Leslie Jamison: Klarheit © Hanser
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Sachbuch - Leslie Jamison: "Die Klarheit"

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Mit ihrem Buch "Die Empathie-Tests" landete die amerikanische Autorin Leslie Jamison vor drei Jahren einen Bestseller. Jetzt erscheint ihr neues Buch "Die Klarheit". Darin geht es um trinkende Schriftsteller und ihre eigene Alkoholholsucht.

Als Leslie Jamison das erste Mal bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker ihre Geschichte erzählt, eben die Geschichte ihres Alkoholismus, ruft irgendwann einer der Veteranen dazwischen: "Langweilig!". Das habe sie komplett aus der Fassung gebracht, schreibt Jamison in ihrem Trinkerinnen-Buch "Klarheit". Zumal sie sich bei ihrer Version "gerade darin zu gefallen begann, dass ich meinen erzählerischen Anspruch zugunsten einer emotionalen Offenherzigkeit aufgegeben hatte."

Die zweite Nüchternheit

Der Einwurf ihres Leidensgenossen ist für Jamison deshalb so schockierend, weil sie sich als angehende Schriftstellerin etwas auf ihr Talent zum Geschichtenerzählen einbildet; es braucht einige Zeit, die auch die Zeit einer zumindest vorläufigen Genesung ist, bis ihr klar wird, dass es bei den Anonymen Alkoholikern, in Trinkerinnenfällen wie den ihren, nicht um die bessere, die besonders gut erzählte Geschichte geht. Sondern nur um die eigene, individuelle, und dass diese nichts Besonderes ist. Dass sie, im besten Fall, womöglich einem anderen genauso widerfahren ist. Was für Jamison zunächst ebenfalls etwas Schockartiges hat: "Die Einzigartigkeit aufzugeben war, wie meine eigenen Körpergrenzen aufzugeben. Was würde von mir bleiben, wenn ich nicht einzigartig war?"

Immerhin eine Autorin, die es geschafft hat, auf fast 600 Seiten die Geschichte nicht nur ihres eigenen Alkoholismus, ihrer eigenen Räusche und ihrer eigenen Genesung zu schreiben, sondern auch die anderer, gerade auch anderer Schriftsteller und Schriftstellerinnen, über deren Trinkereien und ihren Kampf, dem Alkohol zu entsagen. Einen Kampf, den diese, das muss man nach der Lektüre konstatieren, letztendlich zwar alle mal eine Zeit lang gewannen, am Ende aber doch fast alle verloren haben. Im Fall von Jamison scheint es bislang anders zu sein. Sie hat es im Verlauf ihres Schreibens und ihrer "zweiten Nüchternheit", wie sie es nennt, gewagt, die Geschichte ihrer Geneseung als genauso bedeutsam, in jedem Fall erzählenswert zu halten wie die von Trinkerromanen beispielsweise eines Malcolm Lowry mit seinem "Unter dem Vulkan" oder eines Stephen King mit seinem "Shining". Um gleichermaßen bei sich selbst auf "Literarizität" oder wenigstens Spannung zu verzichten.

Übermäßige Detailtreue

Dafür geht Jamison viel zu nüchtern und schonungslos mit ihren eigenen Trinkerinnenerlebnissen um. Sie ist weit davon entfernt, diese oder irgendwelche besondere Rauscherlebnisse zu idealisieren – auch wenn eine jüngere Version von ihr das tat, als sie mit 21 erstmals nach Iowa City zog, um hier ihren Master im Studiengang Kreatives Schreiben zu machen und in den Spuren von John Cheever, Raymond Carver und Denis Johnson zu wandeln. Die Sucht kam ihr "produktiv" vor in der ersten Phase ihres Trinkens. Doch so wie sie es im Folgenden beschreibt, wird ihr Trinken zunehmend erbärmlicher, zu einem vor allem einsamen Trinken, auf das sie sich gleichwohl schon am Morgen freut, nach dem sie sich sehnt und das ihr in der Zeit ihrer Entwöhnung trotz allem immer mal wieder fehlt.

Jamison ist gleichermaßen ehrlich wie analytisch, fahndet nach den Gründen, warum sie zur Alkoholikerin wird (familiäre Disposition, Mangelgefühle, die Sehnsucht nach einem Mehr, nach Erlösung, nach einer immer währenden Glückseligkeit, das Ungenügen, den Werten entsprechen zu können, mit denen sie erzogen wurde, Werte wie Leistung bringen oder stete Begeisterung zeigen) und erzählt dann auch, mitunter langatmig und arg detailreich die Geschichte ihrer langjährigen Liebesbeziehung zu einem gewissen Dave, einem Kommilitonen und Lyriker.

Noch jedes Gericht, was die beiden kochen, ist ihr einer Erwähnung wert, noch die Verzierung jedes Plätzchens, das sie bei ihrem Job in einer Bäckerei frühmorgens in den Ofen schiebt, wird von ihr beschrieben, noch jede Party, die beide geben, muss in allen Einzelheiten beschrieben werden: "Es war Oktober, und auf das Buffet stellten wir Oktopus. Wir kauften ihn eingefroren in einem großen Eisblock und servierten ihn wie Schnaps, in kleinen Pappbechern voll gebratener Tentakel. Wir bereiteten ihn 'in der Hölle' zu, so wie wir es in Italien gelernt hatten, ganz zu Beginn."

