Volker Kutscher: Marlow; Montage: rbb
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Bestseller - Volker Kutscher: "Marlow"

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Berlin, Spätsommer 1935. In dem neuen "Rath"-Krimi von Volker Kutscher geht es um die NS-Zeit, Hermann Göring, der erpresst werden soll, um geheime Akten, Morphium und schmutzige Politik. Arno Orzessek hat das Buch für uns gelesen.

August 1935. Wir, die Leser von Volker Kutschers "Marlow", sitzen mit einem gewissen Gerhard Brunner, der einen Strauß Rosen bei sich führt, in einem Berliner Taxi. Genauer, wir sitzen mit ihm in einer "Kraftdroschke"... Deren wiederholt genannte Bezeichnung Sprachsensiblchen über die Stationen 'Droschke' und 'Droschkenkutscher' auf 'Kutscher' sowie die Frage bringen könnte, ob hier eine mehr oder weniger lustiger Anspielung es Autors vorliegt. Ist aber wohl nicht so. Denn mit der Kraftdroschkenfahrt ist es bald radikal vorbei. Brunner merkt noch: Hier stimmt etwas nicht, absolut nicht!

Ein Doppelleben

Da gibt der Fahrer schon Vollgas, wo Bremsen unverzichtbar gewesen wäre, und fährt geradeaus, wo allein beherztes Lenken weiterführt. Rumms! Da haben wir sie: zwei Leichen, die keiner kennt. Rath übernimmt – mit der gewohnten Mischung aus Nonchalance, Neugier und Eigenmächtigkeit. Er findet im Todeswagen Akten, die mit dem "Dicken" in Verbindung stehen, dem dekadenten Morphiumspritzer und gewaltbereiten Reichsminister Hermann Göring. Der Fahrgast, so kommt allmählich ans Licht, hat ein Doppelleben geführt.

Er war bei der SS und hat seiner Loverin, Görings Sekretärin, der die Rosen galten und sein Begehren, gegen Zuneigung Informationen über den Dicken abgewonnen. Vom Fahrer wird ähnlich umständlich bekannt, dass er Lehmann heißt und an einem Glioblastom litt, einem unheilbaren Hirntumor, der ihn in wenigen Wochen dahingerafft hätte. Aber war das Glioblastom der Grund für die entschlossene Fahrt gegen die Mauer?

Das Buch bleibt immer Krimi

Tja! Könnte sein. Könnte nicht sein. Ist nicht so. Die Sache ist kompliziert. Also klappt Kutscher die Zeitgeschichte auf, über 500 Seiten lang, gesäumt von mancher frischer Leiche. Wir erleben das Dritte Reich in zunehmender Verfinsterung. In der fest etablierten Hitler-Regierung begehen braune Verbrecher Verbrechen, parallel will Unterwelt-König Johann Marlow – nette ironische Spiegelung! – seine Geschäfte legalisieren, unter anderem durch Mitgliedschaft in der SS.

Kutscher-typisch hat die Geschichte eine Vorgeschichte, tragisch und rührend. Sie reicht bis in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zurück und bis nach China. Wie nach sechs Rath-Romanen nicht anders zu erwarten, zeigt sich Kutscher im historischen Stoff sattelfest. Nazi-Berlin, Nazi-Deutschland, der Polizei-, Partei- und SS-Apparat, die Ober- und Unterwelt der Hauptstadt, Prominente und Proleten, Architektur, Infrastruktur, Technik: Kutscher billigt der Vergangenheit auch in diesem Krimi Vollausstattung zu und bewegt sich sicher in ihr.

Besonders ausgeleuchtet wird der "Reichsparteitag der Freiheit" 1935 in Nürnberg, ein gigantisches physisch-psychisches Verführungsfestival, dem Fritze, Pflegekind von Rath und Charlotte Charly Ritter (beide sind mittlerweile verheiratet), mit der Hitlerjugend zu Fuß entgegenstrebt. Rath kommt mit dem Auto nach. Schon auch, um Fritze vor dem Führer zu sehen, zugleich jedoch, um im Kraftdroschken-Fall und mehreren Nebenfällen weiterzukommen. Charly findet beides empörend.

