Nora Bossong: Kreuzzug mit Hund © Suhrkamp
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Gedichte - Nora Bossong: "Kreuzzug mit Hund"

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Bekannt geworden ist die Berliner Schriftstellerin Nora Bossong u.a. mit ihrem Roman "36,9 Grad" über Antonio Gramsci, den italienischen Politiker und Philosophen. Jetzt ist ein neues Buch von ihr erschienen, der Gedichtband "Kreuzzug mit Hund".

Der Suhrkamp-Verlag wirbt für das Buch mit den Worten "Wer braucht noch Ritterromane und Soldatenlieder – die Zeit der Helden ist lange vorbei". Das klingt nach kultureller Erschöpfung, nach dem Ende des Abendlandes "as we know it". Dazu passt, dass Nora Bossong einige kräftige politische Akzente setzt: "Kurzes Asyl" heißt das erste Kapitel. Das Gedicht gleichen Namens hält freilich keine markigen Positionierungen bereit.

Diese Asylanten sind Ziegen, "fehlgelieferte Passanten, niemand hatte sie bestellt". Und weiter: "Bis ins Haus drang drög ihr Blöken. Wir vergruben uns unter den Kissen, zornig, panisch, um den Schlaf gebracht." Schließlich nimmt ein Lieferwagen die Tiere mit, und es heißt: "man würde sie nun ihrem wahren Adressaten übergeben."  

Ist das ein Gleichnis? Wenn ja, dann auf jeden Fall eines, das sich alle Hintertüren offenlässt. Das hat durchaus Vorteile. Selten bekommt es der Lyrik gut, wenn sie vor einen politischen Karren gespannt wird. So gesehen, können wir Leser froh sein, wenn Nora Bossong lieber nach irritierenden Bildern Ausschau hält als nach kernigen Parolen.

Europa, dieser Nasenpopel

Dennoch mag sie das Spiel mit Reizwörtern nicht ganz lassen. Das Eingangsgedicht "Ach Europa" setzt den europäischen Kontinent mit der Zeus-Geliebten aus der griechischen Mythologie ineins. "Kriege hatte sie wie andere Leute Erkältungen", heißt es lapidar, und dann: "doch irgendetwas liegt uns an ihr, Europa, dieser verschreckten Zwergin am Ende der Welt."

Das klingt zwar ironisch, hat aber doch ein gewisses verdrehtes Pathos. Mancher mag an Gottfried Benns Gedicht "Alaska" denken, das 1913 kraftmeierisch behauptete: "Europa, dieser Nasenpopel / Aus einer Konfirmandennase / Wir wollen nach Alaska gehn." Zwei Weltkriege haben gezeigt, dass Benn die – auch zerstörerische – Kraft Europas damals unterschätzte. So könnte man sich auch fragen, ob Nora Bossong ihrem Thema heute gerecht wird, wenn sie Kriege mit Erkältungen vergleicht.

Gefühle des Verfalls und der Wehmut

Der Okzident ist Nora Bossong nicht Selbstzweck, sondern Sprungbrett in den Orient. "Okzidentien" heißt ein Kapitel, es besteht größtenteils aus Stadtimpressionen aus dem "alten Europa". Ihm folgt das Kapitel "Altes neues Land", das Gegenwart und Vergangenheit im heutigen Israel mit einer Schärfe kontrastiert, dass es quietscht. Über die historische Davidsstadt in Jerusalem heißt es: "ein Reisebus der Firma Fun Tours wartete ergeben vor einer Hinweistafel: Holocaust-Keller, daneben König Davids Grab".

Und dann gibt es noch ein Kapitel "Mysterien", acht Gedichte, die wohl anlässlich einer Iran-Reise mit den Stationen Teheran-Isfahan-Schiras entstanden sind. Auch hier wird vieles von einem Gefühl des Verfalls und der Wehmut umweht, aber es gibt auch scharfe, eindrückliche Zeilen, etwa wenn eine Frau in Teheran sagt: "du weißt nicht, wie Brot schmeckt, wenn es kein Brot gibt, wie man Krieg schwänzt, als wär's eine Stunde Unterricht am Nachmittag."

Wunderbar feinsinnige Formulierungen

Kein Zweifel, die Autorin ist herumgekommen, und sie hat viele Eindrücke mitgebracht, oft aus Hotels, Museen und von historischen Stätten. Ein "West-östlicher Divan" mit anregenden kulturellen Querverbindungen ist "Kreuzzug mit Hund" nicht geworden, Dazu ist das Buch zu sehr auf einen melancholischen Grundton eingestimmt. Letztlich bleibt es auch einem sehr abendländischen Bildungston verhaftet, der neben der griechischen Königstochter Europa auch Dädalus, Macbeth, Rembrandt und etliche andere Heroen der Geistesgeschichte kundig herbeizitiert.

Auch wenn die Überfrachtung mit einer kulturpolitischen Agenda dem Buch nicht immer gut bekommt, lohnt sich die Lektüre, denn es gibt immer wieder großartige Zeilen, die einem geradezu den Atem verschlagen. Dass Nora Bossong wunderbar feinsinnige Formulierungen und Bilder für scharfe Wahrnehmungen finden kann – das beweist dieser Band ein ums andere Mal. Das ist ihre Stärke, und wenn sie die voll ausspielt, ist sie eine unserer interessantesten Lyrikerinnen, und sicherlich eine der stärksten ihrer Generation. Leider hat sie sich in "Kreuzzug mit Hund" von den Zeitläuften ein wenig aus der Bahn bringen lassen.

Steffen Jacobs, kulturradio

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