Richard Powers: "Die Wurzeln des Lebens", S. Fischer Verlag, © 2018
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Roman - Richard Powers: "Die Wurzeln des Lebens"

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Der US-amerikanische Autor Richard Powers jongliert mit seinen Büchern auf der Schnittstelle zwischen Literatur und Wissenschaft. Sein neuer Roman hat über 600 Seiten und heißt "Die Wurzeln des Lebens".

Der US-amerikanische Autor Richard Powers jongliert mit seinen Büchern auf der Schnittstelle zwischen Literatur und Wissenschaft. Ob "Das Echo der Erinnerung", "Der Klang der Zeit" oder "Das größere Glück": In seinen Romane verbindet er menschliches Handeln mit naturwissenschaftlichen und philosophische Themen, Gehirn- und Gen-Forschung, Erkenntnis- und Musik-Theorie. In "Das Buch Ich #9" beschreibt er den Prozess, als ihm als neunter Mensch überhaupt das Genom vollständig entschlüsselt wurde. Sein neuer Roman hat über 600 Seiten und heißt "Die Wurzeln des Lebens".

Obsession für Bäume

In dem monumentalen Werk, das so stämmig und verzweigt ist wie ein riesiger alter Baum mit unzähligen Ästen, will uns Powers klarmachen, dass der Mensch, der sich für den Gipfel der Schöpfung hält, gerade dabei ist, die Erde zu zerstören und die Grundlagen seiner eignen Existenz aufs Spiel zu setzen; dass der Mensch universalgeschichtlich ein kleines Baby auf einem Planeten ist, der viele Millionen Jahre sehr gut ohne den Menschen auskam, dass wir es aber innerhalb kürzester Zeit geschafft haben, mit Fortschrittswahn und Profitgier, Überbevölkerung und monokultureller Landwirtschaft die Natur auszuplündern und ihrer lebensspendenden Kraft zu berauben: Powers zeigt, dass wir nur überleben können, wenn wir verstehen, wie die Natur funktioniert, wie Tiere und Pflanzen miteinander kommunizieren, sich gegenseitig beschützen und ernähren, dass wir alle, Mensch und Natur, miteinander verknüpft und verwurzelt sind wie ein riesiger Wald, der uns nicht braucht, den wir aber ebenfalls brauchen, um atmen und leben zu können.

Was zunächst eher nach einem ökologischen Pamphlet und einer politischen Brandrede klingt, wird zum Roman, wenn Powers seine naturgeschichtlichen und ökologischen Exkurse einbettet in Geschichten einiger Personen, die er über mehrere Jahrzehnte beobachtet, deren Leben immer etwas zu tun hat mit ihrer Obsession für Bäume und ihrer schicksalhaften Verbindung mit Wäldern.

Der Öko-Selbstmord

Da gibt es Nick, den Nachfahren einer einst aus Norwegen in die USA eingewanderten Familie, die sich im Mittleren Westen niederließ und einen Kastanienbaum pflanzte, der riesig und alt und zum Wahrzeichen der ganzen Gegend wurde: Nick ist fasziniert davon, dass der Baum seit Generationen jeden Monat einmal fotografiert wird und so ein einzigartiges Archiv entstanden ist, ein ökologisches Kunstwerk, das ihn dazu animiert, selber Künstler zu werden.

Oder Mimi, die Tochter eines chinesischen Einwanderers, der aus seiner Heimat den Samen eines Maulbeerbaumes mitbrachte und einpflanzte und so seine fernöstliche mit der westlichen Natur verbunden hat. Der Erzähler schaut auf Olivia, eine Studentin, die sich nur für Sex & Drugs & Rock'n'Roll interessiert, aber nach einer Nahtod-Erfahrung ihr zielloses Leben hinwirft und zur engagierten Naturschützerin wird.

Oder Douglas, ein US-Soldat, dessen Flugzeug abgeschossen wird und der nur überlebt, weil er mit seinem Fallschirm sanft in einem Feigenbaum landet. Es gibt einen digitalen Nerd, der Computer-Spiele zur Rettung der Wälder entwickelt; ein Ehepaar, das ganze Bibliotheken verschlingt und wenn schon nicht die Welt, dann doch wenigstens die Bäume vor der Haustür retten will. Schließlich die Botanikerin Patricia, die gemobbt wird, weil sie die Sprache der Bäume erforscht: sie wird zwar Jahre später rehabilitiert und zum Star der Öko-Szene, doch weil sie weiß, dass die Bäume nur zu retten sind, wenn der Mensch verschwindet, geht sie mit fürchterlichem Beispiel voran und schluckt auf offener Bühne, während eines Vortrags, einen tödlichen Natur-Coctail.

Kampf gegen Politik und Kapital

Powers bringt einige seiner Romanfiguren zueinander, wie von magischer Hand gezogen machen sie sich auf und treffen sich in Kalifornien, um gegen das Abholzen uralter Mammutbäume zu demonstrieren: sie besetzen den Wald, leben monatelang in Baumhütten, widerstehen den anrückenden Baggern und Kettensägen, trotzen der Staatsgewalt und versuchen der Welt klarzumachen, wohin es führt, wenn wir die Natur den Interessen der Konzerne ausliefern.

In diesem Mittel-Teil des Romans wird jeder, der verstehen will, was sich da gerade bei uns im Hambacher Forst abspielt, was die Baumschützer antreibt, wie man den Widerstand gegen das widersinnige und lebenszerstörerische Abholzen der Wälder organisiert, reichlich Anschauungsmaterial zur Nachahmung finden.

Aber während im Hambacher Forst derzeit die Kettensägen ruhen, haben die Baumschützer im Roman keinen ähnlichen Erfolg im Kampf gegen Politik und Kapital: Die Mammutbäume werden gerodet und unsere wackeren Baumschützer vertrieben. Weil sie nicht klein beigeben wollen, werden sie zu Öko-Terroristen, verüben Anschläge auf Firmen, die mit dem Abholzen der Wälder Profite machen.

Niemand kann mehr wegsehen

Als es dabei zu einem Todesfall kommt, löst sich die Gruppe auf und taucht in die Anonymität ab: Aber weil unter ihren Kampf-Parolen andere Öko-Terroristen weitermachen, hört die Polizei nie auf, nach ihnen zu suchen. Die Jahre vergehen, und der Erzähler schaut immer mal wieder, was aus den ehemaligen Waldschützern geworden ist, wie sie sich in der bürgerlichen Welt eingerichtet und ihre Vergangenheit verdrängt haben.

Die Daten-Sammelwut und die Total-Überwachung der Digitalmoderne fordert schließlich ihre Opfer und beschert dem Roman, der zwischendurch ein bisschen in sanften Öko-Kitsch und billige Kapitalismus-Klischees zu versanden drohte, ein spannendes und bedrückendes Finale. Es ist ein großer, wichtiger, bedeutender Roman, der niemanden unberührt lassen und nach dessen Lektüre niemand sagen kann, er habe nicht gewusst, dass wir gerade sehenden Auges die Wurzeln des Lebens kappen, den Planeten zerstören und uns selbst abschaffen.

Frank Dietschreit, kulturradio

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