Wolfgang Herrndorf: "Stimmen"; Montage: rbb
Rowohlt
Bild: Rowohlt

Erzählungen - Wolfgang Herrndorf: "Stimmen – Texte, die bleiben sollten"

Vor fünf Jahren starb der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf. In seinem Testament hat er verfügt, dass Unvollendetes oder gänzlich Unveröffentlichtes aus seinem Nachlass nicht publiziert werden soll. Im Band "Stimmen" versammelt sind Herrndorf-Texte, die schon zu dessen Lebzeiten ihren Weg in die Öffentlichkeit gefunden hatten.

Prognose vorab: "Stimmen" wird denjenigen Lesern, die Wolfgang Herrndorfs Werk ohnehin kennen und schätzen, am meisten geben. Herrndorf-Erstleser dagegen könnten die Erzählungen und die Erinnerungen, die kleinen Essays, Gedichte und das Dramolett als arg zerklüftetes Sammelsurium wahrnehmen.

Nach der ursprünglich als Blog verfassten Sammlung "Arbeit und Struktur" und dem Romanfragment "Bilder deiner großen Liebe" ist "Stimmen" das dritte und letzte Werk, das erst nach Herrndorfs Tod erscheint (er litt an einem Hirntumor und tötete sich 2013 selbst). Seinen Segen hat der Band in jedem Fall, denn Arbeiten, die er nicht veröffentlicht sehen wollte, hat Herrndorf gar nicht erst im Nachlass belassen, sondern rigoros vernichtet. Um Erstveröffentlichungen im strengen Sinne handelt es sich dennoch nicht. Vieles hat Herrndorf während der Nuller-Jahren für das Internet-Forum "Wir höflichen Paparazzi" geschrieben, und zwar unter dem Pseudonym "Stimmen", das dem Nachlass-Band nun den Titel gibt. Anderes trug er auf Lesungen vor; einiges erschien entlegen.

Herrndorf'sche Lakonie

Prosa über Kindheit und Jugend steht am Anfang. Herrndorf-Experten mögen Autobiographisch-Dokumentarisches von Erfundenem unterscheiden. Nimmt man die Erzählungen als Literatur ernst, ist das müßig.

Fünf Jahre alt war der Erzähler, als er mit einer gewissen Katharina Rage in den Felder herumstreunte, wo sie in einem Puppenstuben-Blechherd ein Feuer machten. Dabei verbrannte er sich den Finger, kühlte ihn erst nuckelnd im Mund, später dann zu Hause die ganze Nacht in einem Wasserbecher, ständig in der Angst, die Eltern könnten die Wunde entdecken und vom Feuer-Werk erfahren.

Es war "der perfekte Tag" – bis zu der Verbrennung, von der man annehmen darf, dass sie auch für den Zusammenhang von Liebe und Schmerz steht. Immerhin: Auf dem Feld hatte der Fünfjährige die kleine Katharina in den Armen gehalten und den Kopf in ihre Haare gedrückt (wenn auch nur, um zu verbergen, dass er am verbrannten Finger nuckelte). "Es war die letzte Berührung mit einem Mädchen, bis ich erwachsen war", heißt es in Herrndorf'scher Lakonie.

Stippvisiten

Gleichwohl folgten zunächst noch viele Mädchen, in die sich der Erzähler verliebte, ohne je ein Wort mit ihnen zu reden. Es folgten Jugendjahre, in denen die Eltern schwierig wurden, und die Zeiten der ersten Selbständigkeit mitsamt Politik, Kunst, Frauen und einem Puff-Besuch.

Die Erzählungen, deren Zusammenhang weder behauptet noch verneint wird, gleichen Stippvisiten in einem (möglichen) Lebenslauf, verlassen aber immer wieder den Boden des Realismus' und wechseln ins Dezent-Phantastische, Wunderliche, Absurde und Traumartige.

Manche Episoden wirken wie Vorläufer jener bildungsromanhaften Auto-Fahrt im Lada Niva, die Herrndorf in seinem berühmtesten Roman "Tschik" ausführlich erzählt hat. Auch der Stil ist Herrndorf-Lesern vertraut: An der Oberfläche einfach-unambitioniert, fern aller Geschwollenheit, witzig, gern auch rotzig und derb, ohne Angst vor hanebüchenen Hyperbeln, dann wieder cool-lakonisch ("Insofern klares Ja zur Silikonbrust"). Dass dieser Autor einen Vladimir Nabokov schätzt, den Großmeister gesuchtester rhetorischer Preziosen, ist selten zu erkennen.