"Der Alkohol schafft nichts von Dauer"

Doch gehört diese Genauigkeit, dieser Versuch, das Ganze etwas farbiger zu gestalten eben mit dazu, mit zum Entwöhnungsprogramm. Zumal Jamisons Buch explizit das einer Heilung sein soll, eine Mischung aus Autobiografie und Essay, aber eben auch an den zwölf Punkten des AA-Programms entlang geschrieben. "Klarheit" ist so auch eine Erzählung über die (Gründungs-)Geschichte der Anonymen Alkoholiker, inklusive der Porträts ihres Gründers Bill Wilson und der einiger nicht prominenter Leidensgenossen wie Sawyer, Gwen, Marcus und Shirley.

Die natürlich literarisch nicht so interessant sind wie die Trinker- und Trinkerinnen- und Entzugsversuche ihrer Kollegen und Kolleginnen, die Jamison immer wieder einflicht, von Raymond Carver, Charles Jackson, David Foster Wallace oder John Berryman, von Jean Rhys, Margerite Duras, Billy Holliday oder Amy Winehouse. Nur ansatzweise gelingt es Leslie Jamison dabei, den Mythos des trinkenden Genies zu entzaubern, den des Alkohols als kreativen Treibstoff. Das Verhältnis von Schreiben und Trinken, von dem einen Stoff, dem kaputtmachenden Alkohol, als Stoff für die Literatur bleibt ambivalent-prekär. 

Als Charles Jacksons Roman übers Trinken, "Das verlorene Wochenende", 1944 erschien, war Jackson fast ein Jahrzehnt nüchtern, sein Buch ein totaler Erfolg, der alles, was danach von ihm geschrieben wurde, in den Schatten stellte. Jacksons Roman stürzte wegen seines großen Erfolgs, auch weil das Trinken hier einfach nur geschah, ohne Überbau war, geschweige denn einen kreativen, dieser Roman also stürzte wiederum seinen Kollegen Malcolm Lowry in eine tiefe Krise. Lowrys ein paar Jahre dann erschienener und bester Roman "Unter dem Vulkan", eine große Alkoholikerstudie, erschien nun epigonal. Zu offensichtlich war, wie Lowry in der Figur des Konsuls "seine größte Schwäche... zu seiner größten Stärke" machen wollte - um seinerseits nach dem ihm nach der Veröffentlichung doch beschiedenen Erfolg noch mehr dem Alkohol zu verfallen und danach nie mehr so etwas Gutes zu schreiben wie "Unter dem Vulkan".

Aber dann ist da auch wieder Marguerite Duras, die Jamsion mit den Worten zitiert: "Die Illusion ist total: Was sie sagen, hat noch nie jemand gesagt. Doch der Alkohol schafft nichts von Dauer. Das ist Luft." Und auch mit dem David-Foster-Wallace-Biografen D.T. Max ist Jamison einer Meinung, dass Wallace den Kosmos der Genesung und der Selbsthilfegruppen schnell als 'literarische Chance' begriff. "Unendlicher Spaß", Wallaces Meisterwerk, las sie wie "ein Selbsthilfeprogramm" (...), täglich 50 Seiten, "egal, ob ich Lust drauf hatte oder nicht". Am Ende fieberte sie mit dem Helden, auf dass dieser nüchtern bleibe: "Ich war dankbar dafür, dass sich meine Begehrlichkeiten hinsichtlich des erzählerischen Fortgangs auf die Genesung richteten und nicht auf den Rückfall."

Die Langatmigkeit gehört zum Programm

"Klarheit" erinnert an diesen Stellen an eine literaturwissenschaftliche Studie (tatsächlich hat Jamison, die an der Columbia University in New York lehrt, ihre Dissertation über Suchterzählungen verfasst), die nicht zuletzt Lust darauf macht, Carver, Rhys, Wallace etc. zu lesen oder wiederzulesen. Aber auch in ihrer politischen Aussage positioniert sich Jamison mit ihrem Buch ganz klar, reflektiert sie doch auch den zweifelhaften gesellschaftlichen Umgang mit dem Alkoholismus in den USA. Die Süchtigen sind mehr Täter denn Opfer, sie werden oft kriminalisiert, hier geht es um "Umerziehung". Zudem wird der Alkoholismus (wie auch andere Süchte) trotz anderslautender Zahlen gern Minderheiten zugeschrieben, um sie zusätzlich zu diskriminieren.

Die Crux von "Klarheit" ist, dass das Buch am stärksten ist, wenn Jamison sich von ihrer eigenen Geschichte löst. Aber zum einen wollte sie auch nichts anderes, darauf weist sie in ihrer Danksagung noch einmal explizit hin, als ein Buch schreiben, "das wie ein Treffen der Anonymen Alkoholiker funktioniert". Eine gewisse Langweile, eine gewisse Langatmigkeit gehört da mit zum Programm, am Ende hat das Trinken nichts Heroisches, sondern macht leer, kaputt, krank, bleibt aber als beständiger Reiz. Zum anderen sind da eben die Geschichten der anderen, der Prominenten wie Nicht-Prominenten, und diese gehörten zur Therapie von Jamison und beförderten ihre Genesung entscheidend.

Gerrit Bartels, kulturradio  

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