Stephen Fry: "Mythos. Was uns die Götter heute sagen" © Aufbau Verlag
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Sachbuch - Stephen Fry: "Mythos. Was uns die Götter heute sagen"

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Zügellosigkeit, Lebenslust, Mord und Totschlag, Triumph und Tragödie: Die griechischen Göttersagen sind wilder und wüster als das Leben selbst und bieten damit alles, was sich Leser wünschen. In Stephen Frys Nacherzählung "Mythos" erwachen die alten Sagen zu neuem Leben. Unser Kritiker Steffen Jacobs hat das Werk gelesen.

Viele Deutsche haben die antiken Göttersagen zuerst in der Auswahl und Bearbeitung von Gustav Schwab gelesen. In Schwabs "Sagen des klassischen Altertums" erfuhr man – oft als Kind oder Jugendlicher – zum ersten Mal von Göttervater Zeus, der die Form aller Tiere annehmen konnte und in Stiergestalt auch einmal mit einer Sterblichen ein Kind zeugte. Faszinierende Kunde für einen Zwölfjährigen!

Und da war natürlich die spannende Geschichte vom Raub der Helena und dem heroischen Kampf der Griechen um Troja, mitsamt den Heldentaten des Apollo und der Kriegslist des trojanischen Pferdes. Die komplexe Schönheit von Homers Hexametern mochte biografisch für spätere Jahre reserviert sein – doch die ganze waghalsige und schräge Action der "Ilias" war bei Schwab schon enthalten.

Ein Autor unbändiger Schelmenromane

Schwab ist nicht mehr der Jüngste; sein Buch hat fast einhundertachtzig Jahre auf dem Buckel. Für eine Neuschreibung der griechischen Mythen kann man sich kaum einen besseren als Stephen Fry vorstellen. Fry ist in Großbritannien eine Figur des öffentlichen Lebens, wie man sie in Deutschland nur erträumen kann: vielseitig, geistreich, belesen – ein Schauspieler, Komödiant, Dokumentarfilmer und Autor, der mit scheinbar größter Leichtigkeit sämtliche Register zwischen brüllender Komik und tiefstem Ernst zieht und damit alle Bevölkerungsschichten erreicht.

Seine frühen Bücher, "Der Lügner" und "Das Nilpferd", waren unbändige, ungebärdige Schelmenromane – vielleicht die besten der neunziger Jahre. In den letzten Jahren hat er einige wunderbare Sachbücher geschrieben und selbst ein scheinbar sperriges Thema wie das der Formensprache der Lyrik in einen großen, feinsinnigen Lesespaß verwandelt.

Stephen Fry unterschlägt die Heftigkeiten der griechischen Mythologie nicht. Gustav Schwab, der schwäbische Pfarrer und Gymnasiallehrer des Biedermeier, hatte aus den antiken Stoffen "alles Anstößige entfernt". Weniger grausam, vor allem aber weniger erotisch als in den Originalen eines Homer, Hesiod, Pausanias oder Apuleius sollte es zugehen. Seine angelsächsischen Kollegen, beginnend mit Nathaniel Hawthorne, handhabten das ähnlich.

Geistreiche Gespräche mit dem Leser

Zum Glück erliegt Fry nicht der Versuchung, die rustikalen Aspekte der antiken Mythologie allzu sehr auszuschlachten. Er ist zu sehr Denker, um den Komiker in sich völlig von der Leine zu lassen. Sein Buch ist deshalb anspruchsvoller, als er selbst es vielleicht zugeben würde. "Mythos", sagt er, beginne "mit einem leeren Universum", es stehe allen offen. Besonders herzlich lädt er jene ein, die über keine klassische Bildung verfügen. Mag sein, dass Fry keine Bildung voraussetzt, aber er vermittelt welche. Essayistische und erzählende Elemente greifen fortwährend ineinander. Der Leser wird in ein geistreiches Gespräch verwickelt. Dennoch bleibt die Erzählung fast immer plastisch und atemvoll.

