Annie Ernaux "Erinnerung eines Mädchens" / Montage rbb
Suhrkamp
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Autobiografie - Annie Ernaux: "Erinnerung eines Mädchens"

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Mit jahrzehntelanger Verspätung wird die französische Schriftstellerin Annie Ernaux endlich auch im deutschsprachigen Raum entdeckt. Entdeckt wird damit auch die neuartige Form autobiografischen Schreibens, die Annie Ernaux entwickelt und zu ihrem literarischen Lebensprojekt gemacht hat.

Jeder ihrer anderthalb Dutzend Romane bisher ist Teil eines fortlaufenden Erinnerungsprojekts, in dem sie ihre eigenen Erfahrungen im Leben mit den Prägungen ihrer ganzen Generation kurzschließt. Sie macht sich damit zur Repräsentantin ihrer Generation. Mit dieser quasi-soziologischen Schreibmethode verzahnt sie das Selbsterlebte mit den Einflüssen von Milieu, Politik und Gesellschaft – als "Ethnologin ihrer selbst". In der persönlichen Erinnerung fördert sie das kollektive Gedächtnis zutage. Der Soziologe Didier Eribon nennt Annie Ernaux‘ Verfahren der "unpersönlichen Autobiografie" als Vorbild für seine eigene vielgelesene Lebens- und Generationengeschichte "Rückkehr nach Reims".

"Die Jahre"

Mit ihrem Buch "Die Jahre" eroberte Ernaux im Vorjahr auch die deutschsprachige Leserschaft. Darin analysiert sie im kühlen Berichtston einer distanzierten Beobachterin ihren eigenen Aufstieg aus dem ärmlichen Kleinbürgermilieu der französischen Provinz, in das sie 1940 als Tochter eines Dorfkrämers in der Normandie hineingeboren wurde. Es gibt kein erzählendes Ich, sondern nur ein kollektives "Wir" oder das unpersönliche "Man". Mit einem besonderen Gespür für die feinen Klassenunterschiede beschreibt sie ihren Milieuwechsel aus der Unterschicht in die Mittelschicht – dank Bildung. Als gute Schülerin durfte sie studieren und wurde Gymnasiallehrerin und schließlich Schriftstellerin.

"Erinnerung eines Mädchens"

In "Erinnerung eines Mädchens", dem neuesten Band ihres Selbsterkundungsprojekts, kehrt Annie Ernaux nun mit 78 Jahren zu einem traumatischen Ereignis ihrer Jugend zurück, das sie seit sechzig Jahren verfolgt und nicht loslässt. Im Sommer 1958 wurde die Achtzehnjährige in einem Ferienlager von einem etwas älteren Betreuer vergewaltigt. Das wohlbehütete, streng katholisch erzogene und sexuell völlig ahnungslose Einzelkind, als braves Mädchen und gute Schülerin der ganze Stolz ihrer kleinbürgerlichen Eltern, ist leichte Beute für ihren brutalen Vergewaltiger. Willenlos, schockstarr, lässt sie alles mit sich geschehen. Er verliert rasch das Interesse an ihr, ignoriert sie im Folgenden, demütigt sie und stellt sie vor anderen bloß. Trotzdem verliebt sie sich in ihn. Doch je mehr sie ihm nachläuft, desto verächtlicher lässt er sie abblitzen und desto haltloser wirft sie sich in der Folge jedem Betreuer im Camp an den Hals. Mit ihrem würdelosen Verhalten macht sie sich zum Gespött des ganzen Betreuer-Teams, wird als "Nutte" verschrien, verhöhnt, verachtet und ausgegrenzt.

Das Entsetzen und die Scham über ihr seinerzeitiges Verhalten motiviert Annie Ernaux nun im Abstand von sechzig Jahren zur Reflexion über ihren Seelenzustand von damals. Indem sie sich an Hand von Briefen, Fotos, Tagebuch-Notizen und Google-Recherchen zu erinnern sucht, erzählt sie die Geschichte einer lebenslangen verdrängten Scham. Ihr jugendliches Selbst erscheint ihr heute völlig fremd und unbegreiflich, eine andere Person, in der sie sich selbst kaum wiedererkennen kann. Deshalb nutzt sie ein literarisches Mittel zur Selbstdistanzierung und spaltet sich im Text in zwei Erzählerfiguren auf: in das "Ich" von heute und die "Sie" von damals.

Zehn Jahre vor der sexuellen Revolution und noch ohne ihre spätere Kenntnis der feministischen Analysen einer Simone de Beauvoir gehören für die junge Annie sexuelles Begehren und Verbot untrennbar zusammen, kulminierend in der mächtigen Pathosformel vom "Verlieren der Jungfräulichkeit". Ihr Liebesbild ist geprägt vom Gefühlskitsch der Schlager und Fortsetzungsromane in den Illustrierten wie auch von der romantischen Überhöhung der Liebe in der Poesie. Nichts hat sie vorbereitet auf die brutale Realität des sexuellen Überfalls, dessen Opfer sie wird. Das Mädchen hat keinerlei Begriff für das, was ihr widerfahren ist. Sie kann sich selbst nicht als Opfer sexueller Gewalt erkennen, sie weiß nicht, wie sie ihre schockierende reale Erfahrung nennen soll, sie hat dafür nur ein falsches und verlogenes Wort: Dies sei ihre erste "Liebesnacht" gewesen.

Bedeutendes autobiografisches Zeitzeugnis

In großer Schonungslosigkeit gegen sich selbst, in einer nüchternen, lakonischen, harten und fast bilderlosen Sprache rekonstruiert Annie Ernaux ihr eigenes junges Selbst, mit der objektiven Neugier der Menschenforscherin, die in verschüttetes Terrain vordringt. Weder verurteilt sie ihr junges Selbst, noch erhebt sie sich besserwisserisch darüber, von der Warte ihrer heutigen Aufgeklärtheit. Sie lässt das Bild einer tief verwirrten, im Seelenkrampf erstarrten, magersüchtigen, mit dem eigenen Körper blindwütig hadernden jungen Frau erstehen, deren Ehrgeiz und Bildungshunger ihr schließlich helfen, die Krise zu überwinden, ein neues Selbstbild und neue Perspektiven zu entwickeln und die Scham für lange Zeit zu verdrängen.

All dies macht "Erinnerung eines Mädchens" zu einem bedeutenden autobiografischen Zeitzeugnis.

Sigrid Löffler, kulturradio

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