Stewart O’Nan: Stadt der Geheimnisse © 2018
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Roman - Stewart O'Nan: "Stadt der Geheimnisse"

Bewertung:

Der amerikanische Erzähler Stewart O'Nan ist ein äußerst produktiver und wandlungsfähiger Autor. Seine eigentliche Stärke ist die genaue und liebevolle Beschreibung des amerikanischen Alltags, wie er ihn in "Stadt der Geheimnisse" beschreibt.

Der amerikanische Erzähler Stewart O’Nan, Jahrgang 1961, aus Pittsburgh gebürtig, ist ein äußerst produktiver und wandlungsfähiger Autor. In seinen bisher 16 Romanen seit seinem Debüt-Roman "Engel im Schnee" (1994) hat er stofflich und thematisch weit ausgegriffen, bis zum Amerikanischen Bürgerkrieg, dem Zweiten Weltkrieg und dem Vietnam-Krieg. Doch seine eigentliche Stärke ist die genaue und liebevolle Beschreibung des amerikanischen Alltags.

Über Scott und Zelda Fitzgerald

Bisher interessierte ihn hauptsächlich die Nachzeichnung der subtilen Schwankungen, Veränderungen und Verschiebungen in den Beziehungen von Familien, Verwandten, Freunden, Nachbarn und ganzen Kommunen. Sein eigentliches Thema war der Niedergang des einst prosperierenden Industriegürtels um Pittsburgh, der Abstieg und die unaufhaltsame Abwärts-Mobilität des einst wohlhabenden amerikanischen Mittelstandes.

In seinem vorletzten Roman "Westlich von Sunset" (1916) griff er zurück in die Literaturgeschichte und erzählte vom Niedergang eines der berühmtesten tragischen Liebespaare der Literatur des 20. Jahrhunderts – von Scott und Zelda Fitzgerald.

Ein Jude aus Lettland

Doch jetzt, mit seinem jüngsten Werk, überrascht Stewart O'Nan mit einem radikalen Wechsel von Schauplatz, Personal und Milieu: "Stadt der Geheimnisse" ist ein semi-dokumentarischer historischer Roman im Gewand eines politischen Thrillers, der im ersten Nachkriegswinter 1945/46, in der Interimszeit zwischen Kriegsende und Gründung des Staates Israel, in Jerusalem angesiedelt ist und einen Holocaust-Überlebenden zum Helden hat.

Brand ist ein Jude aus Lettland, der seine ganze Familie – Ehefrau, Eltern, Schwester, Großeltern, Tanten, Onkeln und Cousins und Cousinen – im Holocaust verloren hat und nur überlebte, weil er Motoren reparieren konnte.

Vom zionistischen Untergrund

Unter allergrößten Mühen hat Brand es als illegaler Flüchtling per Schiff nach Palästina geschafft, ausgestattet mit falschen Papieren von der Untergrund-Bewegung Hagana, die gemeinsam mit der radikalen Untergrund-Armee Irgun für ein unabhängiges Zion kämpft. Brand heißt jetzt Jossi und arbeitet zu Tarnung als Taxifahrer in Jerusalem. Sein Taxi ist ein von der Hagana bereitgestellter und für Schmuggelzwecke umgebauter alter Peugeot mit doppelbödigem Kofferraum.

Erschöpft und traumatisiert wie er ist, möchte Brand in Jerusalem eigentlich ein neues Leben beginnen und seine quälenden Erinnerungen an den KZ-Häftling Brand vergessen, der um des eigenen Überlebens willen auch Mithäftlinge verraten hat. Jetzt muss Brand jedoch feststellen, dass er in einem neuen Krieg gelandet ist und um sein Bleiberecht ebenso kämpfen muss wie um seine moralische Integrität. Jetzt ist der Feind die britische Mandatsregierung in Palästina, die den meisten Holocaust-Überlebenden die Zuflucht verweigert und vom zionistischen Untergrund mit Sprengstoffanschlägen bekämpft wird.

Vom Bomenbau und von Zugüberfällen

Brand erkennt, "dass man als Jude nirgends sicher ist". Auch in Jerusalem wird er in moralische Zwangslagen gedrängt. Mehr genötigt als freiwillig übernimmt er Kurier-Fahrten für eine geheime Kampf-Zelle der Hagana, von deren Mitgliedern er höchstens die Decknamen kennt. Tagsüber kutschiert er Touristen zum Jaffa-Tor, zum Zions-Tor und nach Bethlehem, nachts chauffiert er Sprengstoff-Pakete oder verwundete Irgun-Kämpfer.

Gegen seinen Willen wird Brand immer tiefer in die Geheim-Operationen und Attentats-Aktivitäten der Hagana und der Irgun hineingezogen. Er lernt das Bombenbauen, er wirkt mit an einem Zugüberfall, bei dem ein britischer Geldtransporter ausgeraubt wird. Auch seine Freundin Eva, eine ehemalige Schauspielerin aus dem litauischen Wilna, die jetzt als Prostituierte vornehmlich im King David Hotel arbeitet, ist eine Untergrund-Kämpferin mit dem Auftrag, das Hotel und seine Gäste auszuspionieren. Beide verschweigen einander, dass sie um ihre toten Liebsten trauern und beim Beischlaf nur an ihre ermordeten Ehepartner denken. Sie sind füreinander bestenfalls Ersatz.

Eine quälende Vergangenheit

Vor allem der Zugüberfall ist für Brand ein Schockerlebnis der Selbsterkenntnis. Er weiß, dass "die Lager einen egoistischen, argwöhnischen Menschen aus ihm gemacht" haben, und er ist nach Jerusalem gekommen, "um sich zu ändern, sich zu bessern". Während des Überfalls hat er den Geiseln befohlen, sich auf den Boden zu legen, Hände hinter dem Kopf. Er hört sich selbst diesen Befehl drohend hervorbellen – im selben Ton und mit denselben Worten, wie er als Häftling von den Lager-Kapos angebrüllt worden war. Brand entsetzt sich über sich selbst.

Höhe- und Wendepunkt des Romans ist der (reale) Bombenanschlag der Irgun auf das King David Hotel vom 22. Juli 1946. Für Brand ist dies der Punkt, um die Tarn-Figur Jossi für immer abzulegen.

Der Roman "Stadt der Geheimnisse" ist nicht nur geheimnisvoll und spannend; er zeigt auch Stewart O’Nans ganze handwerkliche Kunst, ein Wimmelbild des labyrinthischen, finsteren und gefährlichen winterlichen Nachkriegs-Jerusalem unter britischer Besatzung zu entwerfen, mit seiner Mangelwirtschaft, seinen Stromausfällen und Straßensperren, "ein aus Symbolen zusammengesetztes Puzzle, ein Durcheinander aus Alt und Neu, aus Panzerwagen und Eseln in den Straßen, aus Beduinen und Bankiers".

Wie schon sein Held Scott Fitzgerald im vorigen Roman ist auch sein Held Brand ein beschädigter und entmutigter Mann, dessen quälende Vergangenheit ihn zu sehr niederdrückt, als dass er die Kraft zu einem neuen Anfang in einem neuen Leben fände. Im Gewand eines Thrillers erzählt Stewart O’Nan hier die bewegende Geschichte eines Traumas.

Sigrid Löffler, kulturradio