Wolfgang Brenner: Die ersten hundert Tage; Montage: rbb
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Sachbuch - Wolfgang Brenner: "Die ersten hundert Tage"

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Wolfgang Brenner beschreibt den Neuanfang vier Jahre nach Kriegsende für jenes Gebiet, dass bis 1945 "Das Deutsche Reich" hieß, dann in Besatzungszonen zerrissen wurde – und sich in mühevollen Hungerjahren nach und nach reorganisierte.

Wie unterschiedlich dabei die Aufbau-Arbeit in den Westzonen und der Ostzone vonstattenging, das will das Buch belegen. Aber die Unterschiedlichkeit beruhte auf den Hintergründen und Zuständen des einen Landes, des besiegten Deutschland. Das Buch hätte also auch heißen können: "Wie wir uns nach und nach trennten". Zeitlich beschreibt Brenner die Zeit um die ersten Monate der Existenz der jungen Bundesrepublik (gegr. Mai 1949) und der DDR (gegr. Oktober 1949).

Geschichtsreportagen sind eine Art Markenzeichen des Autors Wolfgang Brenner, obwohl er auch Krimis und Grotesken kann. Vor zwei Jahren erschien von ihm "Zwischen Ende und Anfang" über die unmittelbare Nachkriegszeit in Deutschland 45/46.

Vor Jahren erschien "Der Patriot" über den Chef des bundesdeutschen Verfassungsschutzes, Otto John, der Anfang der Fünfzigerjahre unter mysteriösen Umständen in Ost-Berlin auftauchte. Und erinnert sei auch an Brenners Geschichtsrecherche "Stieber" über einen Geheimdienstchef des Deutschen Kaiserreichs.

Wolfgang Brenner nimmt sich Geschichtsfakten und bettet sie in seine Erzählstrategie ein, d.h. er erzählt um die Geschichtsfakten herum, ohne diese irgendwie zu verändern. Früher sagte man wohl Tatsachenroman dazu.

Verblüffende Vorkommnisse

In diesem neuen Band erzählt Brenner in 14 Geschichten – die er alle neu recherchiert hat – verblüffende, z.T. abenteuerliche Vorkommnisse, die nicht oder nur andeutungsweise in den Geschichtsbüchern zu finden sind. Die aber gerade jüngeren Lesern Motive, Stimmungen und Handlungsweisen der Deutschen in Ost und West Ende der Vierzigerjahre aufzeigen können und dadurch die auseinanderdriftende Entwicklung in den beiden damals jungen deutschen Staaten nachvollziehbar erklären.

Politik spielt immer eine Rolle

In der Reportage "Roter Schnee" zum Beispiel wird eine gigantische Munitionsexplosion in der Eifelstadt Prüm geschildert, als 1949 500 Tonnen Kriegsmunition, deutsche und französische, in die Luft flogen und die Stadt nach der Bombardierung im Krieg noch mehr zerstörten, zu 92 Prozent.

Eine andere Geschichte erzählt von dem westdeutschen KPD-Bundestagsabgeordneten und stellvertretenden Vorsitzenden der westdeutschen KPD Kurt Müller, der von seinem KP-Chef Max Reimann zu Walter Ulbricht nach Ost-Berlin geschickt wird und dort in den Zellen der Staatssicherheit landet. Brenner erklärt die Geschichte der berühmt-berüchtigten Berliner Kladow-Bande, die die Ost-Berliner gegen die West-Berliner Polizei ausspielte. Also: Es geht in diesem Buch nicht immer um Politik, aber Politik spielt immer eine Rolle.

Wirklich überraschend an diesem Buch: Wolfgang Brenner erzählt die Geschichten vom deutsch-deutschen Auseinanderdriften so, dass man als Leser fühlen kann, das alles Geschehen, alle Geschichten des Auseinanderdriftens aus dem einen einheitlichen, kaputtgegangenen Deutschland stammen. Das überrascht auch deswegen, weil sich die Mühen des Aufspaltens in West und Ost für den Leser spiegeln in den Mühen der Wiedervereinigung seit mittlerweile fast dreißig Jahren.

Ein bildungspolitisch essentiell wichtiges Buch.

Salli Sallmann, kulturradio