Das liegt auch an den Dialogen. Fry legt seinen Göttern einen flapsigen, alltagsnahen Jargon in den Mund, der das scheinbar hohe Thema auf die Erde holen soll. Das ist eine Gratwanderung, aber eine, die fast immer gelingt. Nur selten gleitet der Ton ins Anbiedernde ab, etwa, wenn es heißt, Prometheus habe die Menschheit 2.0 geschaffen oder Kronos sei eine Art Hannibal Lecter gewesen.

Wirklich groß aber ist Fry dann, wenn er den komischen Gehalt scheinbar tragischer Stoffe herausarbeitet. Sisyphos zum Beispiel tritt in "Mythos" als bewundernswert dreister Trickbetrüger auf, der dem Todesgott mit viel Chuzpe gleich zweimal ein Schnippchen schlägt. Manches andere hätte man gerne in Frys Interpretation gelesen und muss doch darauf verzichten: den Ödipus-Mythos zum Beispiel oder den des Herakles. Auch der Trojanische Krieg fehlt völlig. Leider.

Die Ränkespiele des Göttervaters

Wichtiger als eine Vollständigkeit, die sowieso nicht zu erlangen wäre, ist es für Fry, bis an die Anfänge der antiken Kosmogonie zu gehen und vor dort aus eine fortlaufende Erzählung zu schaffen. "Mythos" beginnt mit dem Kampf der Götter gegen die Titanen, fährt mit der Formierung der zwölfköpfigen olympischen Götterwelt fort und kommt schließlich zur Schöpfung des Menschen nach dem Ebenbild der Götter.

Der Mittelteil widmet sich ausgiebig den diversen Ränkespielen des Göttervaters, dessen  Launenhaftigkeit es Fry besonders angetan hat. „Die Spielzeuge des Zeus“ heißt dieser Teil, und zu den Spielzeugen zählen Titanen ebenso wie Menschen, Prometheus ebenso wie Europa. Im letzten Teil, "Die Schönen und die Verdammten" geht es oft um die Geschicke der Sterblichen. Hier kommen die großen Liebenden ins Spiel – Pyramos und Thisbe, Philemon und Baucis –, und Fry bedient sich großzügig bei Ovids "Metamorphosen".

Kehren wir noch einmal zu Gustav Schwab zurück. Im Vergleich zu seinen "Sagen des klassischen Altertums" ist "Mythos", wen wundert’s, das frischere, zeitgemäßere Buch. Es ist, ohne immer komisch sein zu wollen, von homerischem Gelächter erfüllt. Doch der Hauptunterschied zeigt sich im Titel: Schwab hat die Sagen des Altertums gesammelt, Stephen Fry die Mythen. Und was es mit Mythen auf sich hat, erklärt er im Nachwort: Sie sind eine Vorstufe der Religion.

Unwiderstehliche Vielgötterei

Es ist ja das Erstaunliche, oder sagen wir ruhig: Janusköpfige an der abendländischen Tradition, dass sie seit Jahrhunderten zwei Religionen huldigt: der christlichen einerseits und der heidnischen antiken andererseits, mit all den unzähligen Bezügen von Shakespeare bis Wonder Woman, von den Namen der Sterne bis zu denen für Krankheiten und Neurosen. Es gibt für uns nicht nur einen Gottvater im Himmel, der weise und klug ist und dessen Sohn zur Nächstenliebe aufruft, sondern auch einen Göttervater auf dem Olymp, der launisch, lebensfroh und rachsüchtig ist und so viele Kinder mit so vielen Gefährtinnen und Gespielinnen zeugt, dass es schwer ist, den Überblick zu behalten. Diesen Göttervater und seinen verrückten Kosmos feiert Fry – trotz einiger Längen – auf eine unwiderstehliche Weise, wie nur er es kann.

Steffen Jacobs, kulturradio

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