Richard Sennett: Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens © Hanser Verlag
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Sachbuch - Richard Sennett: "Die offene Stadt"

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Schon in dreißig Jahren werden zwei Drittel der Menschen in Städten leben. Wie kann dies innerhalb einer offenen Stadt passieren? Diese Frage erörtert der Soziologe Richard Sennett in dem dritten Teil seiner Homo-Faber-Trilogie. Frank Dietschreit hat das Buch gelesen.

Eigentlich wollte der 1943 in Chicago geborene Richard Sennett Musiker werden. Doch dann verhinderte eine Handverletzung und eine misslungene Operation eine Karriere als Cellist und Komponist. Aus dem Musiker wurde ein Soziologe und Historiker, der in New York und London lehrt und mit seinen Büchern, die sich mit der Vereinzelung und Orientierungslosigkeit des "flexiblen Menschen“ und der "Kultur des neuen Kapitalismus" beschäftigen, große Erfolge hat.

Sein neues Buch trägt den Titel: "Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens". Heute Abend (um 19 Uhr) wird Richard Sennett das Buch im Haus der Kulturen der Welt vorstellen und diskutieren.

Glücklicher und zufriedener

Dem Autor geht es immer darum herauszufinden, wie wir leben und arbeiten, was unsere Gesellschaft zusammenhält, warum wir im Zeitalter der Ungleichheit dabei sind, unsere zivilisatorischen Grundlagen zu zerstören - und wie wir durch neue Formen des sozialen Miteinanders, der nachhaltigen Produktion von Waren und Dienstleistungen und der Konzeption einer widerstandsfähigen Architektur den Herausforderungen des Klimawandels gerecht werden können. Sennett beherrscht aufgrund seiner musischen Talente die Kunst, die komplexen theoretischen Probleme emotional fühlbar zu machen und auf fast literarische Weise zu beschreiben: Wenn er seine Vision einer "offenen Stadt" und eine neue "Ethik des Bauens und Bewohnens" entwirft, dann schlendert er - als wäre das einfachste der Welt - durch die Geschichte des Städtebaus, flaniert durch die Geschichte der Philosophie und zitiert die schönsten Passagen der Weltliteratur herbei.

Ob Immanuel Kant oder Karl Marx, ob Max Weber oder Karl Popper, ob Stendhal oder Robert Musil, ob Le Corbusier oder David Chipperfield: Er kennt sie alle, kann ihre Werke fast spielerisch in sein System des radikal offenen Denkens integrieren und benutzt sie, um einen durchaus optimistischen Blick in die Zukunft zu werfen: Denn trotz aller niederschmetternden Befunde über die Zerstörung der Kultur und den verheerenden Zustand unserer Gesellschaft bleibt Sennett ein notorischer Optimist und setzt darauf, dass der von Vernunft und Aufklärung geprägte Mensch in der Lage ist, seine Umwelt zu bewahren, seine Städte zu offenen Räumen zu erweitern und sein Leben und seine Arbeit so zu gestalten, dass er glücklicher und zufriedener ist.

Eine "Schöne Neue Welt"?

Wir brauchen die "offene Stadt", weil immer mehr Menschen verschiedener Hautfarbe und Religionen mit verschiedenen Erwartungen und Fähigkeiten in die Städte ziehen; nicht Ausgrenzung, Abschottung, Reglementierung werden uns weiterbringen, sondern gestaltete Vielfalt, geordnetes Chaos, permanente Veränderung, soziale Durchlässigkeit. Eine Urbanistik ist vonnöten, die das Wohnen und Erleben nicht einengt, sondern erweitert und ständig erneuert, eine Stadtplanung, die keine neuen Ghettos errichtet und durch reglementiertes Bauen soziale Ausgrenzung und Kriminalität erzeugt.

Wenn wir eine "offene Gesellschaft" sein wollen, die wehrhaft ist gegen Populismus und Diktatur, brauchen wir eine "offene Stadt" mit variablen architektonischen Typenformen und durchlässigen Membranen an den Rändern, wir brauchen ein ausgetüfteltes Verhältnis von Sanierung, Restaurierung und bewusstem Bruch und Neubau, denn nur wo man - einerseits - vorsichtig das gute Alte bewahrt und erneuert und - andererseits - radikal das schlechte Alte wegräumt und durch neues Bauen ersetzt, ist Kreativität und Zukunft möglich.

