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Sachbuch - Stephen Hawking: "Kurze Antworten auf große Fragen"

Bewertung:

In seinem letzten Buch gibt Stephen Hawking Antworten auf die drängendsten Fragen unserer Zeit und nimmt uns mit auf eine persönliche Reise durch das Universum seiner Weltanschauung. Unser Kritiker Jörg Magenau hat das Buch gelesen.

Stephen Hawking wollte einmal eine Party für Zeitreisende veranstalten. Er war sich sicher, dass Zeitreisen möglich sind, sofern die Raumzeit sich krümmen lässt, was aber allenfalls in der Zukunft möglich sein wird. Um ganz sicher zu gehen, dass nur echte Zeitreisende kommen würden, verschickte er die Einladungen erst nach der Party. Leider kam niemand, er blieb den Abend allein, war aber nur mäßig enttäuscht. Es könnte ja auch sein, dass die Gäste aus der Zukunft in nicht wahrnehmbarer Gestalt erschienen sind.

"Kurze Antworten auf große Fragen" heißt das jetzt aus dem Nachlass, aus Notizzetteln, Entwürfen und einzelnen fertig gestellten Passagen kompilierte Buch des großen Physikers Stephen Hawking, der im März diesen Jahres gestorben ist. Kapitelweise setzt er sich mit Grundfragen wie "Gibt es einen Gott?", "Wie hat alles angefangen?", "Gibt es anderes intelligentes Leben im Universum?" auseinander, wendet sich aber auch ganz praktischen, politischen Themen zu, wenn er fragt: "Werden wir auf der Erde überleben?" Angesichts globaler Probleme wie Erderwärmung, Überbevölkerung, knappe Ressourcen und Vernichtung von Arten, Ozeanen und Wäldern lautet seine Antwort: Nur dann, wenn es der Menschheit gelingt, rechtzeitig andere Planeten zu besiedeln. Forcierte Weltraumfahrt war für Hawking, der 2007 für ein paar Minuten in der Schwerelosigkeit des Weltalls segelte, unerlässlich. Nicht zuletzt schenkte uns die Raumfahrt den Blick von außerhalb auf den Globus und damit die Einsicht, dass wir eine Menschheit sind, die auf einer Erde lebt.

Vertrauen in die Technik

Stephen Hawking war eine merkwürdige Gestalt. Körperlich beeinträchtigt und an den Rollstuhl gefesselt, seit bei ihm Anfang der 1960er Jahre Amyotrophe Lateralsklerose diagnostiziert wurde und die Ärzte ihm maximal fünf Jahre Lebenszeit gaben, überlebte er diese Frist um ein Vielfaches. An einem Körper gebunden, der ihm kaum Bewegungen erlaubte, erforschte er mit äußerster Disziplin die Weite des Kosmos und versuchte über die darin herrschende Raumzeit hinauszudenken – sei es, indem er feststellte, dass im Kern von schwarzen Löchern alle Zeit endet, sei es, indem er die Frage "Was war eigentlich vor dem Urknall?" für sinnlos erklärte, weil es da noch keine Raumzeit gab, also auch kein davor.

Selber an technische Hilfsmittel wie etwa einen Sprachcomputer gebunden, vertraute er ganz und gar den wachsenden Möglichkeiten der Technik, ohne jedoch ihre Gefahren zu übersehen. Er war ein Rationalist, für den das Wort "Gott" allenfalls eine andere Bezeichnung für die absolute Gültigkeit der Naturgesetze war. Er folgte einem fast schon naiven Fortschrittsglauben, als gäbe es tatsächlich für alle Probleme technische Lösungen, und er glaubte entschieden daran, dass es auf alle großen Menschheitsfragen wissenschaftliche Antworten gebe. Und wenn wir sie noch nicht gefunden haben, stünden wir doch kurz davor.

Meisterhaft

Neben diesem Optimismus des Wissens setzte er auf die allgemeine Verstehbarkeit der physikalischen Probleme. Als Autor gelang ihm 1988 mit "Eine kurze Geschichte der Zeit" ein millionenfacher Welt-Bestseller. Die jetzt postum nachgereichten "kurzen Antworten" bieten im Vergleich dazu wenig Neues, zeigen aber einen Menschen, dem es ernst ist mit der Popularisierung des Wissens. Dass das große Genie der Naturwissenschaft dabei ein wenig so wirkt wie ein Kind, das mit einer Plastikschaufel Steinchen sortiert, könnte dieser Vereinfachungslust geschuldet sein. Dass die Zukunft, so wie Hawking sie erahnt, so aussieht, als käme sie aus Star Trek oder anderen Science-Fiction-Filmen, kann wenig erstaunen, bleibt doch für ihn die Phantasie die wichtigste menschliche Ressource. Und alles wäre nichts "ohne die Menschen, die ich liebe und die mich lieben".

Da kommen also Kräfte ins Spiel, die vielleicht doch nicht einfach nur den Naturgesetzen, der Thermodynamik, der Quantenmechanik und der Relativitätstheorie gehorchen. Auch die Sprache, die Hawking als ein Informationssystem anerkennt, das sogar der so extrem erfolgreichen DNA überlegen ist, könnte so eine Grenze der Gültigkeit von Naturgesetzen sein. Denn Sprache geht ja in Information nicht auf. Mit Heisenbergs Unschärferelation lauern Zufall und Freiheit auch im Reich der Protonen und Neuronen. Wenn es unmöglich ist, deren genaue Position und Bewegung anzugeben, dann ist es eben auch unmöglich, die Zukunft vorherzusagen, egal wie gigantisch die Rechenkapazitäten Künstlicher Intelligenz auch werden mögen.

In den Tiefen des Universums und jedes einzelnen Atoms stecken Freiheitsmöglichkeiten jenseits kausaler Notwendigkeit. Hawking wusste das sehr wohl und ließ sich doch nicht aufhalten in seiner Suche nach einer "vollständigen Theorie des Universums, der ultimativen Weltformel, der Theorie von allem". Wir haben sie noch nicht, hätte er wohl gesagt, stehen aber unmittelbar vor ihrer Entdeckung. Bei aller Skepsis über die Zukunft der Menschheit und ihr Zerstörungspotential war sein Optimismus grenzenlos. Allein das reicht vielleicht schon aus als Botschaft dieses Nachlassbandes.

Jörg Magenau, kulturradio

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