Ursula Krechel: "Geisterbahn"; Montage: rbb
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Roman - Ursula Krechel: "Geisterbahn"

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Vor sechs Jahren erschien Ursula Krechels vielgelobter Roman "Landgericht". Darin ging es um jüdische Exilbiografien, die durch die Nazizeit verbogen und gebrochen wurden. Jetzt beschäftigt die Schriftstellerin sich erneut mit der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Ursula Krechels Roman "Geisterbahn" schildert – unter anderem – die Geschicke einer Sinti-Familie vom Beginn der Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Auch dies ist eine leidvolle Geschichte, wurden doch Sinti von den Nazis mit ähnlicher Grausamkeit verfolgt wie Juden. Das Besondere in ihrem Fall stellt vielleicht die Doppelgesichtigkeit der Verachtung dar, mit der man ihnen begegnet: Als Gegenstück fast jedes abwertenden Vorurteils scheint ein positives Vorurteil zu existieren, ein Faszinosum – die berühmte Zigeunerromantik.

Die Paprikasoße der Trivialromantik

Man ist gebannt von der vermeintlich unbändigen Freiheit dieser Menschen. Sinti-Frauen seien glutvoll und schön, heißt es, sie besäßen geheime Kenntnis von der Zukunft, und manchmal wachse unter ihnen sogar ein vertauschter Prinz auf. Solche Klischees gehörten im 19. Jahrhundert zum festen Bestand der literarische Kolportage. Die banalste Form dieser Romantik ist das Zigeunerschnitzel: Ein deutsches Schnitzel, über das die Paprikasoße der Trivialromantik gegossen wird.

Sinti und Roma verkörpern fatalerweise die oft verdrängten, auch erotischen Begierden derer, die sich als brave Bürger begreifen. Diese Begierden müssen im Interesse des wohlanständigen Selbstbildes kontrolliert werden, koste es, was es wolle. In der Nazizeit hieß das in brutaler Konsequenz, dass man den Sinti und Roma Freiheit und Leben nahm.

Ursula Krechel schildert das am Beispiel der Familie Dorn aus Trier. Anfang der Dreißigerjahre haben die beiden Eltern, Alfons und Lucie, sieben Kinder. Sie sind stolz auf diesen Reichtum, den sie als wahren Lebensreichtum empfinden. Auch sonst sind sie keine armen Schlucker: Sie besitzen ein Haus und Alfons ist als Schausteller ein geschickter Unternehmer, der mit seinem Karussell von Jahrmarkt zu Jahrmarkt reist. Sein ältester Sohn geht ihm zur Hand.

Jähes Abgleiten in die Barbarei

Ursula Krechel gelingt es gut, nicht in das Gegenklischee zum Zigeunerstereotyp zu verfallen. Es wird durchaus klar, dass im Vorgarten von Familie Dorn die Blumenrabatten nicht in Reih und Glied stehen. Eine andere Lebensart als bei den "Normaldeutschen" gibt es zweifellos, aber eben keine Asozialität, wie so oft unterstellt wird, sondern ein eigenes soziales Gefüge.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Ab 1936 greift ein "Runderlass zur Bekämpfung der Zigeunerplage", man fahndet nun aktiv nach Sinti. Es folgt ein jähes Abgleiten in die Barbarei. Als Alfons nach Berlin fährt, um eine neue Jahrmarktattraktion zu kaufen, wird ihm nicht nur der Kauf verweigert, er wird auch auf der Straße aufgegriffen und nach Marzahn in ein erstes Internierungslager verbracht. Ihm gelingt die Flucht, doch zu Hause hat er mit seinem betagten Karussell keinen rechten Erfolg mehr. Die älteste Tochter, noch minderjährig, muss sich einer Zwangssterilisation unterziehen, und dann, 1940, wird die ganze Familie ins Konzentrationslager verschleppt.

Sprunghafte Wechsel der Perspektiven

Dieser erste, knapp hunderte Seiten lange Teil, "Drehschwindel", ist der geschlossenste, vielleicht prägnanteste Abschnitt des Buches. Dass die restlichen Jahrzehnte aus fast einhundert Jahren deutscher Geschichte überhaupt auf die verbleibenden 540 Seiten passen, liegt vor allem an Ursula Krechels Art des Schreibens. Sie hat einen flüssigen, federnden Stil, der sprachlich anspruchsvoll ist und sich dennoch gut liest.

Man könnte von einem "summarischen Erzählen" sprechen, das vieles kurz streift, aber nur selten verweilt. Längere Dialoge, die das Geschehen in einer erzählten Gegenwart verankern könnten, gibt es nicht. Und jederzeit kann zwischen verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven, zwischen Fakten und bildhaften Assoziationen sprunghaft gewechselt werden. Auch historisches Wissen speist Ursula Krechel auf diese Weise in den Erzählstrom ein: "Geisterbahn" ist zweifellos exzellent recherchiert.

Manchmal wünscht man sich dennoch ein längeres Innehalten, auch mehr Hinwendung zu den einzelnen Figuren. Einige Protagonisten erinnern eher an Leitmotive als an Menschen aus Fleisch und Blut. Das merkt man, wenn Ursula Krechel die anderen Familien vorstellt, deren Schicksale den Roman durchziehen. Franz Neumeister, der für das Reichsarbeitsministerium eine etwas nebulöse Typenlehre erstellt, die Hotelierstochter Grit Berghausen, die ein Luxushotel um der Liebe willen sausen lässt: Diese Figuren scheinen ihr fremder, weniger interessant zu sein als die Sinti-Familie Dorn.

Sauerkraut mit Blutwurst – muss das sein?

Das oft hochvirtuose Mäandern der Handlung hat auch mit der Erzählperspektive des Romans zu tun. Theoretisch wird das Geschehen zwar aus der Ich-Perspektive wiedergegeben. Praktisch merkt man das aber erst in der zweiten Hälfte des Buches, als in der Nachkriegszeit die Geschichte des Ich-Erzählers einsetzt. Bernhard Blank ist sein Name: Ein Grundschullehrer aus Trier, der sich linksalternativen Bürgerbewegungen und progressiver Didaktik nahe fühlt und im inneren Monolog permanent ein Hühnchen mit seinem Vater zu rupfen hat. MEINVATER nennt er ihn, zusammengeschrieben und in Großbuchstaben, als wäre dieser eine Sache, kein Mensch.

Immer wenn MEINVATER auftaucht, wird es hölzern, und das hat einen Grund: Dieser Vater ist in der Tat kein Mensch, sondern eine Kunstfigur. Wenn irgendwo hart durchgegriffen wird, egal wann, egal wo, ist er zur Stelle. MEINVATER ist Polizist, einer von der Sorte, die immer macht, was man ihr sagt, in jedem System. Der perfekte Handlanger des Totalitarismus. Wenn er isst, dann Sauerkraut mit Blutwurst, und das auch noch mit schlechten Tischmanieren. Eine Klischeefigur in einem Buch, das doch mit Klischees aufräumen will.

Sehr einfühlsam erzählt Ursula Krechel hingegen von den Traumatisierungen der Töchter aus kommunistischer Familie und Sinti-Familie. Man spürt eindrücklich, was es heißt, in der Nachkriegszeit als vor den Nazis Verfolgter in Deutschland gelebt zu haben.

"Geisterbahn" interessiert, fasziniert, reizt zu produktivem Widerspruch. Als Ganzes ist der Roman ein großer Wurf geworden, ein Buch, das man – hier stimmt das Klischee einmal wirklich – kaum aus der Hand legen mag, wenn man sich erst einmal darin festgelesen hat.

Steffen Jacobs, kulturradio

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