Emma Nuss: Aus dem Tagebuch eines Tauentzien-Girls © Walde + Graf Verlagsagentur und Verlag
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Tagebücher - Emma Nuss: "Aus dem Tagebuch eines Tauentzien-Girls"

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Eine amüsante literarische Trouvaille aus dem Jahr 1914: Junge Berlinerinnen waren da schon er­staunlich freizügig und aufgeklärt.

Gewidmet ist dieses fiktive Tagebuch "den blinden Müttern und ihren zukünftigen Schwie­ger­­söh­nen", denn hier erfahren sie, was ihre Töchter und potentiellen Ehefrauen nicht nur denken, sondern auch mit großem Vergnügen tun – und nicht nur beim Spaziergang auf dem Berliner Boulevard. Die 15-jährige Litta und ihre Freundinnen jedenfalls sind nach der Schule auf Unterhal­tung aus, sie flirten, was das Zeug hält, sitzen zweifelhaften Künstlern Modell, tref­fen sich mit wohlhabenden Herren und gehen bei Damen mit nicht gerade bürgerli­chem Lebenswan­del ein und aus. Sie sind noch nicht mal konfirmiert, aber bereits rundum erotisch aufgeklärt und trickreich.

Sehr persönlicher Bericht

Ein Jahr im Leben eines Berliner "Backfischs": Die Eltern sehen in dem Mädchen noch das Kind, die Männer schauen lüstern auf die junge Frau. Die erwehrt sich allerdings grenzüber­schrei­tender Annäherungen mit Entschiedenheit: Küssen ist erlaubt, alles andere kommt nicht in die Tüte. Schließlich will sie auf dem Heiratsmarkt noch bestehen.

Sie träumt von einem reichen Mann, der viel unterwegs ist und ihr alle Freiheiten lässt. Am Ende wird die junge Heldin eingesegnet und in ein Schweizer Pensionat geschickt. Da soll es aber auch hoch her gehen, das hat sie in einem französischen Buch gelesen: "Wenn es in Wirklichkeit so ist, dann kann ich als Berlinerin sogar noch was dazu lernen."

Frech und vergnügungssüchtig

Die Lektüre des damals unter dem Pseudonym Emma Nuss verfassten und viel verkauften Tagebuchs ist heute vor allem vergnüglich, weil die kleinen Lügen und großen Ängste vor elterlicher Entdeckung ganz und gar zeitlos scheinen. Die rasant erzählten Erlebnisse stimmen darüber hinaus aber überhaupt nicht mit der Vorstellung weiblichen Lebens Anfang des 20. Jahrhunderts überein.

So frech und vergnügungssüchtig waren die Berliner Mädchen schon 1914? Kam der neue kurz­haarige und kurzberockte Frauentyp nicht erst in den 1920er Jahren in Mode?Die Lust nach Freiheit und Abenteuer war auch im wilhelminischen Berlin schon an der Mädchen-Tagesord­nung? Man staunt dar­über heute ebenso sehr wie man sich damals wohl moralisch entrüstete.

Weiblicher Silvesterscherz

Die Autorin hieß Emma Mahner-Mons, wurde 1879 in der Nähe von Kaiserslautern geboren, starb 1965 in Donaueschingen. Sie schrieb vergessene Romane und Jugendbücher und The­aterstü­cke. Und wenn der Verleger nicht schwören würde, dass es sie tatsächlich gegeben hat, könnte man das für einen weiblichen Berliner Silvesterscherz halten.

Manuela Reichart, kulturradio

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