Gerhard Henschel: Erfolgsroman © Hoffmann & Campe
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Belletristik - Gerhard Henschel: "Erfolgsroman"

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Gerhard Henschel hat vor vierzehn Jahren den "Kindheitsroman" vorlegt und damit sein Geburtsjahr 1962 beschrieben. Inzwischen ist er – nach "Jugend"-, "Liebes"-, "Abenteuer"-, "Bildungs"-, "Künstler"- und "Arbeiterroman" – beim "Erfolgsroman" angekommen.

Für Henschel ist nichts klein und unbedeutend genug, um nicht Zeugnis des alltäglichen Lebens seines Alter Ego Martin Schlosser, dieses exemplarischen bundesdeutschen Provinz- und Schriftstellerdaseins zu sein. Henschel listet alles auf, womit er – respektive Schlosser – sich Tag für Tag beschäftigt hat und gibt alles wieder, was er in die Finger bekommt: Briefe an und von Freunden, Freundinnen und Redaktionen, ganze Korrespondenzen mit dem Satireblatt "Kowalski", aber auch mit Kurt Scheel vom "Merkur" oder Michael Rutschky und der Zeitschrift "Alltag", die das programmatische Zentralorgan von derlei Alltagsforschung gewesen ist.

Nebenbei finden viele Filme und Lektüren Erwähnung, Besuche beim depressiven Vater in Meppen und Malefizturniere mit der erfreulich munteren Oma in Jever. Die Weltpolitik tönt aus dem Fernseher: Wiedervereinigung, Putsch in Moskau, Balkankrieg. Es war viel los in den frühen neunziger Jahren.

Beiläufig hingerotzte Erkenntnisse

Dazu gibt es fortgesetzte Liebesenttäuschungen, denn die Liebe ist niemals unkompliziert, schon gar nicht die zu der werdenden Schriftstellerin Kathrin Passig, damals grade zwanzig Jahre alt und wie der acht Jahre ältere Martin Schlosser noch nicht davon überzeugt, dass man vom Schreiben leben kann.

Die spielerischen Briefe der beiden sind eine Lust, wobei "Liebe" das falsche Wort ist für diese Generation, die damit so ihre Probleme hat. "In Mamas und Papas Jugendzeit hatten dem Beischlaf heilige Liebesschwüre und Eheversprechen vorausgehen müssen. Jetzt aber war nicht mehr der Sex, sondern die Liebe schambesetzt." Das ist eine der kleinen, beiläufig hingerotzten Erkenntnisse, die Henschels Lebensmitschrift auszeichnen.

Das Buch bleibt immer Krimi

Am Ende des "Erfolgsromans" zieht Martin Schlosser nach Berlin, wo er im Kreis um Michael und Katharina Rutschky verkehrt, Max Goldt, Wiglaf Droste und die damals noch beim Stadtmagazin Tipp arbeitende Carola Rönneburg kennenlernt und sich auf eine verzweifelte Wohnungssuche begibt. Man sollte schon wissen, wer diese Leute sind, um Vergnügen an der Lektüre zu haben.

Nabelschau ist in diesen Kreisen Programm, und so zurückhaltend Henschel mit Meinungsbekundungen sein mag, so wenig skrupulös ist er mit Geschmacksurteilen, die die Welt nicht weniger rigide in Gut und Böse einteilen. Er kämpft einen beherzten Kampf gegen die damals schon ziemlich weit verbreitete Political Correctness und pastorales Gutmenschentum in Gestalt von Robert Jungk, Horst-Eberhard Richter oder des Pastors Friedrich Schorlemmer.

Er findet Bärbel Bohley und Wolf Biermann, Lutz Rathenow und anderen Dissidentenkitsch der Nachwendezeit unerträglich, und darin kann man ihm ja nur zustimmen. Ob Ror Wolf nun wirklich der größte deutsche Dichter neben Walter Kempowski ist, dürfte weniger konsensfähig sein. Mit Bob Dylan als dem Allergrößten, von dem jedes Bootleg eingeatmet werden muss, und mit Julian Barnes' Bericht des Holzwurms von der Arche Noah kann man aber definitiv nichts falsch machen.

Überblättern erlaubt

Das Geschmäcklerische der durch nichts begründeten entschiedenen Urteile führt notgedrungen zu vielen Oberflächlichkeiten und einem postpubertären Bescheidwissertum, das Martin Schlosser im Lauf seines weiteren Lebens aber schon noch verlieren wird. Es ist ja immer leicht, jemanden mit ein paar halb- oder unverstandenen Zitaten abzumeiern.

Trotzdem, gerade deshalb und das vor allem: Dieses Buch macht Spaß. Weil es sprachsensibel und sprachkritisch ist. Weil man sich darüber ärgern und damit langweilen kann. Weil es witzig ist und unverschämt. Und weil man nichts verpasst, wenn man ein paar Seiten überblättert.

Jörg Magenau, kulturradio  

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