Judith Kerr: Geschöpfe © Edition Memoria
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Autobiographie - Judith Kerr: "Geschöpfe. Mein Leben und meine Werke"

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95 Jahre alt ist sie mittlerweile – die Autorin, die bei uns mit Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" bekannt wurde. In England, wo Kerr lebt, kennt man sie vor allem als Kinderbuch-Illustratorin. Über ihre Flucht vor den Nazis und ihr Ankommen in England hat sie nun eine reich bebilderte Autobiografie vorgelegt.  

Als Judith Kerr viereinhalb Jahre alt war, legte die Kindergärtnerin eine Tulpe auf den Tisch und sagte: Heute zeichnen wir eine Tulpe. Das Mädchen strengte sich sehr an, war mit dem Ergebnis aber nicht zufrieden. Seither ist ihre Faszination für das Zeichnen geweckt – obwohl die Eltern ganz andere Disziplinen vorlebten: Alfred Kerr, der berühmte Theaterkritiker und Julia Kerr, Komponistin. Als die Familie 1933 aus Deutschland fliehen musste, Judith Kerr war damals neun Jahre alt, nahm die Mutter die Zeichnungen der Tochter mit, so wertvoll waren sie ihr.

Sehr persönlicher Bericht

Die Episode ist der Anfang von "Geschöpfe", ein wunderschön gestaltetes Buch über Judith Kerrs Leben und Werk. Wer ihre berühmte Romantrilogie "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", "Eine Art Familientreffen" und "Warten, bis der Frieden kommt" gelesen hat, wird viele der biographischen Details wiedererkennen. Doch "Geschöpfe", so schreibt Kerr selbst, setzt andere Schwerpunkte, in den Romanen hatte sie einige Ereignisse dramatisiert und andere abgeschwächt und die fiktionalisierte Figur der Anne etabliert. Jetzt erzählt Kerr mit jahrzehntelanger Lebenserfahrung, es geht ihr um Tatsachen.

Der Titel bezieht sich nicht nur auf die vielen Tiere, die im Leben und Werk Judith Kerrs eine große Rolle spielen – in England, wo sie seit der Flucht in den 30er Jahren lebt, kennt man sie vor allem als Autorin und Illustratorin der Kater Mog-Bücher  und von "Ein Tiger kam zum Tee" – sondern auch auf Kerrs verstorbenen Mann Nigel Kneale, der seine Eltern immer als "creatures" bezeichnete. Kerr meint also auch geliebte Menschen damit – sie berichtet sehr persönlich über ihre Eltern, ihren Mann und ihre Kinder.

Spielerisch und klug

"Kreaturen" ist eine illustrierte Autobiographie, eine Künstlerbiographie, die davon erzählt, wie jemand zu seinem Stil findet – anhand der zahlreichen abgedruckten Zeichnungen kann man Kerrs Weg als Künstlerin auch visuell verfolgen. Da sind die ganz frühen Kinderzeichnungen, die schon von viel Talent zeugen, illustrierte Schulaufsätze aus dem Exil in Frankreich, die ersten Aktzeichnungen, später die Kinderbuchillustrationen.

Rührend sind zum Beispiel die abgedruckten Bilder aus dem Altersbuch "Henry", ein bisher nur auf Englisch erschienenes Buch über eine Witwe, die ihren Mann vermisst. "They think I'm sitting in this chair/ Just waiting for my tea/ In fact I'm flying through the air/ with Henry holding me" steht da unter dem Bild einer alten Frau im Schaukelstuhl, und auf den nächsten Seiten erlebt die Dame – mit sichtbarem Glück im Gesicht – im Geiste unerlebte Abenteuer mit ihrem Mann. Judith Kerr war 54 Jahre mit ihren Mann verheiratet, der Gesprächsstoff sei ihnen nie ausgegangen, sagt sie. Nach seinem Tod hat sie den Verlust u.a. mit dem Buch "Henry" verarbeitet und zu neuem Lebensmut gefunden. Auch sichtbar in dem Buch "The Granny Gang" über tatkräftige Großmütter, die eine Kaupuzenpullover-Gang bezwingen.

In England ist "Geschöpfe" schon zu Kerrs 90. Geburtstag erschienen. Dieses Jahr ist Kerr 95 Jahre alt geworden, ein Glück, dass die Edition Memoria das Buch nun auch in dem Land erscheinen ließ, in dem Judith Kerr 1923 geboren wurde. "Dieses Buch" schreibt Kerr am Schluss, "ist den eineinhalb Millionen jüdischen Kinder mit all ihren ungemalten Bildern gewidmet, die nicht so viel Glück hatten wie ich."

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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