Ohne Tradition keine Heimat, ohne Widerstand keine Innovation. Abschreckendes Beispiel von vorgetäuschter Moderne und innovativer Diktatur sind für Sennett die überall entstehenden "Googleplexe", autarke Areale, moderne Ghettos, in denen Computer-Freaks sektenähnlich zusammen gepfercht sind, einer totalen Kontrolle unterliegen und sich ganz der Arbeit und der Selbstoptimierung hingeben: eine furchtbare "Schöne Neue Welt" - und ein Feind der transparenten, offenen Gesellschaft und ein Feind der pulsierenden, offenen Stadt.

Eine Entschleunigung

Eine neue "Ethik des Bauens und Bewohners" würde dazu beitragen, Städteplaner und Städtebewohner an einen Tisch zu bringen, um in einem offenen, demokratischen Diskussionsprozess das Verhältnis von Gebautem und Gelebtem immer wieder neu zu bestimmen, um die Vorschläge von Architekten, z. B. zur Sicherung von Manhattan vor Sturmfluten, mit den Bedürfnissen der Bewohner von New York zu synchronisieren. Wohin es führt, wenn Städteplaner die Bewohner nicht einbeziehen, demonstriert Sennett an mehreren Beispielen: Die Schaffung des Central Park in New York wurde von Politikern ohne Rücksprache mit den Bewohnern beschlossen und Frederick Law Olmsted übergeben, der eine verwilderte Sumpflandschaft in einen künstlichen Freizeit-Park umgestaltete und das Ideal sozialer Gleichheit anstrebte. Er wollte, dass sich hier Mitglieder aller Rassen und Klassen miteinander vergnügen.

Doch das passierte nie, stattdessen errichteten die Schönen und Reichen im Umfeld des Parks schicke teure Appartements und förderten eher die soziale Abschottung. In Paris entkernte ein erklärter Feind der Revolution die enge und sozial aufmüpfige Innenstadt, in der man ohne viel Aufwand Barrikaden bauen und sich gegen Polizeiwillkür verteidigen konnte: Baron Haussmann schlug breite Boulevards in die Stadt, um den Pöbel zu vertreiben und den Verkehr zu beschleunigen. Doch die Menschen eroberten sich die Straßen zurück und nutzen die Boulevards zum Flanieren und geselligen Miteinander.

In Barcelona baute Ildefons Cerdà schachbrettartige Häuserblocks, sozialer Wohnraum mit schattigen Innenhöfen, die an den Ecken zur Straße abgeschrägt sind, um den Warenverkehr und das Abbiegen der Fuhrwerke zu beschleunigen. Doch das Gegenteil stellte sich ein: die listigen Bewohner nutzen die durch das Abschrägen der Ecken frei werdenden Plätze vor dem Haus als kommunikative Orte, installieren kleine Cafés und entschleunigen so Leben und Verkehr.

Die Ethik einer offenen Stadt

Als Stadtkörper, in dem Bauen und Wohnen eine Einheit bilden und sich immer wieder den neuen Erfordernissen anpassen, hat Sennett die "offene Stadt" noch nicht gefunden, aber er flaniert durch einzelne Viertel in Dheli, Medellin, New York, wo er in dem Chaos des städtebaulichen Gewimmels erste, gute Ansätze erkennt. Und er spaziert, als er nach einem Schlaganfall eine Zeitlang in Berlin lebt und hier wieder langsam zu Kräften kommen will, immer wieder die Kantstraße entlang und findet hier eine kosmopolitische Ansammlung von Menschen und Häusern: restaurierte Prachtbauten wie das Theater des Westens, moderne Architektur wie die Berliner Börse, Treffpunkte für bürgerliche Bohemiens wie die "Paris Bar", Orte für Nachtschwärmer wie das "Schwarze Café", Lebensmittel-Läden, in denen die immer größer werdende Zahl von Singles auch Gemüse und Obst in kleinen Mengen kaufen kann, um den Savigny-Platz herum Wohnraum für Besserverdienende, nur ein paar Blocks weiter Wohnraum für Normalverdiener und Studenten, er findet das mehr oder weniger reibungslose Nebeneinender von Imbissstuben aus aller Herren Länder.

Weil nach dem Krieg in Berlin kein städtebaulicher Plan existierte, sondern einfach manche Ruinen wiederaufgebaut und auf anderen Flächen Neubauten hochgezogen wurden, sieht er ein kunterbuntes Mit- und Durcheinander von Bauten und Formen, die jederzeit wieder neu und anders benutzt und bewohnt werden können. Auf der Kantstraße kann er als einer unter vielen Fremden die Komplexität und die Vielfalt der Bedeutungen ausloten, Blicke austauschen, kleine Gespräche anfangen, die zu nichts verpflichten, aber ein soziales und friedliches Miteinander bewirken: Und genau das ist für Sennett die Ethik einer offenen Stadt.

Frank Dietschreit, kulturradio

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