Ernest Hemingway: In einem anderen Land; Montage: rbb
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Zum Wiederlesen empfohlen - Ernest Hemingway: "In einem anderen Land"

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Einer, der das Grauen des 1. Weltkrieges als junger Mann mitgemacht und überlebt hat, war der spätere Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway. Seine persönlichen Kriegserfahrungen hat er literarisch verarbeitet und in seinen 1929 veröffentlichten Roman "In einem anderen Land" einfließen lassen. Jetzt ist eine deutsche Neuübersetzung erschienen.

Eine ganze Menge Autobiografisches hat Hemingway eingeschmuggelt, zugleich aber den Romans mit fiktiven Elementen zu einem der ganz großen Anti-Kriegsromane der Weltliteratur gemacht. Hemingway war gerade einmal 18, als er sich freiwillig meldete. Er kam als einfacher Sanitäter an die italienisch-österreichische Front und in die fürchterlichen Schlachten am Isonzo verwickelt wurde, bei denen hunderttausende Soldaten verheizt wurden.

Er wurde bei einem Rettungseinsatz verletzt und verliebte sich im Hospital in eine amerikanische Krankenschwester. Die Liebe verlief unglücklich und hoffnungslos. Im Roman lebt sein Alter Ego Frederic Henry schon länger als Student in Rom und spricht perfekt Italienisch. Als der Krieg ausbricht, will er nicht zurückstehen und führt als amerikanischer Offizier eine ganze italienische Sanitätseinheit.

Doch schon bald kann er die Sinnlosigkeit des Krieges nicht mehr ertragen, flieht in den Alkohol und wird zum Stammbesucher in den Frontbordellen. Kaum hat er sich einmal ernsthaft verliebt, in die ebenfalls in Gorizia stationierte schottische Krankenschwester Catherine Barkley, wird er verwundet und nach Mailand ins Hospital verlegt. Catherine folgt Frederic nach Mailand, sie pflegt ihn, schlüpft nachts, wenn alle anderen Verwundeten schlafen, in sein Krankenbett - und wird schwanger.

Nachdem der gesundete Frederic bei blutigen Kriegseinsätzen und verlustreichen Rückzugsgefechten sich unerlaubt von der Truppe entfernt und schließlich sogar als Deserteur gesucht wird, fliehen die beiden Verliebten mit dem Ruderboot über den Lago Maggiore in die Schweiz. Doch die große Freiheit und die große Liebe währt nur kurz: Das Baby kommt tot zur Welt und Catherine verblutet elendiglich. Zurück bleibt ein verzweifelter, mit der Welt und dem Krieg hadernder Frederic, der nicht weiß, ob und wie er weiterleben soll.

Hemingway lässt kein Detail aus

Hemingway beschreibt das Grauen und das Schlachten, die Sinnlosigkeit und den Wahnsinn des Krieges viel ausführlicher als man – mit Blick auf die meisten seiner anderen Werke – erwarten würde. Bei Hemingway denkt man ja immer gleich an seine "Eisberg"-Theorie. Danach werden die literarischen Figuren mit ihren Gedanken und Handlungen nur angedeutet und die Ausdeutung ihrer Motive und Taten wird der Fantasie des Lesers überlassen: Wie bei einem Eisberg, von dem wir nur die Spitze sehen und der größte Teil unter Wasser bleibt und unsere Ängste und Hoffnungen nährt.

Aber hier ist es ganz anders: Zwischen den Fronteinsätzen diskutieren Frederic und seine Kameraden im Casino ebenso wortreich wie desillusioniert über den Verlauf des Krieges, über einzelne Rettungseinsätze, über die Blutorgien in den Krankenstationen und das gnadenlose Sterben der Soldaten. Als Frederic von einer Granate schwer verletzt und neben ihm sein Kamerad regelrecht in Stücke gerissen wird, lässt Hemingway kein blutiges Detail aus.

Wenn der wieder genesene Frederic zurück in den Krieg muss und miterlebt, wie der Rückzug der italienischen Truppen nach einer verlorenen Schlacht in Regen, Schlamm und Blut versinkt, wie Feldjäger orientierungslos umherirrende Offiziere und Soldaten als vermeintliche Deserteure festnehmen und an Ort und Stelle exekutieren, auch den von seiner Einheit getrennten Frederic für einen deutschen Spion halten und erschießen wollen, dann braucht man als Leser nicht mehr allzu viel eigene Fantasie, um sich zu vergegenwärtigen, dass der Mensch im Krieg alle zivilisatorischen Errungenschaften, alle moralischen und ethischen Werte über Bord wirft.

Zwischen Wahnsinn und Glück

Im Gegensatz zu den Kriegsgräueln, die Henry alias Hemingway in allen realistischen Details schildert, zeigt er sich bei der zarten Liebesgeschichte als dezenter und filigraner Erzähler, der keinen Voyeurismus will und kein pornografisches Interesse zulässt. Der die Schönheit des Erotischen im Verstummen sucht und die sexuellen Ausschweifungen der beiden kriegsmüden Glückssuchenden nur andeutet. Hier das grelle, laute, blutige Schlachten und Sterben, dort das leise, zärtliche, wortlose Glück der Liebenden: Größer könnte der Kontrast nicht sein.

Und gerade weil der Erzähler immer dann das Zimmer verlässt und sich dezent entfernt, wenn Frederic und Catherine ihr lächelndes Wortgeplänkel und ihre kleinen Witzeleien beenden, sich wie zwei Ertrinkende aneinander festhalten und sich im Liebesspiel gegen die Zumutungen des Krieges wappnen, könnte der Widerspruch zwischen dem Wahnsinn der Welt und dem Sinn stiftenden Glück der Liebe nicht größer sein.

Und dann trifft uns das fürchterliche Fazit des Erzählers umso mehr, der schreibt: "Wenn Menschen dieser Welt mit so viel Mut begegnen, muss die Welt sie töten, um sie zu brechen, und natürlich tut sie das und tötet sie. Sie tötet unterschiedslos die Besten und die Edelsten und die Mutigsten."

Es muss nicht die neue Übersetzung sein

Die deutsche Übersetzung des Romans hatte schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Annemarie Horschitz-Horst, die den Roman vor fast 90 Jahren ins Deutsche übersetzt hat, war eine moderne Sprachphilosophin, literarisch geschult an der Neuen Sachlichkeit, an Bert Brecht und Lion Feuchtwanger, Irmgard Keun und Anna Seghers.

Die Kritiker, die gelegentlich an ihren Übersetzungen herummäkelten, konnte ich nie ganz verstehen. Werner Schmitz, der jetzt die neue Übersetzung besorgt hat, ist zweifellos ein Kenner der Materie, hat sich mit den großen amerikanischen Erzählern beschäftigt, kennt Philip Roth und Paul Auster in- und auswendig, findet auch für Hemingway den passenden lakonischen Stil, ohne blumige Bilder und ohne jedes überflüssige Wort.

Ich habe stichprobenartig einige Roman-Passagen der alten und neuen Übersetzung miteinander verglichen und: Ja, die neue ist noch etwas schlanker und etwas alltagssprachlicher, aber wirklich neu in dem Sinne, dass sie dem alten Text neue Bedeutungen aufschließen würde, ist sie nicht. Den Roman in Zeiten des permanenten, allgegenwärtigen Krieges wieder zu entdecken und wieder zu lesen, kann ich nur dringend empfehlen. Aber es muss nicht unbedingt die neue Übersetzung sein.

Schade ist, dass man sich noch immer nicht traut, den alten Titel, der den Leser auf eine falsche romantische Fährte führt, durch den richtigen Titel zu ersetzen: Im Original heißt der Roman "A Farewell to Arms", also ungefähr: "Abschied von den Waffen". Das sagt viel klarer, worum es Hemingway geht: um ein Nein zum Krieg und ein Ja zum Leben.

Frank Dietschreit, kulturradio

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