Martin Walser: Spätdienst; Montage: rbb
Rowohlt
Bild: Rowohlt Download (mp3, 5 MB)

Belletristik - Martin Walser: "Spätdienst"

Bewertung:

Nie hat er sich so ungeschützt an die Öffentlichkeit gewagt wie jetzt: "Lebensstenogramme" nennt Martin Walser die kurzen Notate, die er in seinem neuen Buch "Spätdienst" versammelt.

Es sind Auszüge aus den Tagebüchern quer durch die Jahrzehnte, teils in prägnanter, sentenzhafter Zuspitzung, meistens aber in einem lyrischen, poetischen Ton. Der melancholische Grundakkord aber ist von heute. Da geht es ums Alter, um Vergänglichkeit und die Gegenwart des Todes – kein Wunder bei einem 91-Jährigen, für den Schreiben zu einer Körper- und Lebensfunktion wie das Atmen geworden zu sein scheint.

Es ist die Sprache selbst, die Walser dem Tod entgegensetzt, indem er ihn beschwört und verwandelt. "Wie klingt die Zeit im Gewölbe der Nacht?", fragt er:

"Möchte etwas befreit sein?
Meine Ohren täuschen sich gern,
sie übersetzen den Wind ins Deutsche
und geben der Stille das Schlusswort."

Schluss mit dem Maskenspiel

Walser ist kein Lyriker und will es auch nicht sein. Aber er hat einen poetischen Ton gefunden, in dem noch jeder Aussagesatz zu klingen und zu schillern vermag. Sein erklärtes Ziel ist es, die Dinge im Schreiben schöner zu machen als sie wirklich sind. "Mehr als schön ist nichts", lautet das Credo seiner späten Tage, das auch für "Spätdienst" gilt. Diese Verschönerungsarbeit ist aber an keiner Stelle kitschig, weil sie die Dinge nuancenreicher macht und sie in ihrer Vergänglichkeit betrauert.

Daneben gibt es kleine Reimereien eher spielerischer Art und Spottverse auf Literaturkritiker – vom ewigen Marcel Reich-Ranicki bis zu Volker Weidermann, Iris Radisch oder Elmar Krekeler. Mit derlei Sottisen hat Walser sich abreagiert, wenn er sich durch eine Kritik verletzt fühlte. Das geschah oft, da er im Schreiben sehr viel von sich und seinen Stimmungen preisgibt. Das gilt bereits für seine Romane.

Doch nie hat er sich so ungeschützt an die Öffentlichkeit gewagt wie jetzt. Die drei "Meßmer"-Bände, die ähnliche Sammlungen von "Stenogrammen" waren wie "Spätdienst", hatten immerhin noch eine fiktive Figur als Sprecher, hinter dem sich der Autor verbergen konnte. Mit diesem Maskenspiel ist jetzt Schluss, und so schreibt Walser als Motto vor sein Buch: "Für Gegner: ein gefundenes Fressen. Für meine Leser: vielleicht ein Ausflug ins Vertraute".

So kostbar wie vergänglich

"Bekenntnis und Stimmung" – so der Untertitel – hängen unmittelbar zusammen. Alles was Walser von sich preisgibt, ist bekenntnishaft, seit er als katholischer Knabe im Beichtstuhl das öffentliche Sprechen einübte. Dabei hofft er selbst dann, wenn er polemisch wird, auf Zustimmung und darauf, dass es anderen genauso gehen könnte wie ihm – und pocht doch zugleich auf der eigenen Einzigartigkeit.

Auch diese Spannung müssen die Texte aushalten. Sie leben davon, dass in ihnen etwas wächst und entsteht. Es sind Sätze, die nicht wie Aphorismen als Lebensweisheiten verkündet werden, weil der Autor sich mit ihnen im Schreiben selbst überrascht. Das Wissen entspringt aus der Sprache und nicht aus dem Willen, der vorher schon festlegt, was gesagt werden soll. "Blühen, als wüssten wir nichts", heißt es also einmal.

Lebensstenogramme sind demnach Sätze, die nicht einfach nur Lebensmomente festhalten, sondern Lebendigkeit aus sich heraus entstehen lassen. Das macht diese Notate so kostbar wie vergänglich.

Jörg Magenau, kulturradio

Weitere Rezensionen

Else Lasker-Schüler: Die Gedichte; Montage: rbb
Reclam

Lyrik - Else Lasker-Schüler: "Die Gedichte"

Obwohl sie auch Prosa und Theaterstücke schrieb und zeichnete, ist Else Lasker-Schüler vor allem als große expressionistische Lyrikerin bekannt geworden. Anlässlich ihres 150. Geburtstages am 11. Februar bespricht Steffen Jacobs die im Reclam Verlag erschienene kommentierte Gesamtausgabe der Gedichte.

Bewertung: