John Steinbeck: Der Winter unseres Missvergnügens © Manesse Verlag
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Belletristik - John Steinbeck: "Der Winter unseres Missvergnügens"

Bewertung:

Mit seinen Romanen hat sich der Autor John Steinbeck in die Weltliteratur eingeschrieben - etwa mit dem Roman "Der Winter unseres Missvergnügens". Jetzt ist das Buch in einer Neuübersetzung von Bernhard Robben im Münchner Manesse Verlag erschienen.

Dass "Der Winter unseres Missvergnügens" beim Publikum damals nicht mehr so richtig erfolgreich gewesen ist, kann nich an der literarischen Qualität des Romans, an der filigranen Figurenzeichnung, der spannenden Handlung und der überraschenden Erzähl-Perspektive liegen: das ist nämlich alles von allergrößter Raffinesse. Vermutlich verstörte der Roman die eingefleischten Steinbeck-Fans, weil Leser nur allzu gern Bestätigung suchen und das Vertraute in immer wieder nur leicht variiertem Gewand wollen: Steinbeck gilt als Vertreter des sozialen Realismus, in seinen Geschichten geht es meistens um die Armen und Abgehängten, Wanderarbeiter und Tramps, Glücksritter und Ausgepowerte, die unter die Räder der Moderne kommen und innerlich zerbrochen am Wegesrand liegen bleiben.

Nicht ohne Grund wurden seine Bücher in der McCarthy-Ära und anti-kommunistischen Hysterie in Amerika oftmals aus den öffentlichen Bibliotheken und Schulen als vermeintlich linksradikale Revolutionsliteratur entfernt. "Der Winter unseres Missvergnügens" bricht mit den Steinbeck-Klischees und handelt nicht von Arbeitern und Außenseitern, sondern von den Intrigen und Lügen, der Raffgier und dem moralischen Verfall des Bürgertums in der fiktiven Kleinstadt New Baytown auf Long Island, im Einzugsgebiet von New York, wo die Fischerei allmählich zugunsten des Tourismus aufgegeben wird und anstelle der verrosteten Kutter jetzt teure Segeljachten vor Anker gehen und sich - wenn man weiß, wie es geht - das ganz große Geld verdienen lässt.

Der Erfolg am Horizont

Es ist ein Lehrstück über die Versuchungen des Kapitalismus, darüber, dass man, um reich und berühmt zu werden, keine Skrupel kennen darf und bereit sein muss, jeden zu verraten und zu betrügen, nicht nur seine Widersacher, sondern auch gute Freunde und zur Not sogar die eigene Familie. Im Mittelpunkt steht Ethan Allen Hawley, seine Familie gehörte zu den Gründervätern des Ortes, sie haben als Freibeuter und Walfänger, Grundbesitzer und Geldverleiher Macht und Einfluss gehabt, doch das ist Schnee von gestern: Die Hawleys haben sich verzockt, allen Reichtum verspielt und den Anschluss an die Moderne verpasst. Ethan ist nur noch das alte Haus der Familie geblieben, seine Frau Mary und seine pubertierenden Kinder, sein Sohn Allen und seine Tochter Ellen, ernährt er mehr schlecht als recht als Verkäufer in jenem Laden, der ihm einst selbst gehörte.

Der Laden, der jetzt einem Italiener gehört, der vielleicht - niemand weiß es nicht so genau - Mitglied der Mafia ist, - der Laden ist Ethans Königreich, hier ist er der Herrscher über alle Dosen und Gewürze, Getränke und Gemüse, und weil er immer nett, hilfsbereit und witzig ist, erfährt er von seinen Kunden - den örtlichen Politikern und Polizisten, den Bankangestellten und Bankbesitzern - alles über ihre schmutzigen kleinen Geschäfte und Intrigen und alles, was er wissen muss, um seinen Plan in die Tat umzusetzen: erst den Laden zu übernehmen und dann einen Teil des Profits einzustreichen, der am Horizont winkt: bei einem nicht ganz legalen Geschäft mit einem Grundstück, das ein dunkles Kartell aus Wirtschaft und Politik dringend benötigt, um einen Flughafen und ein Ferienressort zu errichten.

Jeder Erfolg hat seinen Preis

Steinbocks Kapitalismus-Kritik kommt im Ton eines larmoyanten und ironischen Beobachters und einer satirischen Lästermauls daher, dem nichts heilig ist, der sich über alles lustig macht und genüsslich mit blutigen Fingern in den offenen Wunden der allgemeinen Unmoral stochert. Selten konnte man einen solch detailreichen und analytischen und zugleich aberwitzig komischen und unterhaltsamen Roman über die menschlichen Abgründe des Kapitalismus lesen.

Diese besondere Qualität ist auch der besonderen Erzählweise geschuldet: Der Roman besteht aus zwei Teilen, und jedes Mal fliegt erst ein allweissender Erzähler mit einer Weit-Winkel-Kamera über die Gegend, sondiert das Terrain, zeigt uns das ganze Panorama aus Ort, Zeit und Handlung.

Dann schlüpft der Erzähler übergangslos in die Figur des Ethan Hawley und berichtet nur noch, was Ethan sieht, denkt, fühlt, wie er ständig - denn er ist ein gebildeter Mann und hat viele gute Bücher gelesen - literarische Fundstücke ins Gespräch einfließen lässt und politische Floskeln durch den Kakao zieht, wie er überall den intellektuellen Clown spielt und den harmlosen Ladenbesitzer, dem man niemals zutrauen würde, dass er einen Widersacher beim FBI anschwärzt und des Landes verweisen lässt, dass er seinen besten Freund in den Suff und in den Tod treibt und dass er dem hoch angesehenen und oberschlauen Bankier, Mr. Baker, ein fettes Geschäft vor der Nase wegschnappt. Doch - wir ahnen es - jeder Erfolg hat seinen Preis, und wer auf seinem steilen Weg nach oben vergisst, was seine Frau und seine Kinder so treiben und anstellen, kann ganz schnell wieder ganz tief fallen.

Nachwort von Ingo Schulze

Die Neuübersetzung von Bernhard Robben: ist mehr als gelungen! Sie ist großartig, modern ohne modernistisch zu sein, gegenwärtig ohne auf Aktualität zu schielen, sprachlich brillant und vor allem: wahnsinnig witzig. Man spürt deutlich, dass Bernhard Robben - der ja auch schon Upton Sinclair und Philip Roth, Salman Rushdie und Ian McEwan übersetzt hat - richtigen Spaß dabei hatte, mit den unzähligen politischen Zitaten und literarischen Fundstücken zu spielen, die von den alten Griechen und Römern, über die Bibel bis zu Herman Melville und Shakespeare reichen: Aus Shakespeares Drama über den mord- und machtgeilen "Richard III" stammen die Zeilen: "So ward der Winter unseres Missvergnügens / Glorreicher Sommer durch die Sonne Yorks" (mit der "Sonne Yorks" meint der für Ruhm und Macht über Leichen gehende Richard natürlich sich selbst).

Dass Steinbecks "The Winter of our Discontent" in der deutschen Erstübersetzung von 1962 als "Geld bringt Geld" herauskam, war ziemlich blödsinnig, dass der Roman jetzt richtig und passend als "Der Winter unseres Missvergnügens" erscheint, ist sicherlich auch dem Sprachkünstler Bernhard Robben zu verdanken. Und dass Schriftsteller Ingo Schulze noch ein schönes Nachwort zur Neuübersetzung verfasst hat, ist noch ein Zusatzgeschenk zu dieser unbedingt lesenswerten Ausgabe.

Frank Dietschreit, kulturradio  

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