Desiderius Erasmus von Rotterdam: Der sprichwörtliche Weltbürger © Verlag Das Kulturelle Gedächtnis
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Sammlung antiker Sprichwörter - Desiderius Erasmus von Rotterdam: "Der sprichwörtliche Weltbürger"

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Im Sommer 2018 wurde die Desiderius-Erasmus-Stiftung zur parteinahen Stiftung der AfD. Das ist empörend, da Erasmus von Rotterdams Leben von  Menschlichkeit, Pazifismus und Weltbürgerlichkeit geprägt ist. Der Verlag Das Kulturelle Gedächtnis hat nun eine kleine Auswahl aus seinem Hauptwerk, den Adagia, herausgegeben.

Tja, liebe Bildungsbürger! Ist das nun eine bodenlose Dreistigkeit oder geht das irgendwie in Ordnung?... Dass nämlich die AfD im Sommer 2018 den Desiderius-Erasmus-Verein als parteinahe Stiftung anerkannt hat und dadurch eine gewisse geistig-weltanschauliche Verbindung mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam beansprucht. Es wäre ohne weiteres möglich, in dieser Frage Erasmus selbst zu Wort kommen zu lassen. Nicht zur AfD im Besonderen natürlich, aber sehr wohl zu allgemeinen Themen-Komplexen wie Krieg und Frieden, Wahrheit und Lüge, Religion und Toleranz, Nationalität und Weltbürgertum; woraus sich dann manche Rückschlüsse ziehen ließen. Erasmus hat etwa 150 Bücher geschrieben, es würde an Stoff für eine gründliche Abhandlung nicht fehlen. 

41 Sprichwörter

Der Verlag Das Kulturelle Gedächtnis indessen wählt in dem Büchlein "Eine Auswahl aus den Adagia des Desiderius Erasmus von Rotterdam mit dem Titel Der Sprichwörtliche Weltbürger" einen etwas sonderbaren Weg, zugleich das AfD-Manöver zu hinterfragen und mal wieder ein bisschen Erasmus im O-Ton unter die Leute zu bringen. In ihrem Vorwort erklären die Herausgeber Wolfgang Hörner und Tobias Roth in aller Kürze, warum die parteiische Okkupation des illustren Namens inhaltlich problematisch ist. Der Hauptteil des Büchleins besteht aus einer kleinen Auswahl jener 4251 antiken Sprichwörter, die Erasmus in den Adagia (Plural von lat. adagium, 'Sprichwort') im Jahr 1533 mitsamt Quellen-Hinweisen sowie kürzeren und längeren Kommentaren veröffentlicht hat. Die 41 präsentierten Sprichwörter samt den Erasmus'schen Erläuterungen aber haben rein gar nichts oder nur höchst indirekt mit Themen zu tun, die der willige Leser auf die Rechtmäßigkeit des Stiftungs-Namens beziehen könnte.

Ungebunden, friedfertig

Erasmus hielt sich im Laufe seines Lebens in den Niederlanden, England, Frankreich, Schweiz, Belgien und für eine Weile auch in Italien auf. Deutschland bereiste er einige Male mit mäßigem Enthusiasmus. Man weiß nicht, ob der polyglotte Gelehrte, der in der Latein publizierte, überhaupt Deutsch gesprochen hat. Was, nüchtern betrachtet, noch nicht gegen die AfD-Vereinnahmung seines Namens spricht. Anderes wiegt schwerer. Hörner und Roth stellen Erasmus in aller Kürze als ungebundenen, friedfertigen, stets auf Ausgleich bedachten Weltbürger vor. Immerhin hat Erasmus die Erteilung der Bürgerrechte durch mehrere Städte abgelehnt, er bestand auf Eigenständigkeit und Souveränität. "Ich liebe die Freiheit. Ich will und kann keiner Partei dienen", lautet eines seiner berühmten Bekenntnisse; ein anderes: "Ich hasse nichts so, wie geschworene Parteigänger."  Im Übrigen war er der Ansicht, Macht ohne Güte sei "reine Gewaltherrschaft". Und es ist nicht falsch, an die heutige Flüchtlings-Situation und die AfD-Haltung dazu zu denken, wenn Erasmus darauf besteht, dass ein christlicher Herrscher sich "davor hüten müsse, dass ein Fremder gekränkt wird, weil die Gäste ohne Hilfe der Freunde und Verwandten dem Unrecht mehr ausgesetzt sind."

Nicht polemisierend

Listigerweise polemisieren Hörner und Roth nicht etwa lautstark gegen den Coup der AfD, sondern betonen mit taktischer Treuherzigkeit, es erfülle "mit Hoffnung und Freude", dass sich die Stiftung zu Erasmus bekenne – "können wir sie doch künftig an diesem Anspruch messen." Zur Diskussion dessen, was an Erasmus aus heutiger Sicht kritikwürdig erscheint – zumal seine Judenfeindlichkeit, – ist auf den wenigen Seiten der Einleitung kein Platz. Genauso wenig wie für eine Darstellung der doppelbödigen Strategie des Erasmus, einerseits die katholische Kirche heftig zu attackieren, sich andererseits aber von den Reformatoren und namentlich Luther zu distanzieren. Man muss Erasmus keineswegs ein ganz so glänzendes Zeugnis ausstellen, wie es Hörner und Roth suggerieren.

Homo homini lupus

Die Lektüre der ausgewählten Adagia führt dann weit weg von den politischen Krawallzonen der Gegenwart. Dabei ist es durchaus reizvoll, sich vom belesenen Erasmus allerlei Sprichwörter erklären zu lassen, sowohl solche, die überdauert haben, als auch längst ungebräuchliche. Wer etwa noch weiß, was Archilochia edicta (zu übersetzen mit 'archilochisch') bedeutet, der hebe die Hand! Gemeint sind laut Erasmus "böswillige und gehässige Kundmachungen", denn der antike Dichter Archilochus war für seine Bissigkeit bekannt. Angenehm ist es wiederum, daran erinnert zu werden, dass die Antike neben dem defätistischen Sprichwort homo homini lupus ('Der Mensch dem Menschen ein Wolf') auch das gegenteilige im Munde führte: homo homini deus ('Der Mensch dem Menschen ein Gott'). Dazu der Exeget Erasmus: "Man bringt es für gewöhnlich an, wenn jemand plötzlich und unerwartet zu unserer Hilfe eilt oder uns irgendeine großen Wohltat erweist."

"Einmal ist keinmal"

Zu Unus vir nullus vir ("Einer ist keiner") kommentiert Erasmus: "Das heißt, dass ein einzelner Mensch ohne die Hilfe anderer nichts Bedeutendes zustande bringen kann." Heute kennt man den Spruch 'Einmal ist keinmal', der in der Alltagssprache zur flapsigen Legitimation kleinerer oder größerer Sünden aufgerufen wird. (Vgl. den Witz... "Einmal ist keinmal" sagte das Fräulein. Doch der Gynäkologe: "Es sind Zwillinge."). Ob 'Einmal ist keinmal' indessen als populäre neuzeitliche Ableitung von 'Einer ist keiner' anzusehen ist, sei dahingestellt. In der langen Erläuterung zu Festina lente ("Eile mit Weile") schreibt Erasmus schließlich über alles Mögliche, nicht zuletzt über Politik, Geld und Bücher, über das richtige Tempo im Leben und über Temperament. Und das stets im Horizont des frühen 16. Jahrhunderts, im ständigen Rückblick auf die Antike. An die AfD und ihre Desiderius-Erasmus-Stiftung denkt man da längst nicht mehr. Was ja auch sein Gutes hat.

Arno Orzessek, kulturradio  

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