Christian Maintz (Hg.): Vom Knödel wollen wir singen; Montage: rbb
Antje Kunstmann
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Gedichte - Christian Maintz (Hg.): "Vom Knödel wollen wir singen"

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Wenn beim Discounter des Vertrauens "Festtagsknödel" im Kühlregal liegen, weiß man: Jetzt naht die kulinarische Jahreszeit, in der alles eine Wendung ins Feiertägliche nimmt. Und damit kommt dann vielleicht auch die Stunde dieser sehr geschenktauglichen Gedichtanthologie.

Tatsächlich passt der Knödel nicht nur zur Weihnachtsgans oder – ganz nach Gusto –dem veganen Tofu-Bratenstück. Nicht nur zu vielem, was mundet, ist er eine gute Beilage, sondern auch zu allem, was sich schön rundet – wie zum Beispiel das zu Ende gehende Jahr oder die Christbaumkugel an der Stubentanne.

Der Reim von "Mund" auf "rund" stammt nicht vom Rezensenten, er stammt von F. W. Bernstein, und zwar aus dessen Gedicht "Vom schönen Knödeltum", das der Anthologie den Titel gibt. "Vom Knödel wollen wir singen", heißt es dort also, und weiter:

"und knödeln mit vollem Mund,
bevor wir ihn – schluck! – verschlingen.
Er ist doch schön und rund."

Vom Knödel können wir lernen

Dieser Gedanke vom Gerundeten als dem Gelungenen wird einige Verse später näher erörtert:

"Vom Knödel können wir lernen:
Rund wie die Kugel, und sie
gleicht dem Fußball, den Sternen.
Vollkommenheit, aber schon wie!"

Ein klassischer Bernstein, vollkommen und rund wie ein Fußball? Aber schon wie!

Bernstein schlägt einen hohen Dichterton an, den er mit einem profanen, alltagsnahen Gegenstand, dem Knödel, kontrastiert. Es heißt nicht: "Vom Schicksal wollen wir singen", sondern "Vom Knödel wollen wir singen". Es heißt auch nicht: "Vom Leben können wir lernen", sondern "Vom Knödel können wir lernen". Man merkt den Widerspruch und schmunzelt.

Gleichzeitig merkt man, dass Bernstein die Schönheit des Alltäglichen tatsächlich ein Anliegen ist. Er will sich gar nicht so sehr über das Pathos hoher Dichtung lustig machen, viel lieber entdeckt er Schönheit und Größe in etwas ganz Alltäglichem, Unpathetischem. So ist dieses komische Gedicht in seiner Art auch ein sehr idealistisches Gedicht.

Zugleich ist es ein Paradebeispiel für das komische Muster, dem viele Gedichte in dieser Sammlung deutschsprachiger kulinarischer Lyrik folgen: hoher Ton, profaner Gegenstand – von "Fallhöhe" spricht der Fachmann, und von dem Lachen, zu dem der Gegensatz reizt.

Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut

Dass Komik in dieser Anthologie eine so große Rolle spielt, hat einen Grund. Christian Maintz, der Herausgeber, benennt ihn in seinem kurzen, aber kundigen Nachwort: "Kulinarische Dichtung zeigt quasi eine natürliche Affinität zum Komischen". Denn die bescheidene Bratkartoffel oder der schlichte Rosenkohl wären einem Goethe oder Hölderlin zu profan erschienen, um ihnen ein Gedicht zu widmen. Erst Heinrich Heine und Wilhelm Busch seien es gewesen, sagt er, die das Prinzip der Fallhöhe in die deutschsprachige Lyrik eingebracht hätten.

Insbesondere von Heine gibt es dafür ein ganz wunderbare Kostprobe – "Kostprobe" kann man in diesem Zusammenhang ja wirklich sagen – aus "Deutschland ein Wintermärchen". Hier geht das Kulinarische mit dem Politischen und Polemischen eine ganz wunderbar spöttische Verbindung ein, wie sie vor Heine tatsächlich kaum vorstellbar gewesen wäre.

Heine, der Emigrant, reist aus dem französischen Exil nach Deutschland. Als er die vertrauten Gerichte sieht und riecht, verspürt er innige Heimatgefühle:

"Der Tisch war gedeckt. Hier fand ich ganz
Die altgermanische Küche.
Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut,
Holdselig sind deine Gerüche!"