Sie macht aber, teils als Halbtags-Detektivin, teils auf eigene Faust, selbst mittlerweile semi- und illegale Sachen, die um den Tod bzw. die Ermordung ihres Vaters kreisen. Man ahnt: Alle Geschichten werden am Ende eine Geschichte sein. Kutscher zeichnet vom protzigen Hardcore-Nazi bis zur inneren Widerständlerin Charly viele politisch-geistige Aggregatzustände nach. Die Not der entrechteten Juden scheint auf, der widerliche Opportunismus der Karrieristen, die Militarisierung der Gesellschaft, die wölfische Atmosphäre unter den Nazi-Oberen. Dabei bleibt das Buch immer Krimi, es wird nie zur Doku – und erteilt trotzdem seriöse Lektionen in deutscher Geschichte.

Ein paar sprachlich unschöne Details

Man könnte das gefällige Ineinanderschreiben von blühender Krimi-Fiktion und real existierendem Nationalsozialismus bedenklich finden. Aber Kutscher kommt jedem Zynismus-Vorwurf zuvor. Er achtet sehr darauf, durch lehrbuchmäßige, teils etwas penetrante Einschübe die einzig akzeptable Haltung zum NS-Staat zu betonen, nämlich Abscheu und Verdammung. Dabei fühlt er sich nirgends allzu tief ins Bewusstsein der tiefbraunen Geister ein. Aber das geht in Ordnung. Kutscher schreibt natürlich kein Pendant zu... greifen wir ganz weit aus... den Bekenntnissen eines Massenmörders in Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten", sondern Unterhaltungsliteratur, in der die historische Realität sauber eingearbeitet ist.

Dass Kutscher keinen scheelen Blick auf die Hochliteratur geworfen hat, ist einfach zu erkennen: Es gibt keinen einzigen Satz, der durch rhetorische Raffinesse und Abgründigkeit glänzen will. Es würde auch irritieren. Komplexität entsteht durch Personalstärke, Verwicklungen und Rückgriffe in die Vorvergangenheit – aber sie entsteht auf der Sach- und nie auf der Sprachebene. Bei strengem Blick möchte man im Detail ein paar Nachlässigkeiten schelten.

Dass sich die Sonne morgens über den Horizont "quält", diese Sicht kann man einer Figur unterschieben – aus auktorialer Sicht lässt sich das aber nicht so sagen, denn die Sonne quält sich nicht. Kutschers sagt's trotzdem. Er schreibt, dass Charly ihre Augenbrauen hochzog – um nachzusetzen: "Sie konnte ihre Überraschung nicht verbergen." Das ist doppelt gemoppelt, es entwertet beide Sätze. Und ob man im Jahr 1935 je "schwangerschaftsmäßig" gesagt hat, wäre auch noch zu prüfen. Aber klar: Sobald man den Fokus auf den Krimi-Plot richtet, spielen diese Feinheiten keine Rolle.

Die Göttin Mode

Warum Volker Kutschers "Marlow" in den Bestseller-Listen steht? Nun, er hat seinen Bogen prima raus und Kommissar Rath deshalb eine Fan-Gemeinde. Es hilft auch, dass man wieder im historisch korrekt gezeichneten Berlin unterwegs ist. Und man verweilt recht lange, in Berlin wie im Buch, weil sich wegen der vielen roten Fäden die Lektüre kaum in Höchstgeschwindigkeit erledigen lässt. Es gibt also viel Rath fürs Geld. Im übrigen lässt sich sagen, was sich immer sagen lässt: Kutschers Rath-Romane sind Bestseller, weil die Göttin Mode es halt so will.

Arno Orzessek, kulturradio  

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