Wolf Wondratschek: "Gesammelte Gedichte"; Montage: rbb
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Lyrik - Wolf Wondratschek: "Gesammelte Gedichte"

Bewertung:

Gerade 75 geworden, hat er den Verlag gewechselt, und sein neuer hat ihm einen Schuber voller Gedichtbände spendiert. Da kann man als Lyriker einfach froh sein.

Wolf Wondratscheks lyrische Sprache ist nicht einfacher als die anderer. Aber einfach klarer, verstehbarer, eindrücklicher, auch schonungsloser als die anderer Lyriker und Lyrikerinnen im früheren Westdeutschland und jetzt in Deutschland.

Ihm geht der Ruf nach, er sei ein lyrischer Haudrauf, er bevorzuge das Grobe. Aber das sagen vermutlich die, die sprachlich selber keine Faust ballen können. Und eigentlich ist es genau andersherum: Wondratschek bevorzugt das Feingeistige, das eigentlich auf der Hand liegt. Aber Wondratschek bringt es mit der Wucht der verstehbaren und deswegen treffenden Metapher. In einem Liebesgedicht schreibt Wondratschek zum Beispiel:

"(…) In ihrem Blick, im Gehn noch halb zu ihm gewendet, sah er die Liebe, und wie sie endet …".

Das ist auf den Punkt gebracht. Ja, Wondratscheks Sprache will provozieren. Gottseidank, möchte man sagen. Und auch seine Titel sind klar und provokant. Eines seiner ersten Bücher hieß, man kennt es vielleicht, "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde". Mal abgesehen davon, dass Wondratschek hier auch die ganze von den Westdeutschen übernommene US-amerikanische Kulturprägung mitmeinte, war es einfach ein sehr guter Titel.

Mehr Rock als Pop

Ist aber Wondratschek – in Thüringen geboren – der westdeutsche Nachkriegs-Pop-Poet, wie manche sagen? Gemessen an seiner Verwendung von Umgangssprache und Populärsprache in Überschriften und Texten spricht Einiges dafür. Ein Wondratschek-Gedicht heißt "Schluss mit dem Mist und den Mythen um Marilyn Monroe". Ein anderes "Hölderlin und die Huren".

Es ist vor allem das lapidare, das sarkastische Moment in Wondratscheks Sprache, das sie modern macht. Dabei liegt nahe, dass "Pop" dabei vielleicht nicht die richtige Musikmetapher ist. "Pop" klingt süß bis süßlich, fast wie Helene Fischer, das ist nicht Wondratschek. Er ist eher ein Tom Waits, ein Randy Newman, ein Stoppock der Gedichte. Also mehr ein Rock-Poet als ein Pop-Poet. Aber vielleicht kommt Wondratscheks lyrische Klarheit auch von der klaren Thüringer Luft, die das Kind Wondratschek einatmete.

In dem Schuber findet man alles, was man von Wolf Wondratschek an Gedichten lesen muss, von den ersten Bänden wie "Oktober der Schweine" von 1973, dann "Chuck''s Zimmer", Prosagedichte. Dann der wichtige Gedichtband "Männer und Frauen", darin unverwechselbare Wondratscheks, etwa im gleichnamigen Gedicht. Der Anfang geht so:

"Die Frauen, die ich traf, brauchten Männer. Ich traf Männer, die Frauen brauchten.
Aber die Frauen waren allein
und die Männer waren einsam.
Manchmal klappte es.
Manchmal klappte es sogar ohne Alkohol. (...)"

Und so weiter. Ein tolles Gedicht! Und dann gibt es in diesem Schuber den sauguten Band "Die Einsamkeit der Männer. Mexikanische Sonette (Lowry-Lieder)". Nicht zu vergessen der kuriose Band namens "Carmen oder ich bin das Arschloch der achtziger Jahre".

Gut gemacht ist diese Übersicht, und die Ausstattung der Box mit Wondratschek-Gedichten ist von schlichter Eleganz. Eigentlich das perfekte Weihnachtsgeschenk für Gedicht-sensible Zeitgenossen.

Salli Sallmann, kulturradio