Ruth Stoltenberg: Schengen
Bild: Kehrer Verlag

Bildband - Ruth Stoltenberg: "Schengen"

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Wo die Freiheit begann: 1985 wurde in Schengen ein Vertrag unterzeichnet, der zu einer Abschaffung der europäischen Grenzkontrollen führen und den Reiseverkehr in Europa erleichtern sollte.

Nach dem Fall der Mauer und der Erweiterung der Europäischen Union trat das "Schengener Abkommen" 1995 in Kraft und machte Europa zu einem Raum grenzenloser Freiheit. Doch mit der Flüchtlingskrise von 2015, seit einige Staaten wieder temporäre Grenzkontrollen einführten, wird das Abkommen in nationalistischen Kreisen in Frage gestellt.

Um zu dokumentieren, wie es sich in einem freien Europa lebt, und um darüber nachzudenken, was wir aufgeben und verlieren, wenn wir wieder neue Grenzen hochziehen, ist die Fotografin Ruth Stoltenberg an den Ort gereist, an dem alles begann: nach Schengen.

Symbol friedlicher Koexistenz

Schengen ist ein kleiner Ort in Luxemburg. Er liegt im Dreiländereck, die Grenze zu Deutschland und Frankreich ist nur einen Steinwurf entfernt. Damals – als sich die fünf Regierungschefs der europäischen Kern-Union dort trafen, Politiker aus den Benelux-Ländern, aus Frankreich und Deutschland – war Schengen so etwas wie der geografische Mittelpunkt der EU.

Und Schengen war schon damals eine Art Symbol dafür, dass Kulturen, Sprachen und Identitäten friedlich nebeneinander existieren und sich vermischen können. Denn über die Grenzen hinweg hat man von Schengen aus schon immer gute Kontakte gepflegt zum benachbarten deutschen Ort Perl und zum französischen Ort Apach.

Die Orte liegen sozusagen Tür an Tür, und die Menschen sind alle vom gleichen einfachen Schlag und wollen alle nur das eine: friedlich miteinander leben, sich über ihre guten Mosel-Weine verständigen und ihre Traditionen, ohne die Vorteile der Moderne aufzugeben.

Damals, als das Abkommen unterzeichnet wurde, war Schengen nur ein kleiner Ortsteil der Gesamtgemeinde Remerschen: Erst 2006 wurde die Gemeinde dann in Schengen umbenannt, weil der Name Schengen seit dem Inkrafttreten des Abkommens in aller Munde war und alles überschattete.

Kurzgeschichten über Menschen und Orte

Ruth Stoltenberg kommt aus der Gegend. Sie ist 1962 in Saarburg in Rheinland-Pfalz geboren, ist später nach Köln und Berlin gegangen, um als Fernsehredakteurin zu arbeiten und sich zur Fotografin ausbilden zu lassen. Sie ist bekannt für ihren langen künstlerischen Atem, hat mehrere Langzeit-Projekte fotografisch begleitet. Sie interessiert sich für die Geschichte von Orten, die sich im Umbruch befinden. So hat sie zum Beispiel ein Fotobuch über die Entwicklung der neuen Hafen-City in Hamburg veröffentlicht und ein Fotobuch über die Haftanstalt und das Haftkrankenhaus in Berlin-Hohenschönhausen.

Sie ist als Jugendliche oft in Schengen, Perl und Apach gewesen, kennt die Mosel-Landschaft wie ihre Westentasche, weiß mit den dortigen Menschen umzugehen, kann beurteilen, was sich dort im Laufe der letzten Jahrzehnte entwickelt und verändert hat: alles gute Voraussetzungen, um mit dem Fotoapparat durch Schengen und Umgebung zu schlendern und aus den vielen Eindrücken und Bildern, die einen umgeben, kleine optische Details herauszufiltern. Und anhand von Fotos Kurzgeschichten über Menschen und Orte zu erzählen. Fotos, in denen sich – vielleicht – die große Politik im kleinen alltäglichen Leben der Menschen spiegelt.