Holdseliges Sauerkraut – darauf wäre Hölderlin in der Tat nie gekommen.

Geistesgegenwärtig, spöttisch, messerscharf

Wenig später ironisiert Heine den hohen Begriff des Vaterlandes, indem er ihn ganz unfeierlich mit dem Bodenständigen kontrastiert:

"Jedwedem fühlenden Herzen bleibt
Das Vaterland ewig teuer –
Ich liebe auch recht braun
Die Bücklinge und Eier."

Als Pointe schließlich ein scharfer kulinarischer Seitenhieb auf die deutschen politischen Verhältnisse:

"Auch einen Schweinskopf trug man auf
In einer zinnernen Schüssel;
Noch immer schmückt man den Schweinen bei uns
Mit Lorbeerblättern den Rüssel."

Hier haben wir ihn also: Heine, den ambivalenten Patrioten, der an seinem schwierigen Vaterland leidet und seinen Jammer mit scharfer Ironie bewältigt. Die Stilmittel sind denen im Knödelgedicht ganz ähnlich, aber die Ausrichtung ist eine völlig andere: Wo das eine Gedicht liebevoll und ein bisschen versponnen wirkt, ist das andere, hundertfünfzig Jahre jüngere, geistesgegenwärtig, spöttisch, messerscharf. Das ist der Bogen, den Christian Maintz in seiner Anthologie schlägt: vom Ironiker Heine zu den Komikprofis der Gegenwart.

Maintz weiß, was er tut. Er ist nicht nur als komischer Lyriker bestens etabliert, sondern hat als Literaturwissenschaftler auch zur Komiktheorie gearbeitet. Trotzdem: Richtig spannend ist seine Anthologie erst dadurch, dass in manchen Gedichten das Humoristische eher am Rande eine Rolle spielt.

Neben versierten Komikprofis wie Wiglaf Droste, Fritz Eckenga und Thomas Gsella figurieren Gedichte von Lyrikerinnen und Lyrikern, die im Komischen bloß gastieren – Jan Wagner, Dirk von Petersdorff, Nora Bossong und Sabine Scho zum Beispiel – und mit denen interessante Zwischentöne ins Spiel kommen.

Nach dem Festmahl ist vor dem Festmahl

"Vom Knödel wollen wir singen" öffnet ein Panorama von rund zweihundert Jahren. Gedichte des Barock, aber auch der Klassik findet man zwar nicht. Doch vom Vormärz – eben Heine – bis zur Gegenwart sind die meisten Epochen vertreten: Naturalismus mit Frank Wedekind, Neue Sachlichkeit mit Mascha Kaléko und Erich Kästner, Expressionismus mit Ferdinand Hardekopf, Dadaismus mit Kurt Schwitters. Und natürlich viele eigensinnige Köpfe, die in gar keine Schublade passen. Insgesamt steht das zwanzigste Jahrhundert im Vordergrund, was für den zeitgenössischen Leser den Zugang erleichtern dürfte.

Insgesamt siebzig Dichterinnen und Dichter hat Christian Maintz versammelt und präsentiert sie in lebenspraktischen Kapiteln wie etwa "Kräuter und Gemüse" oder "Alkoholika und andere Getränke".

Neben die Vielfalt der Stimmen und Stile tritt eine Fülle an thematischen Variationen: Für Hermann Broch zum Beispiel ist es ein Liebesbeweis, wenn man den anderen gern essen sieht, für Carl Zuckmayer befindet sich der Essende in einem Zustand der Unschuld, Max Hermann-Neisse hingegen bedichtet sprachgewaltig die Verderbtheit der Völlerei.

Pointiert sind die Gedichte zumeist und leserfreundlich im besten Sinn. Auch eignen sie sich ganz hervorragend zum Vorlesen. Wenn das keine schöne Idee ist: dass man einander an den Adventstagen im Freundes- oder Familienkreis kulinarische Gedichte vorträgt. Nach dem Festmahl ist vor dem Festmahl.

Diese geschmackssichere Anthologie kulinarischer Gedichte hat definitiv das Zeug zu einem Hausbuch.

Steffen Jacobs, kulturradio

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