Michael Kumpfmüller: Tage mit Ora © Kiepenheuer & Witsch
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Roman - Michael Kumpfmüller: "Tage mit Ora"

Bewertung:

Ein Sommerroman im Herbst? Michael Kumpfmüllers neues Buch "Tage mit Ora" hat das Zeug dazu.

Vorweg: Lebenshilfe für Liebesfrustierte bietet dieser Roman nur in sehr indirektem Sinne, vielleicht so, dass einem die Neugier auf das andere Geschlecht niemals verlorengehen sollte. Die beiden hier im Buch, Frau und Mann, haben sich auf einer Hochzeitsfeier kennengelernt und begeben sich schnurstracks auf eine Autotour durch die USA. 

Sie sind bereits ein wenig zerfurcht von Liebesverhältnissen, also nicht mehr ganz frisch, aber frisch vom beginnenden erotischen Interesse aneinander erwischt, er über fünfzig, schon Knitter im Gesicht, sie über vierzig, beide haben Psycho-Therapien hinter sich und Psychotabletten bei sich, und sie fahren die Westküste der USA hinunter und tauschen sich über ihre Liebes-und Lebenserfahrungen aus, und das sehr offen und selbstkritisch und angenehm gelassen.

Der perfekte Mann

Ora ist die schöne attraktive, natürlich nicht ganz einfache Frau, obwohl sie sagt, im Grunde sei sie sehr normal, sie ist von den vielen Männer- Komplimenten eher belästigt, aber gleichzeitig auch verwöhnt, und er ist der Schriftsteller, der sich im Leben seine Schriftstellerziele verwirklicht und sich von  den Wunden, die die Liebe schlägt, wieder einmal erholt, gerade ist er von der Freundin verlassen worden. Dieser Mann nun ist recht zufrieden mit seiner Seele. Er sagt im Buch solche schönen Sachen wie das Folgende:

"Rein seelisch, muss ich sagen, war ich der perfekte Mann; so eine schöne Seele besaßen die Allerwenigsten. Ich war auch zeitlebens damit beschäftigt, an ihr zu arbeiten, hatte eine komplexe Gestalt- und eine Verhaltenstherapie hinter mir, zwei, drei Kriseninterventionen und eine abgebrochene Analyse. Ich hatte meine Seele geschliffen und poliert."

Und die beiden sind natürlich voll intellektuell und bis über beide Ohren klug und ironisch, und nun wissen sie aber auch nicht so richtig, ob und wie sie miteinander wollen und sollen, das ist das angenehm Offene am Roman, beide pflegen ihre Macken sehr sorgfältig, sie sind – wie wir alle - überindividualisiert und versuchen, damit auch noch zu spielen.

Nicht unsympathisch

Die Geschichte wird von ihm erzählt, aus der Ich-Erzähler-Perspektive, er gibt die Reden von Ora wieder und interpretiert sie, erklärt sich gegenüber dem Leser, der mitunter direkt angesprochen wird, Oras Rede wird aber mitunter auch direkt wiedergegeben. Jedenfalls schauen wir als Leser direkter und intensiver in seine Gemüts-und Argumentationslagen als in ihre. Aber das passiert alles ganz unaufdringlich, man folgt seinen Bekundungen und Selbstvorstellungen auf amüsierte, teilnehmende Weise, weil e r der typische selbstreflekierende, etwas zu selbstreferentielle, nicht unsympathische  europäische Intellektuelle an sich ist.

Ein großer Spaß

Das Ganze ist ein typischer Road-Trip-Text, erzählt wird die 13-tägige Reise in 13 Kapiteln. Im Hintergrund läuft immer der Song "June on the Westcoast" von der Band Bright Eyes, sozusagen als Motto der Reise, und die Abhandlungen über das Scheitern  bisheriger Liebesbeziehungen  werden mit Lakonie und vorsichtiger ironischer Gelassenheit vorgenommen,  der Typus Mann aus Kumpfmüllers letztem Buch, "Die Erziehung des Mannes", hat hier nun seine Depressionen überwunden und das Komische in der Konsistenz von Woody Allen tritt hervor. Akteure, die an ihren Seelen herumbasteln und fragwürdige Erfolge haben, es eben aber versuchen.

Das ist ein schön kluger, sympathischer Sommerroman über zwei, die in ihrem Leben den Sommer schon verlassen und dennoch in der Sonne bleiben. Im Buch heißt es:

"Wir waren Zitterkinder. Wir nahmen Tabletten, und wir machten zusammen diese Reise, was ja hieß, dass alles Etappe war, ein lustvolles Stochern im Nebel und, wenn es gut ging, ein großer Spaß."

Ja, dieses Buch ist ein großer Spaß, ein Vergnügen.

Salli Sallmann, kulturradio

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