Robert James Fletcher: Inseln der Illusion © Die andere Bibliothek
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Belletristik - Robert James Fletcher: "Inseln der Illusion"

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Der Zauber der Südsee lockte im Jahr 1912 den schottischen Hilfslehrer Robert James Fletcher nach Polynesien. Der 35-jährige hielt sich gerade in Lateinamerika auf und ergriff die Gelegenheit, die ihm ein dubioser Glücksritter bot.  

Auf dem Schiff von Uruguay nach Neu-Kaledonien begann Fletcher Briefe an seinen Freund Bohun Lynch zu schreiben, die dieser 1923 ohne Wissen des Autors unter Pseudonym herausgab. Von Anfang an reflektieren sie den Widerspruch zwischen Fletchers Suche nach Schönheit und einem vermeintlich authentischen Leben einerseits und dem Ziel, in kurzer Zeit reich zu werden – oder doch soviel Geld zu verdienen, dass eine lange Zeit der Muße damit erkauft werden könnte.

Beiläufig hingerotzte Erkenntnisse

Fletcher, der hochgebildete, scharfzüngige Exzentriker, lebte über sieben Jahre in Vanuatu, damals ein von Briten und Franzosen gemeinsam verwaltete Kondominium. Im Verlauf seiner wechselnden Tätigkeiten als Plantagenverwalter, Gerichtsdolmetscher, Landvermesser und Meteorologe erfasst er das koloniale Geflecht genau, beschreibt Seilschaften und Gewohnheiten, Landschaft und Alltag, die Praxis der "Anwerbung" von schwarzen Arbeitern als quasi-Sklaven und den legalisierten Landraub.

Dabei macht er bei alledem in irgendeiner Form mit – und hat dabei moralische Skrupel, die sich gelegentlich bis zur handfesten Depression auswachsen können. Seine Suche nach dem authentischen Leben in Schönheit erfüllt sich nur momentweise; aber in solchen Passagen wird sein galliger, spöttischer Ton weich und leicht. Dann wieder verzweifelt er ob seiner Einsamkeit, der ständigen Fieberattacken und des Zustands der Welt, der in der Südsee eben auch nicht besser ist als zu Hause.

Krank und melancholisch

Die Vorstellung, dass Rassismus etwas Schlechtes sein könnte, ist ihm dabei vollkommen fremd, an der Unterlegenheit der Einheimischen hat er keinerlei Zweifel. Die Missionare aber verabscheut er, weil sie aus den "starken schwarzen Männern" angepasste "Kriecher" machen, die Franzosen kritisiert er für ihren Bürokratismus und ihren lockeren Umgang mit Rassengrenzen, die Australier beschimpft er als dumpfe, gierige Menschenschinder.

Am Ende verlässt er, krank und melancholisch, den Ort seiner einstigen Sehnsucht; seine einheimische Frau und der "nicht reinblütige" Sohn bleiben zurück.

Eine unselige Trias

Diese Briefzeugnisse liefern, abgesehen von ihren hohen literarischen Qualitäten, hochinteressante Beiträge zur gegenwärtigen Debatte um den Kolonialismus: Zivilisationskritische Aussteigerromantik mischt sich hier mit Geschäftsinteressen und dem festen Glauben an die eigene Überlegenheit - eine unselige Trias, die ja immer noch unser Verhältnis zu anderen Weltgegenden bestimmt.

Katharina Döbler, kulturradio  

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