Die Fotografin blickt – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht von oben herab auf Schengen und Umgebung: Es gibt kein einziges Foto, für das sie von einem Weinberg hinunter ins Tal blicken und uns zeigen würde, wie klein Schengen ist, wie es sich in die Landschaft einfügt, wo die anderen, angrenzenden Orte, Perl und Apach, liegen.

Sie verrät auch nie, wo sie sich gerade aufhält, ob das jeweilige Foto in Schengen, Perl oder Apach geschossen wurde. Wer es ganz genau wissen will, muss hinten ins Verzeichnis schauen. Dort ist dann aufgelistet, wo welches Foto gemacht wurde.

Ruth Stoltenberg geht mit ihrer Kamera ganz nahe ran, interessiert sich für minimale Details: den Eingang eines unbewohnt wirkenden Hauses. Eine Häuserwand, von der der Putz abblättert. Einen Vorgarten, in dem das Unkraut wuchert. Einen verlassen daliegenden Kinder-Spielplatz. Die Tür zu einem verschlossen Stall. Ein heruntergelassenes Garagentor. Religiöse Symbole, die überall aufgestellt sind, denn die Menschen sind hier offensichtlich stark im Glauben verwurzelt.

Die ehemalige Grenze zwischen Deutschland und Frankreich: auf der einen Seite ein Eifelturm im Miniaturformat, auf der anderen Seite der Straße ein kleiner Verschlag, gefüllt mit Büchern, die sich jeder Vorbeikommende mitnehmen kann. Einen Storch aus Holz, der an einem Wäschepfahl hängt, eine Babypuppe im Schnabel trägt und auf neuen Nachwuchs im Hause hinweist.

Nachwuchs scheint auch bitter nötig, das spürt man schon deshalb, weil auf kaum einem Foto ein Mensch zu sehen ist: einmal radelt ein kleines Mädchen durchs Bild. Einmal sieht man einen kleinen Jungen mit einem Fußballtrikot des FC Barcelona die Treppe zu einem viel zu großen offiziellen Gebäude hinaufgehen. Einmal geht eine dick im Daunenmantel vermummt Frau durch die menschenleere Straße.

Es ist sehr leer und sehr leise auf den Fotos, die einen melancholischen Eindruck vermitteln, als würde die ganze Gegend im Tiefschlaf liegen, etwas zu Ende gehen und noch niemand so genau wissen, wie und ob es weitergehen könnte. 

Was die Bilder uns erzählen

Die Fotos aus Schengen und Umgebung erzählen uns über ein Europa, in dem neuerdings wieder über Abschottung und neue Grenzen nachgedacht wird. Dass es jenseits der großen Metropolen ländliche Regionen gibt, die ziemlich abgehängt sind von den Segnungen der Moderne, die verlassen und grau und menschenleer daliegen und auf bessere Zeiten hoffen. Dass es ziemlich trist und traurig ist in manchen Orten, die zwar einen bekannten Namen tragen, in denen aber ansonsten der Hund begraben liegt. Dass hier politisch und wirtschaftlich gerade etwas den Bach heruntergeht und kulturelle Identitäten sich aufzulösen beginnen. Dass diese ehemals wunderschönen Gegenden in Zeiten demokratischen Wandels regelrecht ausbluten und dringend Zuzug und neue Bewohner brauchen, die die fast verlassenen Orte wieder mit Leben füllen und neue Arbeitsplätze schaffen und den Menschen und Orten eine Zukunftsperspektive geben.

Beim Betrachten der Fotos überkommt einen ein eigentümliches Unwohlsein: man möchte dort eigentlich nicht hin und nicht leben, aber man hat auch das Gefühl, dass diese Orte unbedingt erhalten und neu belebt werden müssen und wir ohne sie unsere Kultur und Identität aufgeben.

Die Fotos erzählen davon, dass wir nicht Abschottung und neue Grenzen brauchen, sondern Menschen, die zu uns kommen, uns vor Vergreisung und Entvölkerung weiter Landstriche bewahren und Europa – als wunderbare Idee und wunderbaren Lebensraum – weiter entwickeln und immer wieder neu erfinden.

Frank Dietschreit, kulturradio

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