Sebastian Barry: "Tage ohne Ende"; Montage: rbb
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Roman - Sebastian Barry: "Tage ohne Ende"

Ein Western mit zwei Männern, die als Tänzerinnen in einer Goldgräberstadt arbeiten bis ihnen der Bart wächst, dann Soldaten werden und im Krieg gegen die Indianer Männer, Frauen und Kinder niedermetzeln, schließlich ein Indianermädchen adoptieren, den amerikanischen Bürgerkrieg mitmachen und ein Farmerehepaar werden. In diesem Buch kommt einiges vor, das in unserer Vorstellung ganz und gar nicht zusammenpasst.

Familiengeschichte und große Historie

Sebastian Barry, der irische Autor, der Familiengeschichte und große Historie auf stets unerwartete Weise miteinander zu verflechten pflegt, pflanzt all diese Widersprüche in die Gestalt und die Seele seiner Figur des Thomas McNulty, der im Jahr 1851 ungefähr 17 Jahre alt ist. So genau weiß Thomas das nicht, denn er ist in Irland geboren und als Kind allein Kind über den Atlantik gekommen, was er nur knapp überlebt hat. Auch sein Freund John Cole ist ein vagabundierendes Kind, das nie eine Schule von innen gesehen hat, als die beiden sich zusammentun.

Schönheit und Schuld

Die wechselhafte Karriere von Thomas als kindliche Tänzerin, als Soldat, Frauendarsteller, wieder Soldat und schließlich als Farmer in Frauenkleidern ist von ihm selbst in einem vordergründig schnoddrigen Ton erzählt, so plausibel, so direkt und unverstellt, dass seine Welt nahe kommt wie etwas seit jeher Vertrautes: die mörderische Winterlandschaft Amerikas, die Stille im Saloon, wenn Thomas als Frau verkleidet auftritt, die blutjungen Soldaten, in einem Rausch der Angst und der Gewalt um sich schießend und stechend.

Was diesen Roman so besonders macht, sind die ganz eigenen, unabgenutzten sprachlichen Bilder, die Barry findet. Damit öffnet er seinen Lesern das Herz für die flüchtigen Empfindungen von Schönheit und von Schuld in einer Welt, die sonst roh ist, leidvoll, grausam und gefährlich.

Katharina Döbler, kulturradio

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Vater-Buch - Natascha Wodin: "Irgendwo in diesem Dunkel"

Für "Sie kam aus Mariupol" erhielt Natascha Wodin 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse. Darin begab sich die 1945 in Fürth als Tochter sowjetischer Zwangsarbeiter geborene Autorin auf die Spur ihrer Mutter, die sich 1956 das Leben genommen hatte. In ihrem aktuellen Buch schreibt Natascha Wodin über ihren gewalttätigen und unberechenbaren Vater.