dort lebenden Onkel Lev aufspüren will. Stattdessen findet er die Pornohefte von Onkel Duma und dessen Geheimdienstakte, in der genau verzeichnet ist, wen er bespitzelte. Dass er der gesuchte Verräter ist, ist dennoch eher unwahrscheinlich.

In anderen Kapitel bleibt Biller zwar als Ich anwesend, ist aber zugleich ein allwissender Erzähler, der in die Köpfe und Herzen seiner zu Figuren verwandelten Familienangehörigen springt. So weiß er genau, was der Vater in Prag dachte und machte, während er selbst als Fünfjähriger im Nebenzimmer schlief. Das ist nicht etwa ein Fehler der Perspektivgebundenheit, sondern deutliches Hinweis darauf, dass diesem Erzähler nicht ganz zu trauen ist. Oder eben: Dass er sich als Erzähler die Freiheit nimmt, seine Figuren und ihre Versionen der Wahrheit zu erfinden.

Recht hat am Ende keiner

Alle in der Familie Biller schreiben: Mutter Rada hat 2003 einen autobiographischen Roman vorgelegt, die Schwester Elena Lappin 2016 ebenfalls mit dem Roman "In welcher Sprache träumt ich". Ihr ist das letzte Kapitel vorbehalten, wo sie, um diesen Roman vorzustellen, aus London nach Hamburg in ein Studio des NDR reist. Ob sie, wie Biller mit dem letzten Satz behauptet, "erzählte, wie es wirklich war", sei dahingestellt. Doch so, wie sich die Geschichten aus seinen "sechs Koffern" gegenseitig durchdringen, dementieren, widersprechen und ergänzen, so wären wohl auch die Romane von Mutter, Schwester und ihm selbst kreuzweise zu lesen. Recht hat am Ende keiner, weil es Rechthaben gar nicht gibt. Wer der Verräter ist, wird eher verdunkelt, als aufgeklärt. Aber so ist es in einer Familie, in der alle immerzu durcheinanderreden, weil die Sprache, das Sprechen und das Schreiben immer schon da gewesen sind.

Jörg Magenau, kulturradio

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