Lion Feuchtwanger: Ein möglichst intensives Leben: Die Tagebücher © Aufbau Verlag
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Sachbuch - Lion Feuchtwanger: "Ein möglichst intensives Leben. Die Tagebücher"

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Der 1884 in München geborene Lion Feuchtwanger war ein Starautor der Weimarer Zeit. Als die Nazis die Macht übernahmen, floh der deutsch-jüdische Autor zuerst nach Frankreich, später in die Vereinigten Staaten. Jetzt sind erstmals seine gesammelten Tagebücher erschienen.

Der 1884 in München geborene Lion Feuchtwanger war ein Starautor der Weimarer Zeit. Mit Romanen wie "Jud Süß", "Erfolg" oder "Die Geschwister Oppermann" erreichte er Millionenauflagen. Als die Nazis die Macht übernahmen, floh der deutsch-jüdische Autor zuerst nach Frankreich, später in die Vereinigten Staaten. In Pacific Palisades, einem Vorwort von Los Angeles, bewohnte er die "Villa Aurora", die heute zu einem Studienort für Künstler geworden ist. Vor 60 Jahren, am 21. Dezember 1958, starb Feuchtwanger, ohne jemals wieder deutschen Boden betreten zu haben. Jetzt sind erstmals - unter dem Titel: "Ein möglichst intensives Leben" - seine gesammelten Tagebücher erschienen.

Feuchtwangers Gedanken sollten nicht an die Öffentlichkeit kommen

Feuchtwangers Tagebücher waren nicht verschollen, aber gut versteckt. Sie lagerten viele Jahre bei Hilde Waldo, Feuchtwangers letzter Sekretärin, und wurden erst nach ihrem Tode dort entdeckt. Der Germanist Harold von Hofe hat sie dort im Jahre 1991 gefunden. Aber die meisten Notizen sind in der "Gabelsberger Kurzschrift" verfasst, die kaum noch jemand verstehen und entschlüsseln kann. Dann verstarb Harold von Hofe, und die Entschlüsselung und Veröffentlichung wurde erstmal auf Eis gelegt.

Die Tagebücher beginnen im Jahre 1906, als Feuchtender noch ein Student in München war und versuchte, mit Theaterstücken zu reüssieren; sie enden 1940, als er unter Lebensgefahr aus dem von Nazi-Truppen besetzten Frankreich nach Amerika fliehen kann. Aber sie weisen ein paar Lücken auf: Für die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, 1912-14, als Feuchtwanger mit seiner Frau Marta auf einer langen Reise durch Südeuropa und Nordamerika ist, fehlen die Einträge, und auch von 1922-1930, als Feuchtwanger erste Erfolge feiert, von München nach Berlin zieht und sich im Grunewald eine Villa bauen lässt, schweigt das Tagebuch.

Vielleicht sind die Tagebücher dieser Zeit auch bewusst vernichtet worden, weil darin Gedanken und Ereignisse auftauchen, die zu intim sind. Die Herausgeber vermuten, dass Feuchtwanger auch in Amerika noch Tagebuch geführt hat, dass aber Hilde Waldo die Notizen hat verschwinden lassen, weil sie - wie vorher auch die anderen Sekretärinnen in Deutschland und Frankreich - mit dem Autor eine erotische Beziehung hatte und nicht wollte, dass die sexuelle Freizügigkeit, die im Hause Feuchtwanger herrschte, jemals an die Öffentlichkeit kommt.

Keine Erklärungen

Die Tagebücher waren niemals für eine Publikation gedacht: In den meistens der oft sehr knappen Notizen hält er lediglich fest, welches Buch er gerade liest, an welchem Stück oder Roman er gerade arbeitet, welcher Verlag ihm noch Geld schuldet, und vor allem: mit welcher Dame er gerade das Bett teilt, ob er mit Ehefrau Marta intim oder ob er bei einer seiner vielen Geliebten war, ob er eine Prostituierte aufgesucht hat.

Denn ein Tag ohne irgendeine Form von Sexualität war für Feuchtwanger, der - wie er als junger Student schreibt - ein "möglichst intensives Leben" führen will, ein verschenkter und misslungener Tag. Feuchtwanger hat stets betont, dass er niemals eine Autobiografie schreiben wolle, und gegenüber dem !Berliner Tageblatt" hat er in einem Interview 1931 behauptet, er schreibe keine Tagebücher, weil sie wie "Heeresberichte" sind, "man redigiert die Ereignisse so, wie man möchte, dass sie verliefen, nicht wie sie wirklich geschahen."

Das war natürlich eine Lüge, aber eben nur eine halbe: denn Tagebücher in jener Weise, wie wir sie von Thomas Mann oder Max Frisch kennen, die ihre täglichen Notizen dazu genutzt haben, um ihr Leben zu reflektieren und sich neu zu erfinden, die das Tagebuch zu einer literarischen Gattung geformt haben, all das ist Feuchtwanger völlig fremd.

Wie er gesehen werden wollte, was er politisch dachte und literarisch anstrebte, hat er in seinen Essays, Stücken und Romanen aufgeschrieben, in den Tagebüchern listet er nur sein tägliches Arbeitspensum und seine täglichen sexuellen Eroberungen auf: Am 3. Juni 1911 schreibt er z. B.: "Mit Marta in den Isarauen; sie war sehr lieb. Auch nachmittags war sie wieder da. Plötzlich eine unglaubliche sexuelle Erschöpfung über mich. Abends lange im 'Stefanie' gespielt; dann ein Gelegenheitsfräulein zu 3 Mark mitgenommen."

Oder am 14. Juli 1915: "Mit Marta sehr gehurt wie immer die letzten Tage. Trüber, müder Tag. In Karpeles' unglaublich oberflächlicher und schwülstiger Geschichte der jüdischen Literatur gelesen." Am 7. November 1918: "Die Revolution bricht los. Sie etwas besichtigt." Am 2. April 1919: "Ein junger Mensch bringt ein ausgezeichnetes Stück: Bert Brecht." Und am 9. März 1920: "Probe 'Thomas Wendt'. Das Ganze befriedigend. Bei einer Hure. Marta unwohl." So geht das immer weiter und immer fort: immer nur der Name eines Schriftsteller-Kollegen, mit dem er sich herumtreibt oder mit er zusammen etwas ausheckt (das ist mal Frank Wedekind, mal Bert Brecht, mal Heinrich Mann, mal Arnold Zweig), dann oft der Titel eines Theater-Stückes, das gerade geprobt wird, oder eines Romans, an dem er gerade arbeitet, und natürlich: der Hinweis auf die Frau, mit der er gerade intim ist.

Ansonsten keinerlei Erklärungen, nichts darüber, warum er dieses Stück und jenen Roman schreibt oder was er von der Münchner Räterepublik hält, später wird er auch nicht ins Detail gehen, was er von Hitler hält, wie er das Exil erlebt und die Flucht nach Amerika gelingt: Immer nur ein paar dürre Informationen darüber, mit welcher Sekretärin er tagsüber an welchem Roman arbeitet und zwischendurch intim wird, mit wem er abends ins Casino geht und sein Geld verspielt, und wohin es ihn in der Nacht zieht, zu einer Geliebten, einer Prostituierten oder zu seiner Ehefrau.

Banal und befremdlich

Die Tagebücher werfen kein neues Licht auf Leben und Werk von Feuchtwanger und tragen nicht dazu bei, den Autor neu und besser zu verstehen. Rund um seinen 100. Geburtstag gab es Mitte der 1980er Jahre schon einmal eine Flut von Biografien, in denen Werk und Leben ausgedeutet wurde: da gibt es eigentlich keinen Interpretationsbedarf mehr. Dass Feuchtwarmer ein Erotomane war und keine Probleme hatte, die Ehefrauen seiner Freunde - z. B. die Gattinnen von Bruno Frank oder Aldous Huxley - ins Bett zu bekommen, oder dass er mit seinen Sekretärinnen (Lola Sernau und Eva Herrmann) Arbeit und Freude lustvoll verknüpft hat, war bekannt, nur jetzt wissen wir es noch ein bisschen genauer.

Wer hofft, nicht nur mehr über seine sexuellen Obsessionen zu erfahren, sondern auch über die Absichten und Abgründe seiner Literatur oder worüber er mit Brecht oder Heinrich Mann oder Arnold Zweig gesprochen hat, wird enttäuscht. Auch über seinen Besuch in der Sowjetunion und sein Treffen mit Stalin erfährt man aus den Tagebüchern nicht mehr als das, was Feuchtwanger ohnehin in seinem umstrittenen Buch "Moskau 1937" beschrieben hat. Ich habe den Schriftsteller Feuchtwanger immer verehrt und selbst 1988 ein Buch über ihn publiziert, aber die Tagebücher empfinde ich als banal und befremdlich und sie machen mir den manischen Frauen-Verzehrer Feuchtwanger - gerade heute, in Zeiten von #MeToo - ein bisschen unsympathisch.

Frank Dietschreit, kulturradio

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