"Aus der Welt der Perversionen"

Nach der Hälfte des Buches löst sich der imaginäre Lebens-Zusammenhang der Erzählungen weitgehend auf. "Aus der Welt der Perversionen" heißt ein Text, in dem Herrndorf seine Erfolge im Rahmen der "Flirtforschung" und insbesondere ein Experiment erläutert: Den Probanden wird das Video von einer attraktiven Frau gezeigt, die in einer schummerigen Bar allein an der Theke sitzt und lächelt. Wichtiges, nicht vollkommen unerwartetes Zwischenergebnis: Es meinen "immer genau 87 Prozent der Männer, die Frau wolle dringend von ihnen durchgebumst werden, während die restlichen 13 Prozent der Meinung sind, ein kräftiges Petting sei möglicherweise ausreichend."

Bald geht es um Glanz und Elend der "Weltliteratur", um den "Schrott" von Heinrich Mann, Jean Paul Sartre und Heinrich Böll; um die Lächerlichkeit literarischer Manifeste in der Gegenwart ("Da kann Juli Zeh noch so herzzerreißend schlecht geschriebene Aufrufe verfassen"), um sonstige Anmaßungen des Literatur-Betriebs und sogar die Literaturwissenschaft.

Herrndorf verstößt mit erkennbarer Lust gegen sein eigene Maxime – "Falls ich jemals etwas anderes als reine Fiktion schreiben sollte, erschießen Sie mich bitte" –  und poltert: "Es gibt keine Literaturtheorie. Es gibt keine guten Gattungen, es gibt keine großen Würfe, es gibt keine Zeitforderungen, es gibt nur die Kunst und den Mist."

Geschmackssache

Zu Letzterem werden anspruchsvolle Freunde der Poesie vermutlich die Gedichte am Ende des Bandes zählen, die in puncto Reim und Themen-Wahl mehrheitlich konventionell und bieder sind. Gustav Seibt hat in der Süddeutschen Zeitung hübsch formuliert: "Wenn hier Robert Gernhard winkt, dann winkt er sehr von ferne."

Das Dramolett "Akalkulie" (die Unfähigkeit, mit Zahlen umzugehen) fällt dagegen in die Kategorie "Geschmackssache". In einem Setting, das an Quiz- und Spielshows im Fernsehen erinnert, soll ein Kandidat zwischen drei Türen wählen. Hinter zwei Türen warten Ziegen, hinter der dritten Tür "der Sensenmann". Darüber entfaltet sich ein absurd-schräger Dialog, in dem Tiefsinn und Schwachsinn heftig miteinander kopulieren; man kann das lustig und abgründig finden.

Gute Mischung

"Es ist eine heterogene, eine gute Mischung geworden" – meinen die Herausgeber Marcus Gärtner und Cornelius Reiber im Blick auf das Ganze. Da Reiber gemeinsam mit Herrndorfs Witwe Carola Wimmer die Auswahl getroffen hat, kommt das einem halben Selbstlob gleich. Aber das ist okay. Der Wille des Verstorbenen ist geschehen, sein Werk hat sich gerundet; seine Fans erhalten viele gute und einige weniger gute Texte mehr von ihm; und wenn Außenstehende auf den speziellen Herrndorf-Geschmack kommen sollten, hat sich die Sache erst recht gelohnt.

Arno Orzessek, kulturradio

Weitere Rezensionen

Hansen Mittagsstunde
Penguin

Roman - Dörte Hansen: "Mittagsstunde"

Rückkehr ins nordfriesische Dorf: Mit einem gleichzeitig lakonischen wie poetischen Buch über das Verschwinden taucht Dörte Hansen wieder auf den Bestsellerlisten auf

Bewertung:
Wolf Haas: Junger Mann © Hoffmann und Campe Verlag
Hoffmann und Campe Verlag

Roman - Wolf Haas: "Junger Mann"

Dass ein junger Mann einem anderen Typen die hübsche Braut ausspannen will, so etwas kommt bekanntlich seit Menschengedenken vor. Doch in diesem Fall sind die Chancen objektiv höchst bescheiden.

Bewertung: